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Hitler neu edieren?

Verbote helfen nicht – «Mein Kampf» zirkuliert dank Internet

Der Ruf nach dem Zensor hat ein ungeplantes Echo. Das deutsche Bundesjustizministerium reagiert zwar pflichtgemäss und droht Strafverfolgung mit den Worten an: «Wir wollen den Schweinkram hier nicht haben.» Aber der langfristige Effekt könnte ein gegenteiliger sein. Wahrscheinlich wird es in Deutschland irgendwann eine Studienausgabe des «Schweinkrams» geben. Forderungen nach einer wissenschaftlichen Edition von Adolf Hitlers «Mein Kampf» sind jetzt mehrfach laut geworden, und schuld daran ist, freilich à contre cœur, das Simon-Wiesenthal-Institut in Jerusalem. Dessen Mitarbeiter haben das deutsche Justizministerium darauf aufmerksam gemacht, dass Hitlers Schrift von deutschen Lesern umstandslos über den Internet-Buchhandel der amerikanischen Firmen Amazon und Barnes & Noble bezogen werden kann.

Meinungsfreiheit und Zensur

In Deutschland verbieten Strafgesetze die Verbreitung des nationalsozialistischen Grundbuches. Die Garantie der Meinungsfreiheit in Artikel 5 der Verfassung («Eine Zensur findet nicht statt») erstreckt sich nicht auf volksverhetzende Schriften und Propagandamittel verfassungsfeindlicher Organisationen. Hitlers «Mein Kampf» darf im stillen Kämmerlein gelesen, im Antiquariat erworben und in Bibliotheken ausgeliehen, nicht aber gehandelt und vertrieben werden. Verboten ist auch der Neu- und Nachdruck, der zusätzlich dadurch erschwert wird, dass der Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger des NSDAP-Zentralverlages Eher das Urheber- und Verlagsrecht besitzt und jede Neuauflage von «Mein Kampf» zu verhindern sucht.

Gegen entsprechende Unternehmungen in Schweden und Portugal ist die bayrische Regierung mit Hilfe des Bonner Auswärtigen Amtes erfolgreich vorgegangen. Machtlos ist man gegenüber englischen und amerikanischen Verlagen, die in den dreissiger Jahren Übersetzungslizenzen vom Eher-Verlag erworben haben. So bietet die Homepage von Barnes & Noble «Mein Kampf» als Paperback und Hardcover von drei verschiedenen Verlagen an; Amazon beschränkt sich auf die Ausgaben eines Verlages. Die Lieferzeiten schwanken von 3 Tagen für das Taschenbuch bis zu 6 Wochen für den gebundenen Titel. Kritischen Anfragen sah sich nun der Bertelsmann- Konzern ausgesetzt, der 40 Prozent der Anteile am Internethändler «barnesandnoble.com» hält. Konzernchef Thomas Middelhoff, nach den jüngsten Enthüllungen der opportunistischen Vergangenheit seines Hauses während des Nationalsozialismus (NZZ 8. 3. 99) um Abwendung weiterer Imageschäden bemüht, hat angekündigt, den Vertrieb von Nazi-Büchern in Deutschland einstellen zu wollen.

Rechtsradikale im Web

Nützen wird es wenig. Die rechtsradikale Szene besitzt eigene Vertriebskanäle abseits des offiziellen Buchhandels; sie besass sie auch schon vor dem Aufkommen des Internet. Allerdings erleichtert das World Wide Web den Zugriff ungemein. Über die Homepage des neonazistischen «Thulenet» lässt sich Hitlers «Mein Kampf» in Minutenschnelle auf die Festplatte herunterladen, das Programm der NSDAP vom Februar 1920 gibt es beim Download als stille Zugabe.

Wie will da ein Zensor eingreifen? Und sollte – was trotz allem Abscheu für liberale Köpfe die vorrangige Frage bleibt – die Zensur überhaupt tätig werden?

Von den Verfechtern eines freizügigen Umgangs mit «Mein Kampf» kann man in Deutschland vor allem drei Argumente hören. Das erste: Der deutsche Leser ist demokratisch gereift. «Heute spricht nichts mehr für die Behauptung, Bürger der Bundesrepublik seien durch die Lektüre des nationalsozialistischen Klassikers leichter infizierbar als solche anderer Nationen», meint der Berliner «Tagesspiegel». Dem wird man nicht widersprechen wollen. Was an dem Argument stört, ist die Art des Verweises auf «andere Nationen» – als ob die Deutschen die einzigen seien, denen Strafgesetze Beschränkungen im Umgang mit Hitlers Schrift auferlegen. Explizit behauptet die «FAZ»: «Das Verbot der Publikation von ‹Mein Kampf› nämlich besteht nur in Deutschland.» – Wird hier etwa ein Volk ganz allein in ideologischer Quarantäne gehalten? Nicht doch. In Österreich und in der Schweiz schaffen Gesetzesartikel gegen Volksverhetzung und Rassismus analoge Straftatbestände mit analogen Folgen für Verlagswesen und Buchhandel.

Wenn also der Verweis auf die Praxis anderer Länder schlecht geeignet ist, «Mein Kampf» eine Neuausgabe zu bescheren, so eignet sich vielleicht Argument Numero zwei: Nicht mit seinem Buch, sondern mit seinen Auftritten als Rhetor habe Hitler Massenwirkung erzielt. Ausserdem habe der Verlag K. G. Saur ja mehrere Bände mit Reden, Schriften und Anordnungen Hitlers drucken dürfen. Warum dann nicht auch das Hauptwerk? Gefährlicher als die Reden könne das Buch doch wohl nicht sein.

Plausible Überlegungen. Sie verfehlen allerdings das Symbolische am Publikationsverbot gerade dieses Titels. «Mein Kampf» ist nicht eine, sondern die nationalsozialistische Programmschrift für Diktatur, Krieg, Rassenhass und Völkermord. Sie zählt, auch ohne millionenfach gelesen worden zu sein, zu den folgenreichsten Büchern überhaupt, und zwar nach internationalem Urteil. Ihre Neuausgabe zu vereiteln, ist eine sowohl innen- wie aussenpolitische Demonstration. Die Botschaft lautet: Deutschlands Wächter versehen ihr Amt.

Entmythisierung?

Es ist der alte Streit um die «wehrhafte Demokratie». Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit, forderte einst Dolf Sternberger in seinen Schriften zum Verfassungspatriotismus. Aber spricht das gegen einen offensiven Umgang mit «Mein Kampf», gegen eine Edition zu Studienzwecken und Schullektüre in den höheren Klassen? Erfahrungsgemäss schadet Zensur mehr, als dass sie hilft. Das führt auf das dritte Argument: Hitlers Buch sei ein Mythos auch deshalb, weil sein Vertrieb unter Strafe steht. Besser wäre es, durch Entkriminalisierung zu Entmythisierung beizutragen.

Wer davor – mit nachvollziehbaren Skrupeln – zurückschreckt, sollte eines wissen: Verbote entziehen Bücher nachhaltig nur denen, denen an der Kenntnis des Textes ohnehin nicht viel liegt. Unter den übrigen steigern sie die Neugier. 1559 erliess Papst Paul IV. den ersten Index librorum prohibitorum, den ersten Katalog verbotener Bücher. Aus ihm sollten die Gläubigen ersehen, welche Lektüre sie zu meiden hätten. Über seine (Un-)Wirksamkeit belehrt ein Jesuitenwort, das bald geflügelt wurde: «Notabitur Romae, legetur ergo» – was Rom auf den Index setzt, wird gewiss gelesen.

Joachim Güntner

 

© Neue Zürcher Zeitung - 16.08.1999

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