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Kein Ende des Blutvergiessens in Afghanistan

Vom Befreiungskrieg zum Regionalkonflikt

Das fehlgeschlagene Attentat auf das geistige Oberhaupt der Taliban in Afghanistan, Mullah Omar, wirft ein Schlaglicht auf die verfahrene politische Situation im Land. Seit rund zwei Jahrzehnten herrscht am Hindukusch Krieg; eine friedliche Lösung des Konfliktes ist nicht in Sicht. Die Studentenkrieger, die inzwischen vier Fünftel des Landes beherrschen, sehen sich als Folge ihres religiösen Extremismus immer stärker isoliert.

Zum erstenmal seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan vor bald drei Jahren ist es am späten Dienstagabend &endash; wie kurz berichtet &endash; in der Hochburg der radikalislamischen Bewegung in Kandahar zu einem gezielten Terroranschlag gegen ihr geistiges Oberhaupt, Mullah Mohammed Omar, gekommen. Wer hinter der Tat steckt, ist unbekannt: Kräfte, die an Omar und den Taliban Vergeltung üben wollen und über den Zugang zu und die Kenntnisse über den Umgang mit so grossen Mengen an Sprengstoff verfügen, gibt es am Hindukusch aber genug.

Mörder aus den eigenen Reihen?

Der Verdacht, es könnte sich um eine Gruppierung aus der in den letzten Wochen militärisch arg in Bedrängnis geratenen heterogenen Anti- Taliban-Allianz rund um den Milizenführer Ahmad Shah Masud handeln, liegt nahe. Ein besonders starkes Motiv hätte der Hezb-e Wahdat von Mohammed Karim Khalili. Diese schiitische Miliz, die von Iran unterstützt wird, rekrutiert sich vorwiegend aus der rund zwei Millionen Köpfe zählenden ethnischen Minderheit der Hazara. Nach Angaben der Uno und unabhängiger Menschenrechtsorganisationen sollen im August 1998 bei der Einnahme Mazar-e Sharifs, des Zentrums der Miliz im Norden des Landes, durch die Taliban mehrere tausend Personen umgebracht worden sein, vorwiegend Hazara.

Die überaus blutige Geschichte Afghanistans der letzten zwei Jahrzehnte hat freilich auch zur Genüge bewiesen, dass Mörder nicht selten aus den eigenen Reihen stammen. Verschiedene Quellen berichten immer wieder über interne Spannungen bei den Taliban, deren triumphale militärische Erfolge 1996 nicht zuletzt auf der Homogenität und Geschlossenheit der Bewegung beruhten. Um diese soll es jedoch nicht mehr ganz so gut bestellt sein: So berichteten pakistanische Zeitungen im November 1998 von einem Putschversuch in Kabul, der aber mit der Festnahme mehrerer Anführer vereitelt werden konnte. Gleich mehrfach soll es im letzten Jahr zu lokalen Aufständen gekommen sein; so etwa in Kandahar, wo sich Stammesfürsten gegen die Zwangsrekrutierung durch die Taliban gewandt haben sollen. Berichtet wird auch über Spannungen in der obersten Führung der Bewegung; der Stellvertreter Omars, Mullah Mohammed Rabbani, der in Kabul der dortigen Shura vorsteht (das eigentliche Machtzentrum bildet Kandahar), soll angeblich vom geistigen Oberhaupt der Taliban wegen seiner «Weichheit» angegriffen worden sein. Rabbani hatte im Frühling 1998 bei einem Treffen mit dem amerikanischen Uno-Botschafter Richardson dessen Vorschlag für eine Waffenruhe gutgeheissen.

Aber auch Kräften im Ausland wäre an einer Schwächung der Bewegung gelegen. Iran hat nach der kaltblütigen Ermordung von zehn Diplomaten und eines Journalisten durch Taliban-Kämpfer in Mazar-e Sharif im letzten August gar mit Krieg gedroht. Ein wichtiges Thema am Gipfel der sogenannten Schanghai-Gruppe in Bischkek dieser Woche, an dem die Staatschefs von drei zentralasiatischen Staaten sowie Russlands und Chinas teilnahmen, war die Eindämmung des islamischen Extremismus in der Region, der unter anderem von den Taliban gefördert wird. Die USA wiederum, denen in den letzten Wochen vor allem in pakistanischen Zeitungen wiederholt die Vorbereitung eines Kommandounternehmens zur Festnahme des aus Saudiarabien stammenden und als Terrorist gesuchten Usama bin Ladin in Afghanistan vorgeworfen worden war, haben sich umgehend vom Anschlag distanziert. Bin Ladin soll sich, trotz verschiedenen Meldungen über seine «Ausreise», noch immer in der Nähe von Kandahar aufhalten, mit der stillschweigenden Duldung der Taliban.

Ein Kampf um Trümmer

Ungeachtet der Täterschaft wirft der Anschlag ein grelles Schlaglicht auf die völlig verfahrene politische Lage in Afghanistan. Auch rund zehn Jahre nach dem Abzug der sowjetischen Truppen wird mit ungebrochener Intensität Krieg geführt. Jedes Jahr kommt es während des kurzen Sommers in der Gebirgsregion zu Offensiven und Gegenoffensiven der kriegführenden Milizen, die meist mit dem Wintereinbruch in den ersten Oktoberwochen wieder eingestellt werden.

Um was in Afghanistan angesichts der weitgehenden Zerstörung der Infrastruktur durch den seit zwei Jahrzehnten andauernden Krieg eigentlich noch gekämpft wird, ist eine nicht einfach zu beantwortende Frage. Für die Taliban dürfte es in erster Linie darum gehen, die Kontrolle über ganz Afghanistan zu erringen. Nach unterschiedlichen Schätzungen beherrschen sie 80 bis 90 Prozent. Entscheidend ist freilich in diesem wüsten- und gebirgsreichen Land, wer die wichtigsten Städte und Verkehrswege sowie die wegen der Zolleinnahmen lukrativen Grenzübergänge kontrolliert. Auch hier spricht die Bilanz inzwischen stark zugunsten der Taliban; mit Ausnahme des schwer zugänglichen Panjshir-Tals und eines kleineren Abschnitts der Grenze zu Tadschikistan im Norden beherrschen die Studentenkrieger &endash; mit einigen regionalen Lücken &endash; das Land mit seinen rund 24 Millionen Einwohnern weitgehend.

In ihren Händen befinden sich insbesondere etwa 90 Prozent der Schlafmohn-Anbaugebiete und Heroinlaboratorien, die sich vor allem östlich von Kabul und im Südwesten des Landes befinden. Die Uno-Drogenbehörde schätzt, dass aus afghanischem Mohn jährlich zwischen 2100 und 3000 Tonnen Opium hergestellt werden, aus dem wiederum 200 bis 300 Tonnen reines Heroin gewonnen werden können. Damit ist das Land weltweit der grösste Produzent illegalen Opiums, wobei die Droge in den umliegenden Staaten (Pakistan, Iran), aber nur zu einem geringen Teil in Europa und in den USA abgesetzt wird. Nach Einschätzungen von Fachleuten wird von den Taliban die Drogenherstellung zwar nicht gezielt gefördert, aber stillschweigend toleriert. Das Geschäft ist lukrativ: Schätzungen gehen für 1997 von bis zu 50 Millionen Dollar Jahreseinnahmen aus. Fast wichtiger als die finanziellen Erträge dürften für die Taliban die klientelistischen Strukturen sein, die die Zulassung des Drogenanbaus zur Folge haben. Sie verpflichten lokale Kräfte zur Loyalität gegenüber den Studentenkriegern.

Hartnäckigen Widerstand leisten den Taliban einzig noch die Nord-Allianz, angeführt von der Jamiat-e Islami Masuds. Mit seinen russischen Scud-Raketen vermag der «Löwe des Panjshir- Tals» immer wieder Kabul anzugreifen; noch Anfang Monat nach einem offensichtlich rein taktischen Rückzug vor den anstürmenden Taliban voreilig totgesagt, hat die Miliz in den letzten Wochen wieder Geländegewinne erzielen können. Hauptnachteil der Nord-Allianz ist jedoch, dass sie im Grunde keine ist. Jede Miliz kämpft ihren eigenen Krieg und ist überdies nicht selten wiederum in Faktionen aufgesplittert. Afghanistans Mujahedin, einst im Kampf gegen die sowjetischen Besetzer geeint, sind heute in einen Bruder- und Stammeskrieg verwickelt, der nur zu oft von persönlichen Ambitionen lokaler Kriegsherren genährt wird. Die traditionellen Konflikte um Ethnie und religiöses Bekenntnis &endash; etwa der Kampf zwischen den überwiegend paschtunischen Taliban und den in der Nord-Allianz zusammengeschlossenen anderen Volksgruppen, zwischen Sunniten und Schiiten oder zwischen Anhängern einer «aufgeklärten» und einer konservativen Auslegung des Korans &endash; bilden zwar noch immer das Grundmuster des Konflikts, werden aber von anderen Motiven überlagert.

Wachsende Isolation der Taliban?

Die Kampfhandlungen in Afghanistan dürften so rasch nicht beigelegt werden. Dies liegt auch daran, dass verschiedene Drittstaaten aus sehr unterschiedlichen Motiven indirekt am Konflikt beteiligt sind. Iran, Russland, Tadschikistan und möglicherweise auch Indien unterstützen aktiv die Nord-Allianz, sei es wie im Falle Teherans wegen der schiitischen Minderheit im Norden, sei es wie bei den anderen Staaten vor allem aus Angst vor einem Übergreifen des religiösen Extremismus. Hinzu kommen bei allen Beteiligten strategische Interessen, sei es aus regionalem Machtstreben, sei es aus Gründen der Sicherheit der eigenen Grenzen.

Die Taliban ihrerseits werden seit 1994 vor allem von Pakistan mit grossen Sach- und Finanzmitteln unterstützt. Islamabad hat neben Saudiarabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten als einziges Land die Taliban-Regierung offiziell anerkannt. Allerdings muss differenziert werden; ganz offensichtlich gibt es auch in Pakistan unterschiedliche Ansichten über die zu verfolgende Strategie in Afghanistan. Während dem (ebenfalls von Paschtunen dominierten) Geheimdienst ISI von Beobachtern eine betont Taliban-freundliche Haltung nachgesagt wird &endash; unter anderem sollen «Afghanen» auch an der gescheiterten Infiltrierung des indischen Teils von Kaschmir beteiligt gewesen sein &endash;, tritt etwa Premierminister Sharif wohl nicht zuletzt auf Druck der USA als Vertreter eines eher zurückhaltenden Kurses auf. Auch sieht sich Pakistan im eigenen Land immer stärker mit Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten konfrontiert, die offenbar von den Taliban geschürt wird.

Unterstützt werden die Studentenkrieger offiziell und inoffiziell auch von Saudiarabien und anderen Golfstaaten, wobei seit der Affäre um bin Ladin der Anteil staatlicher Hilfe zugunsten von privaten Zuwendungen zurückgegangen sein soll. Die USA ihrerseits sind nach anfänglicher Sympathie für das Programm von «Recht und Ordnung» der Taliban, die dem Land Stabilität versprach, auf Distanz gegangen. Staatssekretärin Albright hat die Studentenkrieger wegen ihrer Frauenverachtung mehrfach hart kritisiert und eine Zusammenarbeit oder gar Anerkennung der Taliban-Regierung von einer grundlegenden Verbesserung der Menschenrechtslage abhängig gemacht. Das bilaterale Verhältnis ist nach der Schutzgewährung für bin Ladin und den amerikanischen Cruise-Missile-Angriffen auf dessen Ausbildungslager in Südafghanistan auf einem vorläufigen Tiefpunkt angelangt. Auch sind die von Washington ursprünglich aktiv geförderten Pläne eines amerikanisch-saudischen Konsortiums, unter Umgehung Irans die Gas- und Ölfelder Zentralasiens mit einer Pipeline durch Afghanistan zu erschliessen, am 24. August 1998, unmittelbar nach den Cruise-Missile-Angriffen, suspendiert worden. Gegen die Taliban arbeitet auch die Tatsache, dass sich das Verhältnis zwischen Washington und Teheran seit dem Machtantritt Präsident Khatamis, der den Reformflügel im Land repräsentiert, etwas entspannt hat.

Verschiedene Indizien deuten derzeit darauf hin, dass die Taliban, die unbedingt als einzig legitime Regierung anerkannt werden wollen, sich immer stärker von diesem Ziel entfernen. Die Angst in den umliegenden Ländern vor einer Radikalisierung der eigenen Bevölkerung und der unkontrollierbaren Ausbreitung des religiösen Extremismus, unter anderem in Form von Terroranschlägen, scheint in mehreren Hauptstädten ein Überdenken der Beziehung zu den Studentenkriegern ausgelöst zu haben. Dies gilt nicht zuletzt auch für Pakistan, dem viele Beobachter eine Schlüsselrolle bei der Lösung des Konfliktes zumessen. Allerdings gibt es auch Stimmen, die den Einfluss Islamabads skeptisch beurteilen; die Taliban seien längst nicht mehr eine manipulierbare Marionette in den Händen des ISI, sondern eine eigenständige Kraft, die dank einem weitverzweigten internationalen Netz über genügend Quellen verfüge, um sich auch ohne offizielle Unterstützung aus dem Ausland an der Macht zu halten. Vor diesem Hintergrund ist es nicht gänzlich auszuschliessen, dass der Anschlag auf das geistige Oberhaupt der Bewegung auch ein Versuch gewesen sein könnte, die Hardliner in den Reihen der Taliban nachhaltig zu schwächen.

msn

 

© Neue Zürcher Zeitung - 27.08.1999

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