Weltreligionen und Weltethos
Gemeinsamkeiten als Grundlage globalen
Friedens?
Hans Küng, emeritierter Professor für
ökumenische Theologie der Universität
Tübingen, präsentiert in einer Fernsehserie die
wichtigsten Religionen. In der Besprechung der ersten
beiden Sendungen (NZZ vom 24./25. 7. 99) ist Fritz Stolz,
Professor für allgemeine Religionsgeschichte und
Religionswissenschaft an der Universität
Zürich, auch kurz und kritisch auf
Küngs Anliegen eines Weltethos eingegangen. Wir
publizieren im folgenden eine Zuschrift Küngs und
eine Replik.
Fritz Stolz hat meiner Fernsehserie «Spurensuche.
Die Weltreligionen auf dem Weg» erfreulicherweise
breiten Raum gewidmet. Anhand der ihm bis zu jenem
Zeitpunkt bekannten Sendungen über Stammesreligionen
und Hinduismus hat er sich um einen im ganzen
verständnisvollen Kommentar zu wesentlichen Aspekten
bemüht. Dafür meinen aufrichtigen Dank. Dennoch
reagiere ich auf einige Punkte, weil mir daran gelegen
sein muss, dass sich keine schwerwiegenden
Missverständnisse beim Publikum festsetzen.
Übereinstimmung, keine Gleichheit
1. Ist für mich «Kern der Religionen ein
Ethos» und ist dieses Ethos «überall etwa
gleich»? Keineswegs. Das ist zwar das, was der
Verfasser zugestandenermassen «erwartet», aber
wahrhaftig nicht das, was ich geschrieben und gesagt
habe. Der «Kern» der Religionen ist die
Begegnung mit dem Heiligen, Absoluten, Göttlichen,
Gott. Doch gerade so sind die Religionen immer so etwas
wie geistige Koordinatensysteme, die erstaunlicherweise
bestimmte gemeinsame Massstäbe des Handelns, ja eine
grundlegende Übereinstimmung im Ethos aufweisen.
Diese kann zusammen natürlich mit den grossen
philosophischen Traditionen der Menschheit eine
Grundlage sein für ein gemeinsames Menschheitsethos,
ein Weltethos. Weltethos meint also jenes Minimum
verbindender Werte, unverrückbarer Standards und
persönlicher Haltungen, die Menschen verschiedener
Religionen teilen und die auch von Nichtglaubenden
mitgetragen werden können. Solche globalen Werte und
Massstäbe bewusst zu machen, ist für die
Zukunft unserer Welt und jede menschliche Gemeinschaft
unbedingt notwendig.
2. Braucht man sich also deshalb «an den
Unterschieden im Dogmatischen (. . .) nicht zu lange
aufzuhalten»? Wenn man sich als Theologe ein Leben
lang bei ihnen aufgehalten hat, braucht man sie in der
Tat nicht immer neu aufzuwärmen. Gerade eine
Fernsehserie ist doch wohl nicht dazu da, Dogmatik zu
dozieren. Die Serie selber macht im übrigen
deutlich, wo die grossen Unterschiede liegen. Bei den
Stammesreligionen kann man ohnehin nicht von Dogmatik
sprechen, und im Hinduismus spielen die
«Dogmen» eine eher marginale Rolle. Meine
zentrale Botschaft ist in der Tat, dass es in der
heutigen Welt darum geht, sich nicht auf diese
selbstverständlich weiterhin existierenden
Unterschiede zu fixieren, sondern die bestehenden
frappierenden Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen
gerade im Ethos als Grundlage für die Arbeit am
Religions- und Weltfrieden zu nutzen.
3. Sollen also die historischen Religionen Ressourcen
einer «kommenden Zivilreligion des
Weltbürgers» sein? Auch dies nicht. Der Begriff
Zivilreligion meint ja eine säkulare Wertegrundlage
innerhalb einer Gesellschaft oder einer Nation, die sich
für ihre Äusserungsformen entweder mit
Elementen aus verschiedenen Religionen wie mit
Versatzstücken bedient oder eigene
pseudoreligiöse Formen entwickelt (Beispiel:
Nationalfeiertage). Das Weltethos ist demgegenüber
gerade kein kaschierter Prozess auf eine Zivilreligion
jenseits aller historischen Religionen hin. Ziel einer
weltweiten Verständigung zwischen den Religionen
kann und soll keine Welteinheitsreligion sein. Eine
solche zeichnet sich ohnehin nirgendwo auf der Erde ab.
Auch im neuen Jahrtausend kann die Vielfalt der
Religionen eine wechselseitige Bereicherung sein. Ziel
einer weltweiten Verständigung zwischen den
Religionen soll ein gemeinsames Menschheitsethos sein,
das aber die Religionen nicht ablösen soll. Das
Ethos ist und bleibt nur eine Dimension innerhalb der
einzelnen Religion und zwischen den Religionen.
Negatives und positives Potential
4. Wird von mir gerade «das Element, welches die
Nutzung von Religionen für das Projekt
Weltethos am meisten in Frage stellt»,
nämlich «das aggressive Potential der
Religionen, ungenügend in Rechnung gestellt»?
Dies am allerwenigsten. Die negativen Seiten der
Religion, mir aus persönlicher Erfahrung nur zu gut
bekannt, werden in dieser Filmserie in keiner Weise
verschwiegen. Ihr aggressives Potential ist wohlbekannt,
ständig auch in der Öffentlichkeit und in den
Medien präsent und braucht deshalb hier nicht
ausgewalzt zu werden. Dies alles bildet ja den
Ausgangspunkt meiner Bemühungen um den Frieden
zwischen den Religionen. Mehr als an diesen offenkundigen
negativen Seiten sind vielleicht auch die Zuschauerinnen
und Zuschauer an der positiven Funktion der Religionen
interessiert.
5. Gehe ich davon aus, «dass die Werte der
Aufklärung den gemeinsamen Nenner der Religionen
ausmachen»? Ein letztes Mal: nein! Die universalen
Massstäbe «nicht töten, nicht stehlen,
nicht lügen, nicht Unzucht treiben» (in die
heutige Zeit hinein zu übersetzen) sind
natürlich nicht erst Werte der Aufklärung,
sondern, wie ich in meinen Filmen darzustellen versuche,
uralte Massstäbe der Religionen. Die goldene Regel
etwa, anderen Menschen nicht das anzutun, was man auch
sich selber nicht angetan haben möchte, ist
ebenfalls keine Regel der Aufklärung, sondern schon
bei Konfuzius zu finden. Allerdings trifft sich dann die
Aufklärung mit dem positiven ethischen Kern der
Religionen: Das Humanum, das in der Aufklärung in
neue Dimensionen hinein verwirklicht wird, findet man
auch schon bei den alten Religionen.
Hans Küng
Augen der Aufklärung auf der
religiösen Vielfalt
Ich habe Hans Küngs Botschaft am Schluss meiner
Besprechung ganz knapp dahingehend zusammengefasst, dass
für ihn der Kern der Religionen ein relativ
konstantes Ethos sei, dem gegenüber die Unterschiede
im Dogmatischen nicht so sehr ins Gewicht fielen; dass
Friede unter den Religionen Voraussetzung für den
Weltfrieden sei und dass darüber hinaus die
religiösen Traditionen als Ressourcen für ein
künftiges Weltethos genutzt werden könnten und
sollten. Damit ist Küng als exemplarischer
Sachwalter aufklärerischer Interpretation von
Christentum und Religion überhaupt charakterisiert.
Er fühlt sich missverstanden, und seine Entgegnung
gibt Anlass zu Präzisierungen die freilich am
Gesamtbild nichts ändern.
Gemeinsamer Kern universale Werte
1. Im Zentrum der Religionen stehe nicht das Ethos,
meint Küng, vielmehr gehe es um die Begegnung mit
dem Heiligen, Absoluten, Göttlichen, Gott.
Einen ähnlichen definitorischen Ausgangspunkt
wählen viele Vertreter einer «Theologie der
Religion», die, adaptiert an die Postmoderne,
häufig einem Pluralismus von religiösen
Wahrheitsansprüchen das Wort reden; von da aus
lassen sich dann Dialogtheologien und dergleichen
entwickeln, die inhaltlichen Unterschiede im Inhalt (oder
eben: in der «Dogmatik») werden ausbalanciert
durch die Einheit einer «letzten Wirklichkeit».
Küng rechnet also mit einem «Kern»
religiöser Erfahrung in den Religionen geht
es, in vielfältiger und widersprüchlicher
Weise, letztlich um das gleiche. Ganz ähnlich hatte
ein aufgeklärter Lessing den einen Gott durch die
Gottesbilder von Judentum, Christentum und Islam
wahrgenommen.
2. Alle Religionen sind mit Konzeptionen der
Lebensordnung, damit auch mit Ethos verbunden, und die
elementaren Verhaltensregeln gleichen sich überall
vielfältig das ist gewiss zutreffend.
Allerdings gelten diese Regeln jeweils nur für die
eigene Lebensgemeinschaft; andere Menschen (oft bereits
Menschen anderer Schichten) werden in vielen Kulturen
überhaupt nicht als Menschen anerkannt. Nur
gelegentlich haben Religionen den Geltungsbereich
heilvoller und verbindlicher Lebensordnung ausgeweitet
auf die «Anderen», die (feindlichen)
«Fremden». Seit der Aufklärung allerdings
werden Werte und ethische Normen verallgemeinert; die
Menschenrechtsdiskussion ist das klassische Beispiel
dafür, wobei die europäische Geistesgeschichte
zeigt, wie schwierig diese Verallgemeinerung ist (man
denke an Frauenrechte und die Gleichstellung von Weissen
und Nichtweissen), und in weiten Bereichen der Dritten
Welt gehören Menschenrechte keineswegs zu den
lebenspraktischen Selbstverständlichkeiten. Für
Küng ist das typisch menschliche
«Grundrechtsempfinden» unmittelbar
generalisierungsfähig.
Normen ohne Religion
3. Nun hat die Ethik hierzulande ihre Bindung an die
Religion weitgehend verloren, Religion selbst ist aus
vielen Bereichen der Gesellschaft verschwunden. Dennoch
sind bestimmte ethische Selbstverständlichkeiten
weiterhin in allen Teilbereichen der Gesellschaft in
Geltung, gewisse Grundwerte werden gesamtgesellschaftlich
akzeptiert und von jedermann in Anspruch genommen. Niklas
Luhmann hat die amerikanische Zivilreligionsdebatte
sinnvoll auf diese Problematik hin weitergeführt.
Ein solcher Bedarf an ethischen und normativen
Selbstverständlichkeiten ergibt sich zunehmend im
weltweiten Rahmen: Globalisierungsprozesse aller Art
machen so etwas wie eine «globale
Zivilreligion» (oder, mit Küng zu sprechen: ein
«Weltethos») zu einer unbedingten
Notwendigkeit.
Wenn Küng die typische Solidarität
afrikanischer Kulturen und Religionen als Beitrag an
dieses Weltethos ins Auge fasst, dann generalisiert er
jenes Set an Selbstverständlichkeiten,
Verhaltensweisen und Werten; so wie er auch typisch
christlich-europäische Werte universalisiert
nach Art der Aufklärung, die ihre Werte
universalisierte. Kulturelle Bestände
unterschiedlichster Herkunft sollen zu Ressourcen
für die globale Zivilreligion werden warum
auch nicht? In Küngs Vorgehen spiegelt sich
jedenfalls eine theologische und politische Haltung,
welche zutiefst den Werten und Strategien der
Aufklärung verpflichtet ist eine durchaus
respektable Haltung übrigens, mit der ich mich in
vielerlei Hinsicht identifizieren kann.
4. Die Anfragen, die ich Küng gegenüber
andeutete, liegen auf anderer Ebene. Zunächst
fällt es der Religionswissenschaft heute nicht mehr
so leicht, ein inhaltliches «Zentrum» von
Religion zu bestimmen. Gewiss kann man da von Religion
reden, wo sich dem Menschen gegenüber ein
«Anderes» zeigt ein Raum des
Unkontrollierbaren und Unzugänglichen, des
Übermenschlichen und vielfach auch des
Unmenschlichen. Aber dieses «Andere» ist
inhaltlich nicht auf einen Nenner zu bringen, es ist
vielmehr jeweils relational und funktional auf das
«Diesseits», die kulturell überschaubare
Welt zu beziehen.
Die Reaktionsweisen an der Grenze zum
«Anderen» sind ambivalent: Da wird Staunen
ausgelöst, Ehrfurcht, Angst und nicht zuletzt auch
Aggressivität, um nur einige Elemente zu nennen.
Aggression gehört wohl zu den grundlegenden
religiösen Reaktionsweisen, es handelt sich nicht
etwa um Religion, die von ihrem Kern und ihrer Bestimmung
abgekommen wäre.
Küngs Bild der Religionen ist also in den
Augen des Religionswissenschafters etwas zu sehr
durch abendländisch-theologisch-aufklärerische
Wahrnehmung gesteuert. Immerhin: So entsteht
überhaupt ein Gesamtbild, und zwar ein
eindrückliches. Kein Religionswissenschafter
könnte wohl so unbefangen die Welt der Religionen in
ihrer Vielfalt und Einheit zur Darstellung bringen, wie
Küng das tut.
Fritz Stolz
© Neue Zürcher Zeitung -
11.08.1999