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Stimmen zum Tod von Ignatz Bubis

Als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland war es sein Amt, das Judentum in Deutschland politisch zu vertreten, aber auf politische Präsenz hat sich Ignatz Bubis nie beschränkt. Eine der leidenschaftlichsten intellektuellen Debatten seit Bestehen der Bundesrepublik trägt seinen Namen: die «Walser-Bubis- Debatte», und er hat sich mit ihr nachhaltig in die Kulturannalen des wiedervereinigten Deutschland eingeschrieben. 1985 gehörte Bubis zu jenen, die durch Besetzung der Bühne die Aufführung von Rainer Werner Fassbinders (antisemitischem?) Theaterstück «Der Müll, die Stadt und der Tod» verhinderten, er hat Helmut Kohls Zustimmung zur Errichtung des Berliner Holocaust- Mahnmals ertrotzt, und er bezog Stellung im Streit um Daniel Goldhagens These von den Deutschen als «Hitlers willige Vollstrecker». Nachdem in ersten Reaktionen die hohe Politik in Deutschland ihre Betroffenheit artikuliert hat, beschäftigt sein Tod jetzt auch namhafte Intellektuelle, Philosophen und Publizisten.

In der Tageszeitung «Die Welt» schreibt Jürgen Habermas: «Ignatz Bubis hat mit seinem bewunderungswürdig rastlosen Engagement ein unwahrscheinliches Ziel verfolgt: Deutschland, ‹nachdem alles vorüber war›, für Juden wieder bewohnbar zu machen. Er hat weithin sichtbar eine zerbrechliche Hoffnung verkörpert, die nicht nur in Israel den Verdacht des Apologetischen auf sich gezogen hat – die Hoffnung auf einen tiefgreifenden Wandel der Mentalität, die in der Geschichte der Bundesrepublik bis heute ihre Spuren hinterlässt.» Im Urteil über die tatsächliche Beschaffenheit dieses Mentalitätswandels belässt es Habermas bei einer Warnung: «Wer jetzt die Hoffnung triumphierend erfüllt sieht, wird sie zerstören.»

Schärfer formuliert es Christian Semler in der «taz». Nicht die Radikalen und die Gewalttäter vom rechten Rand der Gesellschaft hätten Ignatz Bubis am meisten beunruhigt: «Was ihm zu schaffen machte, war der latente Antisemitismus bei einem Teil der liberalen und linken Öffentlichkeit.» Als Beispiele dafür nennt Semler die Auseinandersetzung um das Fassbinder-Stück und die Debatte mit Martin Walser, als der Schriftsteller von der «Moralkeule» gesprochen hatte, zu der Auschwitz in den Medien «instrumentalisiert» werde, worauf Bubis mit dem (später zurückgenommenen) Vorwurf regierte, Walser sei ein «geistiger Brandstifter». Viele müssten heute zu ihrer Schande gestehen, «dass sie es 1998 vorzogen, die Debatte zu kommentieren, statt klar an seine Seite zu treten», meint Semler. «So schaute sich Ignatz Bubis um. Und fand sich ziemlich allein.»

Eher düster klingt auch, wie Micha Brumlik in der «Welt» gegen die «schiefe», auf Vereinnahmung hinauslaufende Rede von Ignatz Bubis als «deutschem Patrioten» protestiert. Brumlik betont den politischen Dissens, in den sich Bubis zur offiziellen deutschen Politik gesetzt sah, einmal durch die Einschränkung des Asylrechts, dann wegen der hartnäckigen Abwehr von auf die Nazizeit zurückgehenden Ansprüchen der Zwangsarbeiter – «für Bubis schliesslich das wichtigste Thema».

Hatte Bubis also recht, als er kürzlich das bittere Fazit zog, nur wenig bewegt zu haben? Viele Politiker haben dem widersprochen, in der «FAZ» tut es auch der Verleger Siegfried Unseld. Bubis habe «mehr erreicht, als er selbst ahnte», namentlich in der Frage eines angemessenen historischen Erinnerns. Kritischer sieht dies der «FAZ»-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, wenn er schreibt, Bubis habe «aus der Zufälligkeit des Erinnerns eine mathematisch genaue Operation gemacht», ein Verstandeskalkül, das dort einspringt, wo nicht das private, sondern das kollektive Eingedenken gefordert ist.

Die erstaunliche Präsenz, die Ignatz Bubis im Schnittfeld von Politik und Kultur gezeigt hat, erfährt in den Nachrufen uneingeschränkten Respekt. Respekt und Bewunderung für einen Mann, der als Kind mit seinen Eltern vor den Nazis nach Polen floh, der «schon als Halbwüchsiger in ein deutsches Arbeitslager geriet» und so «nie eine Schule besuchen konnte» (Marcel Reich-Ranicki), der «kein Akademiker war, kein Schriftsteller, kein Intellektueller, sondern ursprünglich eher ein Kaufmann» (Bernard-Henry Lévy) – und der doch ausserordentlich bewandert war in der Geschichte des Judentums, der Bildung und literarisches Urteil besass und in Diskussionen Schlagfertigkeit bewies. Der Vorsitzende des Zentralrats der deutschen Juden war, wie Josef Joffe in der «Süddeutschen Zeitung» rühmt, kein Funktionär, jedenfalls kein Amtsträger im üblichen Verstande: «Witz, Weisheit und Wagemut – mit so vielen Segnungen können nicht viele deutsche Be-Amtete wuchern.»

Joachim Güntner

 

© Neue Zürcher Zeitung - 17.08.1999

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