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Messerstecher suchte ein jüdisches Opfer

Psychisch kranker Täter mit antisemitischer Gesinnung

Der heimtückische Angriff auf einen israelischen Touristen hat offenbar einen antisemitischen Hintergrund. Wie die Behörden am Tag nach dem Überfall bekanntgaben, hat der psychisch angeschlagene Täter gezielt einen ihm unbekannten Juden mit einem grossen Messer attackiert. Das Opfer befand sich am Tag nach dem Überfall ausser Lebensgefahr.

sbu. Am Montag ist in der Zürcher Altstadt ein israelischer Tourist auf offener Strasse von einem Schweizer niedergestochen worden (NZZ 17. 8. 99). Nach der Attacke stellte sich der Täter der Polizei. Der untersuchende Bezirksanwalt Alexander Knauss erklärte am Dienstag, dass der Täter offensichtlich psychische Probleme habe. Sein Opfer hatte er nicht gekannt, vielmehr habe er ihn an seiner Kipa als Juden identifiziert. Mit einer von Antisemitismus geprägten Bluttat wollte er auf sich aufmerksam machen und von den Behörden endlich ernst genommen werden. Das Opfer ist nach einer Notoperation mittlerweile ausser Lebensgefahr.

Dumpfer Judenhass als Hintergrund

Gemäss den ersten Ermittlungsergebnissen befand sich der 48jährige israelische Tourist fatalerweise zur falschen Zeit am falschen Ort, als er am Montag um 14 Uhr die Strehlgasse entlangspazierte. Die Tatsache, dass der 51jährige Schweizer Täter als Waffe ein langes Messer verwendete, deutet laut Knauss darauf hin, dass er gezielt auf der Suche nach einem Opfer war. Dass er schliesslich ausgerechnet den nur für einen Kurzbesuch in Zürich weilenden Touristen niederstach, war offenbar zufällig. Hingegen habe er absichtlich nach einem jüdischen Opfer Ausschau gehalten, fasste der Bezirksanwalt am Dienstag die Ergebnisse der Ermittlungen zusammen.

Nach der ersten Einvernahme versuchten die Behörden, sich ein Bild von der Person des Täters zu machen. Dazu reisten Kantonspolizisten in den Kanton Schaffhausen, um die dortigen Akten über ihn einzusehen. Gemäss Kenntnisstand von Dienstag ist der Mann nicht vorbestraft, er war aber wegen psychischer Probleme bei den Behörden aktenkundig und wollte sich mit der Tat Gehör verschaffen. Die genaueren Hintergründe waren am Tag nach dem Verbrechen noch nicht geklärt. In den ersten Einvernahmen verfolgte der Bezirksanwalt vor allem das Ziel, den Tatablauf zu rekonstruieren und den geständigen Täter auch im Falle eines Widerrufs auf zuverlässige Aussagen behaften zu können.

Persönlich schliesse er ein eigentlich politisches Motiv im Sinn eines Attentats mit konkreter Botschaft aus, erklärte Knauss. Dennoch spiele Antisemitismus als Hintergrund zweifellos eine wichtige Rolle, und allfällige politische Verbindungen würden untersucht. Der Bezirksanwalt hat inzwischen Antrag auf Untersuchungshaft gestellt. Dabei beruft er sich in erster Linie routinemässig auf die Verdunkelungsgefahr für die Ermittlungen. Zugleich liess Knauss aber auch keinen Zweifel daran, dass eine neuerliche Bluttat im Fall einer Freilassung nicht auszuschliessen wäre.

Vom «Messerstecherinserat» zur Tat?

Bei der israelitischen Kultusgemeinde Zürichs betrachtet man den Angriff als sehr gravierend. Der Präsident Werner Rom sah bisher zwar in der Schweiz kein so akut antisemitisches Klima, dass mit einer derartigen Tat zu rechnen gewesen wäre – dennoch dürfe der Angriff nicht vorschnell als die unverständliche Tat eines Psychopathen abgetan werden. Rom zieht im Gespräch eine direkte Linie vom SVP-Messerstecherinserat über das aktuelle Stopp-Ausländer-Plakat, bei dem ein Schweizerkreuz zerrissen wird, hin zu Angriffen gegen Asylunterkünfte und letztlich auch gegen Ausländer oder jüdische Schweizer.

Ein fremdenfeindliches Klima treffe immer auch die Juden; dass im konkreten Fall das Opfer kein Schweizer, sondern ein Israeli war, sei zufällig. Rom sieht letztlich durch ausländerfeindliche Stimmungsmache die Demokratie gefährdet und forderte insbesondere die bürgerlichen Politiker dazu auf, sich entschieden gegen Antisemitismus zu stellen. – Letztmals hatte in Zürich im Oktober 1995 ein Messerstecher auf offener Strasse einen Juden ermordet. Tatort war damals die Birmensdorferstrasse. Der psychisch kranke Täter, der noch drei weitere Männer getötet und einen verletzt hatte, starb 1997 in einer psychiatrischen Klinik.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 18.08.1999

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