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Eine erfundene Kindheit?

Hat Edward Said seine Biographie gefälscht?

Das Leben des Literaturwissenschafters und Kulturphilosophen Edward Said liest sich wie die Geschichte der Palästinenser in unserem Jahrhundert. Seine idyllische Kindheit in Jerusalem, so schrieb er, wurde brutal zerstört, als die Familie zwischen 1947 und 1948 von der Haganah vertrieben und vom neuen jüdischen Staat enteignet wurde. Das Haus der Saids sei ausgerechnet zu Martin Bubers Heim geworden, der als Prophet des arabisch-jüdischen Zusammenlebens nichts dagegen gehabt habe, in einem enteigneten arabischen Haus zu leben. Die vertriebene Familie emigrierte nach Ägypten, und Said fand seine Exilheimat in New York, wo er an der Universität Columbia lehrt.

Sein Schicksal hat Said zur Grundlage seines Werkes gemacht. Trotz seiner schweren Erkrankung an Leukämie ist er neben seinem wissenschaftlichen Engagement auch immer ein wortgewaltiger Verfechter der palästinensischen Sache und ein wichtiger Kritiker sowohl Israels als auch Yasir Arafats. Vor zwanzig Jahren wurde Said berühmt durch seine Analyse des «Orientalismus», der Repräsentation, die Kolonialherren und andere Machthaber ihren kulturell enteigneten Untertanen aufzwingen, indem diese der dominanten Kultur einverleibt werden. Orientalismus wurde zu einem festen Bestandteil dessen, was man in akademischen Kreisen den «postmodernen Diskurs» nennt. Winnetou ist ebenso eine orientalische Figur, wie es die Inder in Kiplings «Dschungelbuch» sind.

In einem Artikel in dem New Yorker Magazin «Commentary» wird jetzt behauptet, Said habe nicht nur den Orientalismus, sondern auch seine eigene frühe Lebensgeschichte frei erfunden. Professor Said, so der Journalist Justus Reid Weiner, habe niemals in Jerusalem gelebt. Er sei in Kairo aufgewachsen und habe in Jerusalem lediglich das Haus seines Onkels besucht, das Martin Buber gemietet hatte, bevor Saids Onkel den alternden Buber 1942 aus dem Haus hinauswarf, um es selbst zu benutzen. Saids Kindheit, so Weiner, sei ein Phantasieprodukt. Said sei ein Kind wohlhabender Eltern in Kairo gewesen, bis Nationalisten seinen Vater wegen seiner amerikanischen Staatsangehörigkeit angegriffen hätten. Es seien die Araber, nicht die Juden gewesen, die den Saids ihre Lebensgrundlage nahmen und Edward ins amerikanische Exil trieben.

Edward Said, dessen Autobiographie «Out of Place» im November in New York veröffentlicht wird, hat sich bisher geweigert, zu diesen Anschuldigungen Stellung zu nehmen. Nach Weiners Angaben ist er gerade damit beschäftigt, seine Lebensgeschichte noch im letzten Moment abzuändern, um nicht blossgestellt zu werden.

Wie alle Geschichten hat auch diese zwei Seiten. Kurz nachdem Said als Betrüger «entlarvt» worden war, kamen ihm Freunde zu Hilfe. Said sei tatsächlich in Jerusalem auf der Schule gewesen, schrieb Christopher Hitchen aus New York. Der «Commentary»-Artikel sei nichts als perfider Charaktermord. Israel Shahak, ein weiterer Freund Saids, selbst Überlebender des Holocaust und Bürgerrechtskämpfer, sagte über den Artikel: «ÐCommentaryð ist ein Magazin, das eine radikale rechte jüdische Agenda vertritt, es gehört zu den konservativsten in Amerika. Ich bin über diese Attacke nicht überrascht.»

Ob Said seine Kindheit stilisiert hat, um Märtyrerstatus zu erlangen, oder ob er als Kritiker des israelischen Staates zum Schweigen gebracht werden soll, die Affäre erhitzt Gemüter nicht nur in Saids neuer, sondern auch in seiner einstmaligen Heimat.

«Es ist, als würde man sagen, dass Juden, die vor dem Krieg aus Deutschland geflohen sind, nicht vertrieben worden seien. Das Hauptargument ist, dass sie daran gehindert wurden, zurückzukehren», sagt Israel Shahak.

Philipp Bloom

 

© Neue Zürcher Zeitung - 26.08.1999

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