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Islamkunde als reguläres deutsches Schulfach

Ein nicht unumstrittener Versuch in Nordrhein-Westfalen 

In Nordrhein-Westfalen hat in diesen Tagen ein Versuch mit dem Schulfach «Islamkunde» begonnen. Unterrichtssprache ist Deutsch. Die Landesregierung hat sich mit ihrem Experiment jedoch die Kritik türkischer und arabischer Interessengruppen zugezogen, die für sich ein Mitspracherecht reklamieren und um ihren Einfluss fürchten.

Ko. Düsseldorf, 12. August

Mit dem Beginn des Schuljahres Anfang August hat in Nordrhein-Westfalen ein Experiment begonnen, das in Deutschland seinesgleichen sucht: An zunächst 37 Schulen des Landes wird versuchsweise Islamkunde als eigenständiges Unterrichtsfach gelehrt, und zwar in Deutsch. Die Stundenpläne sehen wöchentlich zwei Stunden dieser «islamischen Unterweisung» vor, wie sie offiziell genannt wird. Diese Bezeichnung soll deutlich machen, dass es sich hierbei nicht um Religionsunterricht im klassischen Sinne handelt und der Situation entsprechend auch nicht handeln kann. Der islamkundliche Unterricht soll muslimischen Schülerinnen und Schülern in Deutschland – so will es die Düsseldorfer Ministerin für Schule, Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung, Gabriele Behler – die islamische Tradition in ihrer Geschichte, Ethik und Religion vermitteln.

Ein Mittel gegen den Fundamentalismus?

Dennoch zählen die in der Islamkunde erzielten Noten in gleichem Masse bei Versetzung und Abschluss wie im Fach Religion. Im Rahmen des Versuchs wird das Fach an allen deutschen Schultypen, also an Grundschulen, Haupt- und Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen, angeboten. Die Teilnahme ist selbstverständlich freiwillig. Die Landesregierung sieht ihre Offerte an muslimische Kinder als Integrationsbeitrag, der helfen soll, in einem säkularisierten, von christlicher Kultur geprägten Land als Muslime zu leben. Das neue Schulfach solle das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen fördern.

Ob dies gelingen kann, ist zumindest fraglich. Schon bisher gab es an den Schulen Nordrhein- Westfalens die «islamische Unterweisung». Diese war Bestandteil des muttersprachlichen Unterrichts, der auf türkisch, arabisch und seit den kriegerischen Konflikten im früheren Jugoslawien auch auf bosnisch erteilt wurde. Jeweils zwei der insgesamt fünf Wochenstunden in diesem Lehrfach waren der Einführung in den Islam gewidmet. Allerdings blieb die Resonanz ausgesprochen mager: Nur 11 000 der 240 000 muslimischen Schülerinnen und Schüler nutzten laut Angaben des Düsseldorfer Ministeriums das Angebot des Landes.

Dies wiederum geht auf die reservierte Haltung der beiden islamischen Interessenvertretungen in Deutschland, des Islamrats und des Zentralrats der Muslime, zurück. Beide sehen im staatlichen Bemühen um den Islamunterricht offenkundig unerwünschte Konkurrenz für die Koranlehrer in den Moscheenvereinen, die überwiegend fundamentalistisch ausgerichtet sind. Viele muslimische Eltern vermeiden es ohnehin, ihre Kinder von liberal eingestellten Pädagogen in Islamkunde unterrichten zu lassen. Mittlerweile hat die Landesregierung 600 Lehrpersonen für das neue Fach weiterbilden lassen, und sie verspricht sich gerade von deren Tätigkeit ein Zurückdrängen des Einflusses fundamentalistischer Organisationen. Das Verfassungsschutzamt hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass es viele Vereine, die sich unter dem Dach der beiden Spitzenverbände eingefunden haben, als «integrationsfeindlich und fundamentalistisch» einstuft.

Keine Mitwirkung beim Lehrplan

Offiziell kritisieren der Islamrat und der Zentralrat der Muslime, dass sie bei der Aufstellung des Lehrplanes nicht zu Rate gezogen worden seien. Sie sehen darin sogar einen Verstoss gegen die Landesverfassung, die in ihrem Artikel 6 das Mitwirkungsrecht der Kirchen und Religionsgemeinschaften garantiert. Die Landesregierung beruft sich jedoch darauf, dass ihr keine islamische Zentralinstanz als Ansprechpartner zur Verfügung stehe, und überlässt die Unterrichtsgestaltung daher einem landeseigenen Institut. Auch der Klage, die die beiden Spitzenverbände eingereicht haben, begegnet man in Düsseldorf mit Gelassenheit. Die Landesverfassung räume das Mitwirkungsrecht den anerkannten Religionsgemeinschaften ein; zu diesen aber zähle der Islam mit seinen vielen Glaubensrichtungen nicht. Mit Deutsch als Unterrichtssprache entzieht die Landesregierung die Islamkunde noch zusätzlich dem Einfluss türkischer oder arabischer Vereine. Das Geschehen im Klassenzimmer wird transparenter. Allerdings enthält die Verordnung des Schulministeriums auch einen Hebel, mit dem sich die «islamische Unterweisung» leicht verhindern lässt: Die Mindestschülerzahl einer Lerngruppe beträgt zwölf. Daran könnte die Einführung des neuen Fachs an vielen Schulen, die jetzt den Versuch wagen wollen, noch scheitern.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 13.08.1999

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