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Trauer in Deutschland um Ignatz Bubis

Würdigung als Mann der Aussöhnung und Integration

Deutschland trauert um den Präsidenten des Zentralrates der Juden, Ignatz Bubis. Der 72jährige Bubis war am Freitag nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. In ihren Gedenkworten würdigten führende Repräsentanten der Bundesrepublik den Verstorbenen als Mann der Aussöhnung und der Integration, der in Deutschland seine Heimat gesehen habe.

Ko. Bonn, 15. August

Mit Trauer und Bestürzung hat die deutsche Öffentlichkeit die Nachricht vom Tod von Ignatz Bubis, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, aufgenommen. Bundespräsident Rau nannte Bubis einen deutschen Patrioten, der sich stets dafür eingesetzt habe, dass die Schatten der deutschen Geschichte sich nicht in die Zukunft verlängerten. Der Verstorbene sei ein streitbarer, von grossem Verantwortungsbewusstsein geprägter Demokrat gewesen. Bundeskanzler Schröder würdigte Bubis als grosse Persönlichkeit, die wie wenige andere dazu beigetragen habe, dass für Mitbürger jüdischen Glaubens eine Zukunft in Deutschland überhaupt wieder vorstellbar wurde. Menschen wie Bubis sei es zu verdanken, dass man heute selbstverständlich in Frieden und gegenseitiger Achtung zusammenlebe. Ähnlich äusserte sich auch der CDU-Vorsitzende Schäuble. Bubis habe sich in seinem Bestreben verzehrt, die Erinnerung wachzuhalten und Freiheit statt Rache zu predigen.

Streiter gegen Gedankenlosigkeit

Bubis war, wie schon gemeldet, am Freitag nachmittag unerwartet im Alter von 72 Jahren einer kurzen, schweren Krankheit erlegen. Seit 1992 hatte er an der Spitze des Zentralverbandes der Juden gestanden. 1983 war er Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main geworden. In der Main-Metropole engagierte er sich für die FDP, der er vor zwei Jahren durch seine Popularität zur Rückkehr ins Stadtparlament verhalf. Stets war Bubis bei seinen vielfältigen politischen Aktivitäten für Aussöhnung zwischen Juden und Nichtjuden eingetreten. Er war nachhaltig um die Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft bemüht. Mehr noch als antisemitische Äusserungen und Verhaltensweisen störte ihn die Gedankenlosigkeit, die darin zum Ausdruck kam, dass Gesprächspartner ihm beiläufig erzählten, sie hätten neulich «seinen Botschafter» getroffen, wobei es sich um den diplomatischen Vertreter des Staates Israel handelte. Er konnte sich redlich aufregen, als ihm ein Fussballklub Freikarten mit dem Vermerk «Für Ihre Landsleute» zusandte.

Bubis begriff sich als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, wie auch Bundespräsident Rau hervorhob. Er habe, bekannte Bubis, die Ausgrenzung «hier Deutsche, hier Juden» weghaben wollen. Obwohl seine ganze Familie dem Holocaust zum Opfer fiel und er selber mit viel Glück dem Abtransport aus einem Arbeitslager in der Nähe von Tschenstochau in eines der Vernichtungslager entging, trat er leidenschaftlich dafür ein, in Deutschland zu leben. Er verteidigte seine Haltung auch gegenüber dem israelischen Präsidenten Ezer Weizman, dem er erwiderte, dass Juden sehr wohl in Deutschland wieder eine Heimat hätten.

Zum Abschied Worte voller Bitterkeit

Ereignisse und Erfahrungen der letzten Monate liessen ihn in seinen letzten Interviews, die er schon im Rollstuhl und vom Krankenlager aus führte, verbittert, enttäuscht und resigniert erscheinen. Vielen in Deutschland ist die Szene in Erinnerung geblieben, als der Schriftsteller Martin Walser im vorigen Oktober in der Frankfurter Paulskirche von Auschwitz als «Moralkeule», vom Wegschauen und vom «Erinnerungsdienst», ja von der «Instrumentalisierung der Naziverbrechen» in einem Augenblick sprach, als jüdische Organisationen und Vertreter der deutschen Wirtschaft über Entschädigungszahlungen zu verhandeln begannen. Die politische Elite stand auf und applaudierte. Nur Ignatz Bubis und seine Frau blieben wie versteinert sitzen. Bubis attackierte den Schriftsteller später scharf und sprach fortan vom «Walser-Syndrom», wenn er die Neigung vieler Deutscher erwähnte, nicht mehr an die Vergangenheit erinnert werden zu wollen.

Seine letzten, dem breiten Publikum übermittelten Worte waren voller Bitterkeit und Verzweiflung. Er habe nichts oder fast nichts bewirkt, sagte er dem «Stern». Jüdische und nichtjüdische Deutsche seien einander fremd geblieben, wobei er durchaus einräumte, dass sich die Juden in Deutschland teilweise selber ausgrenzten. Es war, als habe ihn die Todesahnung mit dem eigenen Wirken und dessen Resultaten besonders kritisch umgehen lassen. Viele Politiker und zahlreiche Vertreter der jüdischen Gemeinden in Deutschland widersprachen in ihren Nachrufen vehement einer so negativen Bilanz. In Deutschland, seinem Heimatland, wie er es selber empfand, mochte er dennoch nicht begraben sein. Er hatte gewünscht, in Israel beerdigt zu werden, weil er nicht wollte, dass sein Grab wie das seines Vorgängers Heinz Galinski in die Luft gesprengt wird.

Immer wieder in den Schlagzeilen

Bubis hatte es nach dem Krieg zunächst im Edelmetallhandel und später im Schmuckgeschäft zu einer gesicherten Existenz gebracht. In die Schlagzeilen geriet er jedoch mit seinem beträchtlichen Immobilienbesitz und den Hausbesetzungen linker Studentengruppen im Frankfurter Westend. Einmal wurde er sogar selber zum Besetzer, als es darum ging, die Aufführung des als tendenziell antisemitisch angesehenen Fassbinder-Stückes «Der Müll, die Stadt und der Tod» zu verhindern. Der Autor und Filmregisseur hatte einen «reichen Juden» in den Mittelpunkt seines Dramas gerückt, in dem unschwer der Geschäftsmann Bubis zu erkennen war.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 16.08.1999

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