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Morden zum Schutz der weissen Rasse

Gewalttätiger Rechtsextremismus in den USA

Der Überfall auf ein jüdisches Gemeindezentrum von Los Angeles ist von einem Täter begangen worden, der einer Gruppe weisser Suprematisten angehört. Die Suprematisten zeigen in ihrem Kampf für ein weisses, christliches Amerika eine beträchtliche Gewaltbereitschaft. Diese rechtsextremistische Szene, die sich meistens nationalsozialistischer Symbole bedient, verständigt sich heute über das Internet, was der Polizei die Arbeit sehr erschwert.

fem. Miami, 12. August

Der gut 40jährige weisse Mann, der am Dienstag in Los Angeles in einem jüdischen Gemeindezentrum wahllos auf die Anwesenden geschossen und drei Kinder sowie zwei Erwachsene zum Teil schwer verletzt hatte, hat sich am folgenden Tag aus freien Stücken in Las Vegas der Polizei gestellt. Vor seiner Flucht in einem Taxi quer durch die Wüste hat er unter ungeklärten Umständen einen Briefträger ermordet. Als Motiv für seine Tat soll er gegenüber den FBI-Agenten ausgesagt haben, dass er besorgt sei über den Niedergang der weissen Rasse, weshalb er «mit der Ermordung von Juden eine Botschaft an Amerika senden» wollte. Mit den praktisch gleichen Worten hatte eine Student vor gut einem Monat in einem Tagebuch seine Absicht begründet, Angehörige von Minoritäten umzubringen; ein schwarzer Basketball-Coach und ein koreanischer Student fielen damals in der Umgebung von Chicago den aus einem Auto abgegebenen Schüssen zum Opfer, bevor sich der Täter selbst richtete.

Gefühl der Vernachlässigung

In einem Amerika, in dem die Botschaft der Toleranz, der Rücksicht auf Minderheiten, der moralischen Besserung der Menschheit von Politikern und Medien täglich verbreitet wird, ist dies die Kehrseite des offiziellen Diskurses: Hier äussern sich der Hass gegen Minoritäten, die Auflehnung gegen den kontinuierlichen Ausbau des Minderheitenschutzes sowie der Protest gegen ein zunehmend multikulturelles Amerika. Diese sinnlosen Gewalttaten sind Ausdruck des Widerstandes gegen eine Regierung im fernen Washington, welche diese Normen erlässt und mit staatlicher Gewalt durchzusetzen versucht.

Dass die meisten Täter weisse Männer sind, kann demnach kein Zufall sein. Dieses Bevölkerungssegment hat in den letzten Jahrzehnten viele der ehemaligen Privilegien verloren, ohne in Medien und bei den Politikern auf viel Sympathie zu stossen. Persönliche Schwierigkeiten und Frustrationen über berufliches Versagen haben deshalb bei einer zahlenmässig kleinen Gruppe den Hass gegen die offizielle Politik im allgemeinen und gegen Minderheiten im besonderen gefördert. Aus dem Gefühl heraus, verdrängt zu werden, zogen sich diese Extremisten gerne in die abgelegensten Gebiete des Mittleren Westens zurück. Heute ist das nördliche Idaho die Hochburg dieser Suprematisten. Auch Buford O. Furrow, der Täter von Los Angeles, hat dort gelebt. Es sind mittlerweile Photos aufgetaucht, die ihn – in einer Nazi-Uniform – im Gefolge von Robert J. Mathews zeigen, der in diesen Kreisen als Held verehrt wird. Mathews war der Gründer einer Organisation, die sich «The Order» nannte und für eine Reihe von Gewaltakten verantwortlich war; er kam schliesslich in einem 35stündigen Gefecht mit der Polizei ums Leben. Furrow hat danach eine Zeitlang mit der Witwe Mathews zusammengelebt.

Zunehmender Antisemitismus

Nun ist der organisierte Rechtsextremismus in den USA allerdings keine Erfindung der Neuzeit, sondern reicht tief ins letzte Jahrhundert zurück, als sich im Süden der Ku-Klux-Klan formierte, der gegen die Gleichberechtigung der Schwarzen und für die Reinheit der weissen Frauen kämpfte. Es ist der schwarzen Bürgerrechtsbewegung Mitte der sechziger Jahre schliesslich mit einer Mischung von politischem Druck und juristischen Massnahmen gelungen, den Ku-Klux-Klan als grosse, straff strukturierte Organisation zu zerschlagen. Doch bildeten sich an seiner Stelle zahlreiche neue Vereinigungen, die viel stärker im Schatten der Öffentlichkeit operierten. Fachleute schätzen, dass es heute in den USA etwa 500 sogenannte «Hate Groups» gibt.

Einen Aufschwung nahmen diese Gruppierungen in den achtziger Jahren, als im ganzen Land die Kritik an Washington und den Eliten der Ostküste zunahm. Sie nannten sich zum Teil Milizen, weil sie das Recht auf Selbstverteidigung gegen die Bundesregierung in Anspruch nahmen, deren Gesetze – und vor allem deren Steuergesetze – sie ablehnten. Diese Botschaft appellierte an die patriotischen Gefühle nicht weniger Amerikaner, verdankte das Land doch seine Unabhängigkeit dem Widerstand gegen die Steuergesetze des englischen Königs und einer Revolution, die von Milizionären militärisch durchgesetzt wurde. In neuerer Zeit hat sich der Rechtsextremismus stärker in Richtung eines klaren Rassismus entwickelt, der die Überlegenheit der weissen Rasse predigt und zum Zeichen des Widerstands gegen die heutige Mehrheitsmeinung Rückgriff zu den Insignien der Nationalsozialisten nimmt. Gerade dieser Tabubruch zieht viele Jugendliche an, die in Opposition zu den Eltern oder zum Staat leben.

Den stärksten ideologischen Einfluss im Lager der Suprematisten übt heute jedoch das «Christian Identity Movement» aus, das eine unverhüllt antisemitische Botschaft vertritt. Geistiger Vater dieser Bewegung ist Richard Kelly Hoskins; sein Buch «Wächter des Christentums: Die Geschichte der Bruderschaft von Phineas» gilt als Bibel der Rechtsextremisten. Mit einer kruden Mischung biblischer Episoden und wirtschaftlicher Argumente – vor allem gegen die jüdische Dominanz in Medien und Bankenwelt gerichtet – postuliert der Autor die Ausrottung der Ungläubigen und wettert gegen die Rassenvermischung. Eines der Bücher von Hoskins fand die Polizei im Auto des Täters von Los Angeles. In einem weiteren Buch erzählt derselbe Autor die Geschichte eines Mannes, der aus Hass gegen die Regierung ein staatliches Bürogebäude in die Luft sprengt. Dieses Werk soll Timothy McVeigh zu seinem Attentat in Oklahoma inspiriert haben, dem 1995 168 Personen zum Opfer fielen.

Gefährliche Einzeltäter

Der Polizei sind heute die wesentlichsten Akteure dieser Szene bekannt. Aber die verfassungsmässig garantierte Redefreiheit macht es ihr fast unmöglich, präventiv gegen diese Gruppierungen vorzugehen, zumal diese sich juristisch geschickt verhalten. Immerhin hat der stete Druck deren Fähigkeit beeinträchtigt, sich wirklich zu organisieren. Aber dies hat sie eher gefährlicher gemacht, weil ihre Anhänger zunehmend allein agieren und nur noch losen Kontakt über das Internet unterhalten; gegen 2000 Websites mit rechtsextremen Inhalten soll es mittlerweile in den USA geben. Der Beweis der Zugehörigkeit zu dieser Szene besteht heute in der Gewalttat – weshalb Buford O. Furrow in Los Angeles jemanden umzubringen suchte, um sich dann ohne jeden Widerstand der Polizei zu ergeben

 

© Neue Zürcher Zeitung - 13.08.1999

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