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Beschreibung einer Sachlage

Arnold Zweigs «Bilanz der deutschen Judenheit 1933»

Spätestens mit dem Datum des 27. Februars 1933, der Nacht des Reichstagsbrands, wurde Arnold Zweig klar, dass Deutschland für Juden, mochten sie sich noch so sehr als Deutsche verstehen, kein Lebensort mehr sein konnte &endash; sein wollte. Am 14. März verliess Zweig Berlin in Richtung Prag. Über Wien und Basel erreichten er und seine Frau am 20. Mai Gunten am Thunersee, rund einen Monat später Sanary-sur-Mer an der südfranzösischen Küste. Von Oktober bis Dezember verweilte er in Paris, von wo er Mitte Dezember in Richtung Palästina aufbrach.

Dieses Jahr 1933 nahm Zweig zum Anlass, anders lässt es sich nicht sagen, «Bilanz» zu ziehen. Es war dies eine Bilanz angesichts eines nicht mehr nur drohenden, sondern tatsächlich eintretenden Endes: «Gewiss ist die Zerstörung der deutschen Judenheit», schreibt Zweig gleich zu Beginn. Die «Bilanz» sollte eine Art letzter Mahn- und Hilferuf sein, die Zerstörung aufzuhalten. Es wurde aber ein Hilferuf von der tragischen Art, ein Hilferuf nämlich, der zu spät kam, nicht mehr gehört wurde, weder von den Deutschen noch vom übrigen Europa.

Die «Bilanz» war freilich auch ein höchst persönliches Ereignis &endash; Zweig hat den Essay wie kein anderes seiner Bücher unterwegs geschrieben, ohne festen Wohnsitz: Die Idee dazu formulierte er in Wien am 23. April 1933 gegenüber seinem Freund und «Vater» Sigmund Freud, wie er auch zunächst beabsichtigte, das Buch im Internationalen psychoanalytischen Verlag zu veröffentlichen. In Gunten am Thunersee gewann die Idee konkrete Gestalt: Zweig konzipierte, notierte, verhandelte mit Verlagen. Am 28. Mai besuchte ihn dort ein Partner des Amsterdamer Querido-Verlags, mit dem die Publikation vereinbart wurde, am 14. Juni schickte er das fertige Konzept nach Amsterdam. Zwei Tage später erreichten die Zweigs Sanary-sur-Mer, wo sie von Lion und Martha Feuchtwanger empfangen wurden. Hier begann Zweig mit der Niederschrift &endash; sprich: dem Diktieren &endash; des Essays. In Paris schloss er die Arbeit ab. Das nahezu fertige Manuskript hinterliess er dort «Frau Dr. Hanna Stern-Arend» zur Korrektur, während Zweig selbst Mitte Dezember in Marseille das Schiff nach Haifa bestieg.

Die «Bilanz der deutschen Judenheit» war nicht Zweigs erster Versuch, die Lage der Juden in Deutschland politisch, soziologisch, kulturell &endash; und auch psychoanalytisch &endash; zu deuten. Es war nicht sein erster Versuch, den Antisemitismus zu verstehen. Schon in den Jahren 1921 und 1922 verfasste Zweig unter dem Titel «Der heutige deutsche Antisemitismus» eine Serie von vier Artikeln für Martin Bubers Zeitschrift «Der Jude». Hier hatte Zweig, der wie viele deutsche Juden noch im Ersten Weltkrieg als freiwilliger Soldat für «die gerechte Sache Deutschlands» eingetreten war, den Antisemitismus als ein bloss drittrangiges Problem eingestuft und davor den Aufbau Palästinas und die Rettung des Ostjudentums gestellt. Fünf Jahre später aber, in seinem Essay «Caliban», einem «Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften, dargetan am Antisemitismus», korrigierte Zweig seine Position und entschloss sich, den Antisemitismus, der im kulturellen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben Deutschlands mittlerweile zu einem zentralen Phänomen avancierte, äusserst ernst zu nehmen. Die Einsicht des «Caliban» ist die Ausgangslage der «Bilanz». Der erste Teil, den Zweig nüchtern und ohne jede Übertreibung mit «Beschreibung einer Sachlage» überschrieben hat, ist der Versuch einer Phänomenologie des Antisemitismus.

Auch der grössere, zweite Teil der «Bilanz» beruht auf einer Vorarbeit: dem Essay «Juden auf der deutschen Bühne» (1927). In der «Bilanz» nun geht es Zweig um eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Leistungen der Juden nicht nur auf der Bühne, sondern innerhalb der deutschen und europäischen Kultur überhaupt. Es war dies eine Antwort auf die für Zweig grösste Provokation des Antisemitismus, wie sie etwa Hitler in «Mein Kampf» formuliert &endash; und Zweig in der «Bilanz» zitiert hat: «Da nun der Jude [. . .] niemals im Besitze einer eigenen Kultur war, sind die Grundlagen seines geistigen Arbeitens immer von anderen gegeben worden.» Mit Vehemenz hielt Zweig dieser Behauptung entgegen, dass erst die schöpferische Zusammenarbeit zwischen Juden und Nichtjuden die moderne deutsche Kultur ermöglichte.

Freilich war es nicht leicht, auf den aller Argumentation spottenden Vorwurf zu antworten. Es hat System, wenn Zweig deshalb nicht eigentlich argumentierte, sondern die kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen der deutschen Juden aneinanderreihte, mehr noch: aufeinandertürmte, um auf diese Weise das Faktum der jüdischen Kultur geradezu zu beschwören. Dieses Verfahren hatte Zweig bereits in dem Essay «Juden auf der deutschen Bühne» entwickelt. Es schien ihm die einzig mögliche Art und Weise, auf die These der Juden als «Parasiten» und «Schmarotzer» zu antworten. Es ist auch bezeichnend, dass Zweig als wichtigste Quelle der «Bilanz» das fünfbändige «Jüdische Lexikon» diente, das 1927&endash;1930 im Jüdischen Verlag erschienen war und von dem sich ein Exemplar in Feuchtwangers Bibliothek in Sanary-sur-Mer befand. Ganze Passagen der «Bilanz», die in der Aufzählung von Fakten selbst Handbuchcharakter erhält, sind aus dem Lexikon zitiert oder paraphrasiert.

Es ist nicht ganz unverständlich, dass die apologetische Anlage der «Bilanz» auch als tendenziell «chauvinistisch» (Ludwig Marcuse) kritisiert werden konnte, selbst wenn Zweig jeden jüdischen Chauvinismus ausdrücklich zurückgewiesen hat. Weitaus tragischer war freilich, dass der Essay in dem veränderten Deutschland, das, wie Zweig verzweifelt feststellte, internationale Beachtung fand, keine «praktische Wirkung» mehr haben konnte &endash; die Wirkung nämlich, der «Nazi- Propaganda» entgegenzutreten.

An der Notwendigkeit seines Vorhabens hielt Zweig erneut fest, als er, seit 1948 in Ostberlin lebend, nach den nazistischen auch die stalinistischen Judenverfolgungen in den Blick bekam. Zu einer geplanten DDR-Neuauflage kam es jedoch nicht, auch deshalb, weil das Kulturministerium ideologiekonforme Änderungen forderte, die Zweig nicht nachvollziehen konnte. Statt dessen ermöglichte 1961 der Kölner Melzer-Verlag eine unveränderte Neuauflage, der Zweig eine neue Vorrede voranstellte. So notwendig das Buch selbst hier noch gewesen wäre &endash; Zweig spielt im Vorwort auf neue Fälle von Antisemitismus in der BRD an &endash;, so schlecht verkaufte es sich auch 1961: von den 3000 gedruckten Exemplaren waren Ende Jahr bloss 500 an den Buchhandel ausgeliefert.

Der neuen Ausgabe der «Bilanz» innerhalb der Berliner Zweig-Ausgabe des Aufbau-Verlags (herausgegeben von Frank Höringk und Julia Bernhard), Zweigs Hausverlag seit seiner Übersiedlung in die DDR, wird gewiss mehr Erfolg beschieden sein. Dies gilt übrigens nicht nur für die «Bilanz», sondern insbesondere für die bisher unveröffentlichten Essays «Freundschaft mit Freud» und «Dialektik der Alpen». Die «Bilanz», zweifellos Zweigs wichtigster Essay, ist von Thomas Taterka mit hilfreichen Anmerkungen, einem vorzüglichen Nachwort und einem Register versehen worden. Damit wird die historisch-politische Situation, auf die Zweigs Essay reagiert, leicht nachvollziehbar.

Andreas Kilcher

 

Arnold Zweig: Bilanz der deutschen Judenheit 1933. Ein Versuch. Berliner Ausgabe Bd. III/2. Aufbau-Verlag, Berlin 1998. 441 S., Fr. 68.&endash;.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 05.08.1999

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