Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Hitler vor Gericht

Die Akten des Prozesses von 1924

Als am 9. November 1923 gegen Mittag vor der Feldherrenhalle in München der kurze Schusswechsel beendet war &endash; wobei ungeklärt blieb, wer mit der Schiesserei begonnen hatte &endash;, lagen achtzehn Tote auf dem Pflaster, vierzehn auf seiten der Putschisten und vier bei der Polizei. Der sogenannte Hitler-Putsch besitzt bis heute das Odium des Operettenhaften, des Abenteuerlichen; und doch war Adolf Hitler nie zuvor der Macht näher und seine Niederlage zugleich so vollständig wie in diesen Stunden des 8. und 9. November. Trotzdem konnten seine Gegner die einmalige Gelegenheit, Hitlers politischer Karriere ein Ende zu setzen, nicht nutzen; im Gegenteil, der Hochverratsprozess, der vor nunmehr 65 Jahren, vom Februar bis April 1924, gegen ihn stattfand, bot Hitler die Bühne für sein politisches Comeback.

Die Gründe dafür waren bereits in dem Putschversuch selbst angelegt, der zweifellos von Hitler in die Tat umgesetzt, aber keineswegs von ihm allein vorbereitet oder gar ausschliesslich seine politische Idee gewesen war. Nachdem französische Truppen im Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzt hatten, um Deutschland zur peniblen Erfüllung der Reparationsverpflichtungen aus dem Versailler Vertrag zu zwingen, und die deutsche Regierung zum «passiven Widerstand», also zu einem vom Reich bezahlten Generalstreik, aufgerufen hatte, sahen die extreme Rechte wie auch die extreme Linke ihre Chance, die verhasste Republik zu Fall zu bringen. Aufstandsversuche gab es in dem Krisenjahr 1923 zuhauf, doch war die Lage in Bayern besonders bedrohlich, da dessen Regierung ganz offensichtlich mit der rechten Opposition gegen die Weimarer Verfassung sympathisierte. Auch die Reichswehrführung unter General v. Seeckt liebäugelte angesichts politischer Instabilität, galoppierender Inflation und wirtschaftlichen Verfalls mit einem Staatsstreich, zumal die heimlichen Verbindungen zu den rechten, bewaffneten Kampfverbänden als verbotener militärischer Reserve der Reichswehr eng geflochten waren.

«Absprung»

Das Eingeständnis des katastrophalen Scheiterns der Politik des «passiven Widerstands» und die Bildung einer neuen Reichsregierung durch Gustav Stresemann im September 1923 spitzten die Krise anfangs noch einmal zu. Bayerns Regierung gab die Macht an Generalkommissar v. Kahr, Reichswehrkommandant v. Lossow und Landespolizeichef Seisser ab, und jedermann erwartete das Signal zum Sturz der Regierung in Berlin. Doch je mehr das Triumvirat zögerte und nur in Absprache mit der Reichswehrführung putschen wollte, desto heftiger drängte die radikale Rechte. In dieser Situation versuchte Hitler, in Bayern mittlerweile einer der wichtigsten Führer auf der Rechten, die Initialzündung für den Staatsstreich zu geben, das Triumvirat, wie es damals hiess, zum «Absprung» zu zwingen.

Auf der Anklagebank vor dem Münchener Volksgericht im Frühjahr 1924 sassen aber nicht v. Kahr, v. Lossow, Seisser, sondern Hitler, Ludendorff, Röhm und andere Putschisten. Der Putsch war gescheitert, da das Triumvirat, nachdem es anfänglich den Staatsstreich unterstützt hatte, Hitler im Laufe der Nacht zum 9. November fallenliess. Da das Gericht wie die Staatsanwaltschaft allerdings jeglichen Hinweis auf die Mittäterschaft der nach wie vor regierenden bayrischen Staatsführung vermeiden wollte, hielt Hitler als der Hauptakteur des Prozesses von Anfang an entscheidende Trümpfe in seiner Hand, lag es doch jetzt bei ihm, die Zusammenarbeit mit Kahr, Lossow, Seisser vor der Öffentlichkeit auszubreiten. Ebenso musste angesichts der aussenpolitischen Brisanz die enge Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und rechten Kampfverbänden strikt verheimlicht werden, sollte nicht den Alliierten mit diesem eklatanten Bruch des Versailler Vertrags erneut die Legitimation für Strafaktionen gegeben werden.

So begann der Prozess gleich mit einer nichtöffentlichen Sitzung, während deren sämtliche Beteiligten versicherten, dass eben diese Verbindungen nicht zur Sprache kommen sollten. Der Vorsitzende Richter, Georg Neithardt, der aus seiner rechten, republikfeindlichen Gesinnung kein Hehl machte, kam Hitlers Absicht, den Prozess in einen symbolischen Triumph nach der realen Niederlage zu verwandeln, zusätzlich entgegen. Dass der Prozess überhaupt in München und nicht, wie es das Republikschutzgesetz von 1922 vorschrieb, vor dem Reichsgericht in Leipzig stattfand, offenbarte bereits den Willen zum Rechtsbruch der bayrischen Führung, um die Dimensionen des Putschversuches zu vertuschen.

Erstrangige Quelle

Wie wichtig die Nationalsozialisten diesen Prozess selbst genommen haben, zeigt die Tatsache, dass sie die Akten nach 1933 aus den Gerichtsarchiven nahmen, gesondert aufbewahrten und im April 1945 gezielt verbrannten. Neben vereinzelten Splitterakten und den Unterlagen eines Landtagsausschusses, der sich mit dem Putsch beschäftigte, sind nur noch die stenographischen Protokolle erhalten, die das damalige Justizministerium vom Prozess anfertigen liess und die nun in einer sorgfältigen Edition vom Münchener Institut für Zeitgeschichte herausgegeben worden sind. Galt dieser Prozess allgemein als Farce, der Hitler Gelegenheit zu langen Reden bot, so zeigen die jetzt veröffentlichten Protokolle Hitler als einen kalt berechnenden Politiker, der vor allem die strukturellen Mängel des Prozesses zu nutzen wusste. Allein das Übereinkommen aller Beteiligten zu Beginn, die geheimen Reichswehrverbindungen zu den rechtsradikalen Kampfverbänden nicht zu veröffentlichen, bewahrte ihn vor einem angemessen harten Urteil. Als v. Kahr, v. Lossow und Seisser im Zeugenstand ihre vernebelnden Aussagen machten, war es Hitler, der sie in peinliche Kreuzverhöre nahm und nicht nur als Mittäter kennzeichnen, sondern sie zugleich auf Grund ihres Umschwenkens als nationale Verräter brandmarken konnte. Hitler bestimmte die Dramaturgie des Prozesses, spielte mit seinen Kontrahenten Katz und Maus und verdrehte erfolgreich die Anklage des Hochverrats in ein Dokument seines unbedingten Einsatzes für die Nation und gegen die «hochverräterische» Reichsregierung, die Deutschland 1919 der Revolution ausgeliefert habe.

Nicht umsonst hat das Interesse der Forschung an diesen frühen politischen Jahren Hitlers in jüngster Zeit stark zugenommen, sind doch hier offensichtlich die Weichenstellungen zu beobachten, die Hitlers Karriere im folgenden bestimmten. Während Ron Rosenbaums in den USA heftig diskutiertes Buch über die Hitler-Debatte jedoch sich im Gestrüpp der Frage nach dem Bösen verfängt, haben andere Autoren &endash; weniger «philosophierend» als empirisch forschend &endash; die Frühzeit Hitlers neu untersucht. Brigitte Hamann zum Beispiel legte in ihrem Buch über Hitlers Wiener Jahre von 1908 bis 1913 dar, dass sein Antisemitismus ganz entgegen seinen eigenen Aussagen zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgeprägt war und er durchaus persönliche Verbindungen zu Juden besass. Und Ian Kershaws grosse Hitler-Studie von 1998, deren erster Teil für die Jahre bis 1936 allein fast tausend Seiten umfasst, widmet jener Frühzeit grosse Aufmerksamkeit. Jedoch musste sich auch Kershaw in seinem Kapitel über den Putsch und den nachfolgenden Prozess wesentlich auf Forschungen und Dokumentationen stützen, die aus den sechziger und siebziger Jahren stammen.

Erst neuerdings haben Otto Gritschneder und Lothar Gruchmann &endash; beide nicht nur Herausgeber der Edition, sondern dort auch mit exzellenten Einführungen zur historischen wie juristischen Dimension vertreten &endash; sich mit einzelnen Veröffentlichungen zum Putsch und Prozess hervorgetan. So ist die vorliegende Edition des Hitler-Prozesses 1924 eine Quelle ersten Ranges für die Verquickung von bayrischer Staatsregierung, Reichswehr und rechtsradikalen Kampfverbänden, die Hitler erst die Grundlage für seinen Putschversuch boten. Zudem ist ein Hitler zu «entdecken», der die bayrischen Eierschalen abgestreift hat und sich als Reichspolitiker präsentiert, kühl kalkulierend und politisch geschickt die Schwächen seiner Gegner nutzend. Die Geschichte Hitlers ist die Geschichte seiner Unterschätzung, hat der erste Hitler-Biograph, der demokratische Journalist Konrad Heiden, geschrieben. In diesem Prozess hätte man das gefährliche politische Talent Hitlers erkennen können.

So endete der Prozess nicht nur mit einem skandalös milden Urteil von fünf Jahren Festungshaft, aus der Hitler bereits acht Monate später entlassen wurde &endash; Ludendorff wurde sogar freigesprochen &endash;, sondern der Richter unterliess ausserdem die vom Gesetz her zwingend vorgeschriebene Ausweisung Hitlers aus Deutschland. Und von den Getöteten war im Urteil keine Rede mehr. Während Hitler die toten Putschisten sogleich zu nationalen Märtyrern erhob, brachte die Stadt München erst 1994 eine Gedenktafel vor der Feldherrenhalle für die vier erschossenen Polizisten an, die an jenem 9. November 1923 mit ihrem Leben die Republik verteidigt hatten.

Michael Wildt

 

Der Hitler-Prozess 1924. Wortlaut der Hauptverhandlung vor dem Volksgericht München I. Herausgegeben und kommentiert von Lothar Gruchmann und Reinhard Weber unter Mitarbeit von Otto Gritschneder, 4 Bände. Verlag K. G. Saur, München 1997&endash;1999. Insgesamt etwa 1500 S., mit Abb. und Dok., Fr. 498.&endash;.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 25.08.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben