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Hans Küngs Gesamtschau der Weltreligionen

F. St. Hans Küng, der bekannte Tübinger Theologe schweizerischer Herkunft, hat die Weltreligionen in verschiedenen voluminösen Bänden in Dialogform erörtert, mit fachkundigen Religionswissenschaftern als Gesprächspartnern. Nun hat er das Fernsehen als Medium gewählt, um seine Botschaft einem noch grösseren Publikum zugänglich zu machen, und das Dialogische ist verschwunden. Küng bringt in einer Serie von acht Sendungen dem Zuschauer die Welt der Religionen nahe, ganz ähnlich, wie vormals Bernhard Grzimek die Welt der Tiere in die Stuben brachte. Die Sendefolge (eine Koproduktion des damaligen Süddeutschen Rundfunks und des Fernsehens DRS) begann mit einem Beitrag über «Stammesreligionen»; die zweite Folge ist morgen dem Hinduismus gewidmet.

Beispiele von Stammesreligionen sucht Küng in Australien und Afrika (Simbabwe), wobei er zunächst den Typus der Jäger und Sammler, dann denjenigen einer Pflanzerkultur zur Darstellung bringt. In Australien kommt besonders das Verwobensein von mythischen Erzählungen und Landschaft, von Ritual und Lebensraum zum Ausdruck – kurz das, was man gern «Traumzeit» nennt. Mit Recht betont Küng die kulturelle Differenziertheit australischer Ethnien (und deshalb hätte er konsequenterweise auch auf den Begriff «Naturvolk» verzichten sollen). In Afrika konzentriert sich Küng auf bestimmte Rollen, etwa die des «Regenmachers», welcher die Ahnen verkörpert und diesen eine Stimme leiht, und des Heilers, der die Dämonen mit (befremdlicher) Gewalt auszutreiben versucht. Im Blick auf Indien wird betont, dass «Hinduismus» ein westlicher Sammelbegriff ist, der eine Menge ganz gegensätzlicher Kulte bezeichnet – mit Unterschieden im Hinblick auf die verehrten Götter, mit Unterschieden in der Verehrungsweise (die von massiv- dinghafter bis zu ganz vergeistigtem Umgang mit dem Göttlichen reicht), mit Unterschieden im Ziel der religiösen Aktivitäten.

Küng betont immer wieder die historische Dimension der Religionen. Wo es um Religionen schriftloser Kulturen geht, wird die Evolution des Menschen überhaupt mit ins Spiel gebracht – keine Kultur ohne Religion, der Mensch ist gewissermassen von Natur aus religiös. Die indische Religionsgeschichte erscheint im Prozess der vielfältigen Wandlungen seit dem Eindringen der Arier in den Raum indischer Hochkultur. Vor allem aber erfahren die neuzeitlichen Entwicklungen Beachtung: Kolonisierung, Missionsgeschichte, Dekolonisierung und jüngste Entwicklungsschübe. Dabei zeichnet Küng durchaus ein differenziertes Bild: Kolonial- und Missionsgeschichte sind nicht einfach schlecht, sondern sie haben ganz unterschiedliche Folgen gehabt. Typische Modernisierungsprobleme werden gezeigt – etwa die Versuche der australischen Aborigines, ihre Identität wiederzufinden (und entsprechende Landrechte geltend zu machen), die Suche einheimischer afrikanischer Kirchen nach einer eigenen Formensprache, die Orientierung indischer Eliten zwischen Tradition und Aufklärung.

Die beiden ersten Sendungen zeichnen sich durch aussagekräftige, auch schöne Bilder aus, wobei es nicht nur um «Visualisierung» geht, sondern darum, dass eben religiöse Botschaft sich in den meisten Fällen in hohem Masse visuell ausdrückt; und dies kommt in der Sendereihe gut zum Ausdruck. Die dabei drohende Degradierung fremder Religion zu einem exotischen Schaustück wird durch den Kommentar wenigstens teilweise aufgefangen.

Zwischendurch wendet sich Küng (wieder wie einst Grzimek) direkt an das Publikum, um die Bilder aus etwas mehr Distanz zu kommentieren, vor allem aber, um seine eigene Botschaft hinüberzubringen. Es ist die Botschaft, die man von ihm erwartet: Kern der Religionen ist ein Ethos – und dieses Ethos ist überall etwa gleich, an den Unterschieden im Dogmatischen braucht man sich also nicht zu lange aufzuhalten. Religionen müssen lernen, miteinander auszukommen – denn: kein Weltfriede ohne Religionsfriede. Und schliesslich überlegt Küng, wie man die einzelnen religiösen Traditionen für ein noch zu suchendes Weltethos nutzbar machen könnte, wie also die historischen Religionen Ressourcen für eine kommende Zivilreligion des Weltbürgers sein könnten.

Küng betont immer wieder, dass die verschiedenen religiösen Traditionen dem Menschen zu einer Identität verhelfen. Allerdings hat diese Identität während Jahrhunderttausenden darin bestanden, sich von fremden, bedrohlichen menschlichen Gruppen abzusetzen – durch Abgrenzung und Aggression. Dieses aggressive Potential der Religionen kommt nur beiläufig ins Bild; und damit wird auch das Element, welches die Nutzung von Religionen für das «Projekt Weltethos» am meisten in Frage stellt, ungenügend in Rechnung gestellt.

Küng geht davon aus, dass die Werte der Aufklärung den gemeinsamen Nenner der Religionen ausmachen; aber dieser Glaube, der die Leitlinie von Küngs religionsvergleichender Darstellung abgibt, dürfte einer empirischen Überprüfung schwerlich standhalten.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 24.07.1999

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