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Die Kinder der Opfer

Zu Jeroen Krabbés Spielfilmerstling «Left Luggage»

Der niederländische Schauspieler Jeroen Krabbé lässt seinen ersten Spielfilm in eigener Regie recht komödiantisch beginnen: Im Antwerpen des Jahres 1972 diskutieren zwei lebenslustige junge Freundinnen über Gott und die Welt im allgemeinen und über ihre Männerbekanntschaften im besonderen. Die Philosophiestudentin Chaja Silberschmidt (Laura Fraser), eine der beiden, hat eben ihrem Freund schwungvoll den Laufpass gegeben. Dass sie Jüdin ist, fällt weder ihrer Freundin noch dem Zuschauer auf – und nichts ist ihr lieber, als wenn es überhaupt niemandem auffällt. Hinter ihrem einmal leichtfertig hingeworfenen Satz «Ich hasse Juden» steht nichts anderes als der Wunsch, sich von ihren gleichaltrigen Freundinnen und Freunden nicht zu unterscheiden.

Chajas Bedürfnis nach Assimilation ist nicht zuletzt Ausdruck einer Ablösung von ihrem Elternhaus: Ihre Mutter (hinreissend gespielt von Marianne Sägebrecht) verdrängt die Erinnerungen an die schreckliche Vergangenheit durch aufopfernde Fürsorge und Kuchenbacken, während ihr Vater (Maximilian Schell) an allen möglichen und unmöglichen Orten der Stadt verzweifelt nach zwei Koffern sucht, die er seinerzeit auf der Flucht vor den Nazis in Antwerpen vergraben hat. Die beiden (im Originaltitel des Films angesprochenen) Gepäckstücke, die vor allem Dinge mit Erinnerungswert enthalten, werden im Verlauf der Handlung zum Symbol für das verlorene Selbstwertgefühl von Chajas Vater.

Die weltoffene und weltlich gesinnte Chaja wird in der Folge nicht nur vom Schicksal ihrer eigenen Familie, sondern auch von dem ihres Volkes eingeholt. Da sie dringend Geld benötigt, geht sie auf einen Vorschlag ihres väterlichen Freundes Apfelschnitt (Chaim Topol) ein, bei der chassidischen Familie Kalman eine Stelle als Kindermädchen anzutreten. Zwar wehrt sich der strenggläubige Familienvater (die heikle Rolle hat der Regisseur des Films selbst übernommen) zunächst dagegen, der jungen Freidenkerin Zutritt zu seiner Wohnung zu gewähren, gibt dann aber dem Drängen seiner mit der Erziehung von fünf Kindern überforderten Gattin (Isabella Rossellini) nach. Chaja ihrerseits wird nur durch das Lächeln des fünfjährigen Simcha (Adam Monty) davon abgehalten, fluchtartig das Weite zu suchen. Der sprachlich zurückgebliebene jüngste Sohn der Familie Kalman wird für Chaja zu einer Herausforderung, die sie besteht: Simcha lernt unter ihrer Obhut nicht nur sprechen, sondern sogar die traditionellen «vier Fragen» zur Einleitung des Passahfestes rezitieren, die sie selber erst bei ihrem Mentor Apfelschnitt einüben musste.

Die Hilflosigkeit der mit den Verhaltensregeln des chassidischen Judentums nicht vertrauten Chaja ergibt manch komische Situation, die dem Zuschauer, dessen Kenntnisse in der Regel kaum besser sind, ungewohnte Einblicke in eine ihm fremde Welt gewährt. Geradezu groteske Züge erhält der Film durch Chajas überraschende Reaktionen auf die Schikanen des antisemitischen Hausmeisters der Kalmans. Behutsam lässt Krabbé jedoch immer wieder tragische Momente einfliessen. Dort etwa, wo Chaja im Zorn verbotenerweise ein nur dem Hausherrn zugängliches Zimmer betritt, dort eine vergilbte Photo von dessen Bruder findet, der eine grosse Ähnlichkeit mit Simcha hatte, und erfahren muss, dass dieser im Konzentrationslager vor Kalmans Augen erhängt wurde, weil er sich geweigert hatte, auf die Thora zu spucken. Als der kleine Simcha während Chajas Abwesenheit im Ententeich ertrinkt, zu dem sie ihn immer geführt hatte, mündet der Film unversehens in eine tragische Katharsis.

Jeroen Krabbé, 1944 in einem Amsterdamer Versteck als Sohn eines Nichtjuden und einer Jüdin geboren, die alle Angehörigen in den Konzentrationslagern verloren hatte, kennt das Milieu, das die Atmosphäre seines Films bestimmt, aus eigener Erfahrung. Dies spürt man seiner durchwegs subtilen, aber nie unkritischen Annäherung an jüdische Sitten und Gebräuche an. Gewisse dramatische Überspitzungen des einem Roman der niederländischen Autorin Carl Friedman folgenden Drehbuchs werden durch die hervorragenden schauspielerischen Leistungen der Interpreten aufgewogen. «Left Luggage» ist in seiner Essenz ein Film des Ausgleichs, dessen versöhnliche Aspekte über die krassen Gegensätze innerhalb des Judentums hinausweisen. (Kino Frosch in Zürich)

Gerhart Waeger

 

© Neue Zürcher Zeitung - 19.08.1999

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