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Ökumene im Widerspruch

Eine Tagung bei Salzburg

Nicht nur die Einheit der Menschheit, auch die Einheit der christlichen Kirchen lässt auf sich warten. Und damit sind grosse Probleme und Gefahren verbunden. Die diesjährigen Fuschler Gespräche (21. bis 24. Juli 1999) standen unter dem Thema «Ökumene im Widerspruch». Damit fand die grosse Tradition der Fuschler Schlossgespräche, wie sie seinerzeit von Oskar Schatz und Gerhard Ruis initiiert wurden, eine bewegende Fortsetzung.

Ein Dutzend international renommierter Wissenschafter aus Philosophie, Theologie, Natur- und Gesellschaftswissenschaften hatten sich zu einer kritischen Bestandsaufnahme zusammengefunden. Bezeichnend war, dass das leitende Stichwort von der Ökumene nicht auf den innerkirchlichen Sprachgebrauch verengt wurde, sondern im Sinne des Soziologen Friedrich H. Tenbruck, eines der Gründer der Fuschler Gespräche, säkular interpretiert wurde. Der durch die Jahrhunderte gehende «Traum der säkularen Ökumene» befand sich immer in Spannung zur Existenz der Nationen und Nationalkulturen. Mit dem immer stärker werdenden Trend zur Globalisierung ist die Frage nach der Einheit neu zu stellen. Die auf Schloss Fuschl versammelten Wissenschafter gaben sich nicht als Einheitsfanatiker. Die von ihnen vorgenommene Analyse beleuchtete eher die Schwierigkeiten und Brüche als die Chancen auf dem Weg in die Menschheitseinheit.

«Zivilisationsökumene»

Gerade der Begriff der Einheit im Sinne problemträchtiger Vereinheitlichung geriet immer wieder in die Kritik, so bei dem Philosophen Hermann Lübbe (Zürich), der unter dem Leitbegriff der «Zivilisationsökumene» von der Relativierung der städtischen Zentren und von dem Heraufkommen eines neuen Regionalismus sprach. Differenzierung und Pluralisierung im Kontext eines neuen zentrenlosen Weltnetzes, das die Nationalstaaten nicht aufhebt &endash; das war die kulturgeschichtliche Perspektive, die er anbot.

Noch näher an die Realitäten von heute führten die Überlegungen des Zürcher Soziologen Hans- Joachim Hoffmann-Nowotny. Im Konflikthorizont einer immer stärker werdenden internationalen Migration unterstellte er der westlichen Doktrin des freien Marktes und der unbegrenzten Dienstleistungen Inkonsequenz insofern, als sich eben diese Länder zunehmend gegen den wachsenden Strom der Einwanderer abschotteten und die Eingewanderten kulturell isolierten. Die weltweite Verwestlichung fördere den Fundamentalismus in den Unterschichten der Ursprungsländer und die kulturelle Isolierung der Eingewanderten in den neuen Gastländern. Hier sei eine differenzierte Strukturpolitik gefordert. Nicht die Propagierung der Gleichheit, sondern die differenzierte Anerkennung der Verschiedenheit sei die Voraussetzung für Befriedung und Einheit.

Es konnte dann auch nicht überraschen, dass die Philosophen Rüdiger Bubner (Tübingen) und Karl Homann (Eichstätt-Ingolstadt) auf der von Lübbe begonnenen Linie der Pragmatik fortfuhren und die programmatische und moralische Beschwörung der Einheit dadurch umgingen, dass sie sich auf die Analyse von Vermittlungs- und Kommunikationsmustern zur Gestaltung der Moderne einliessen. Wenn die Ethik, so Karl Homann, die aktuellen Probleme ändern wolle, müsse sie die Kommunikationsstrukturen und nicht die Menschen ändern. Und dazu bot er Kommunikationskonzepte an, die im Dienst der Ermittlung des gemeinsamen Nutzens stehen sollen. Das utilitaristische Kalkül als Ersatz von Ethik und Sinn hatte also auch hier Einzug gehalten. Mit dieser Pragmatik ist zweifellos ein wichtiges Instrument der innergesellschaftlichen und internationalen Verständigung bei sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen gegeben. Aber reicht diese methodische Variation zur Lösung der Weltprobleme, die sich mit der Einheitsfrage stellen?

Einheitsgedanke

War von den Theologen in Fuschl nichts Hilfreiches und Weiterführendes zu hören? Wolfgang Speyer (Salzburg), Fachmann für Geschichte der Alten Kirche und der Antike, zeigte in einem faszinierenden Referat, wie tief der Gedanke der säkularen Ökumene im römischen Recht und im römischen Friedensgedanken verankert war und von dort ins Mittelalter und in spätere Zeiten ausstrahlte. Er betonte auch, dass der Einheitsgedanke in der biblischen Tradition als fundamentale Ansage für die Menschheitsgeschichte unumgänglich sei. Aber die meisten Tagungsteilnehmer in Fuschl bestritten die aktuelle Relevanz solcher Vorgaben. Der protestantische Dogmatiker Eberhard Jüngel (Tübingen) hingegen, der gleich zu Beginn des Symposions sprach, konzentrierte sich bei seinen Überlegungen zur «ökumenischen Realität» auf die Rechtfertigungslehre und die neueren Verständigungsversuche zwischen lutherischen Kirchen und dem Vatikan. Die Rechtfertigungslehre als Kern der Reformation ist nach Jüngels Auffassung nicht verhandelbar, und jede Verwässerung würde zum Tod der Ökumene führen. Die Antwort auf diese Frage, ob es nicht bei ungeschmälerter Anerkennung der Rechtfertigungslehre doch Muster der diskursiven Verständigung geben könne, blieb offen.

Der Biologe und Theologe Günter Altner (Heidelberg) schliesslich kehrte zur Perspektiv der Einen Welt zurück, indem er einerseits die Veränderungs- und Vereinheitlichungstrends in der technischen Zivilisation an der Jahrtausendwende herausarbeitete, andererseits aber mit dem Paradigma der «Nachhaltigkeit» auf eine Verpflichtung zur ökosozialen Einheit hinwies, die im letzten nur aus der religiösen Ehrfurcht vor Mensch und Schöpfung kommen könne. Der umsichtigen Moderation von Gerhard Ruis war es zu verdanken, dass die überaus verschiedenen Analyse- und Lösungsansätze systematisch miteinander in Spannung gehalten wurden, so dass dabei eine von den gängigen Mustern abweichende Zeitansage zustande kam.

Günter Altner

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 03.08.1999

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