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Keine Zeit für Verlierer

F. C. Delius' Roman «Die Flatterzunge»

Es ist eine wesentliche Prämisse des Erzählers Friedrich Christian Delius, von Tatsachen auszugehen und auf Tatsachen zurückzuwirken. Bei ihm entsteht Literatur nicht aus sich selbst heraus, sondern in Verlängerung von Realität. So kann schon eine Notiz in der Zeitung, die andere eher beiläufig zur Kenntnis nehmen, ein Erzählanlass sein, um in der Wirklichkeit die Wahrheit zu finden. Und weil es schliesslich so gewesen sein könnte, wie es daraufhin in der Geschichte erzählt worden ist, wird die Fiktion zu einem Fakt. Dieses Verfahren eines pseudoauthentischen Erzählens setzt die Begabung voraus, die imaginierte Welt mit den Gesetzen der realen auf glaubhafte Weise in Verbindung zu bringen. Über diese Begabung verfügt Delius perfekt.

Auch sein neues Buch «Die Flatterzunge» reagiert auf ein Ereignis, das vor zwei Jahren Schlagzeilen machte. Die Geschichte, die hier erzählt wird, scheint auf den ersten Blick einfach: Ein Konzertmusiker unterschreibt während eines Gastspielaufenthaltes in Tel Aviv eine Hotelrechnung mit «Adolf Hitler», worauf der Barmann, ein Jude, Anzeige erstattet und der Vorfall zu einer Staatsaffäre wird. Sofort verliert der Musiker seine Anstellung im Orchester, wenden sich die Kollegen von ihm ab und verlässt ihn die Freundin. In seiner Existenz ruiniert, wie er ist, wartet er nun auf seinen Prozess und schreibt in Form eines Tagebuches auf, was ihn entlasten könnte und durch seinen Verteidiger verlesen werden soll. Die Niederschrift, die in drei Kapiteln verfasst ist und über die Stationen Berlin, Tel Aviv und Rückkehr nach Berlin die Vor- und Nachgeschichte beschreibt, kreist reflektorisch immer wieder um dieses unheimliche Sekundenereignis. Wie konnte es zu diesem Skandal kommen, und welche Kraft im Inneren seiner Seele hat es bewirkt, so etwas für ihn vollkommen Absurdes zu tun &endash; das ist die Frage, die den traurigen Helden der Erzählung und damit natürlich den Autor beschäftigt.

«Ich. Ich habe. Ich habe keine einfachen Deutungen für mein Verbrechen. Meine Gegner haben eine einzige Erklärung: Nazi. Meine Verteidiger auch nur eine: Alkohol. Alle suchen sie eine Formel, sie werden sich nicht einigen.» Tatsächlich gibt der Mann keine Ideologie zu erkennen, die geeignet wäre, seine Tat schnell zu erklären, denn er ist weder ein Antisemit noch ein Revanchist. Eher stellt er sich dar als jemand, der mehr mit seinem Sexus beschäftigt ist als mit den Dingen der Welt, um jene politische Korrektheit bemüht, deren Einhaltung die Bedingung dafür ist, vor der Politik seine Ruhe zu haben. Vom Typ her ein Durchschnittsmensch also, dessen Erfahrungen, Leidenschaften und Ängste etwas durchaus Repräsentatives haben für jene Generation, die von deutscher Geschichte zwar nicht mehr mit Schuld, jedoch mit Erblast beladen ist.

Gerade diese Mittelmässigkeit aber, diese Austauschbarkeit als Person ist das Unheimliche, das ihn umgibt und weswegen er schroff gemieden und so unerbittlich verurteilt wird. Denn sie beschwört einen kollektiven Charakter. Demnach hätte jedem diese Fehlleistung unterlaufen können, der im Unterbewusstsein mit einer Vergangenheit lebt, die das Böse als Wiederkehr des Verdrängten hervorbringt. Und dann sei es, so versucht es der Mann seiner Freundin zu erklären, wie mit einem Anfall von Husten während der Aufführung. In dieser Unwillkürlichkeit aber ist der Täter schon Opfer eines gemeinschaftlichen Urteils, mit bösen Blicken gerichtet.

Übertragen gesagt heisst das: Nicht er, der Posaunist auf einer Gastspielreise in Israel, ist der Verbrecher, sondern die Zeichen seiner entfremdeten Gefühle, wie sie die Person in einem labilen Moment ergreifen und desavouieren, sind die Subjekte der Tat. Und ist er nicht Posaunist geworden, weil der Zungenstoss ins Mundstück des Instrumentes die Gebärde des Ausspuckens war? «Ich weiss nicht, ob ich bei der Posaune geblieben wäre, wenn ich diese Lust am Spucken nicht hätte austoben können. Spucken war verboten, zu Hause, in der Schule, überall, wie alles verboten war, Schimpfen, Fluchen, Furzen, Klagen, Schreien, Streiten, Schmatzen, Räkeln, Onanieren, Berühren.» Und zwei Sätze weiter: «Das Spucken war der Anfang einer Opposition, die Aufforderung zu spucken eine Aufforderung zur Revolte.»

Der Verweis, der damit gegeben wird, schliesst also eine Revolte mit ein, die im Akt der Benennung jener kollektiv verdrängten Initialen liegt, die das Böse schlechthin sind. Mehr und mehr davon überzeugt, schuldlos am eigenen Vergehen zu sein, bekennt er schliesslich, weshalb er sich für seine Tat nicht habe entschuldigen können: «Weil ich für ein paar Sekunden die Wahrheit gesagt habe.» Welche Wahrheit? Die Wahrheit, dass die Deutschen in Auschwitz nicht nur die Juden, sondern auch die eigene Zukunft als souveräne Nation verbrannt haben und bis ins siebte Glied ihrer Ahnen verfolgt sein werden von einem Fluch? Und dass dieser Fluch es ist, den er für den Bruchteil einer Sekunde nicht mehr verdrängen konnte? «Aber ich bin doch das Opfer, das jüngste Opfer dieser Scheiss-Nazis, dachte ich. Erst in der U-Bahn fiel mir die Antwort ein: Den andern, die mich als Täter sehen, geht es doch prima mit ihrer Empörung auf ihren politischen Stammplätzen!»

Doch diese Zuspitzung ist noch immer nicht das Ende eines Diskurses der Schuld, wie ihn der Autor in Erweiterung aktueller Debatten fortsetzt. Er weiss ihn auf eine Weise zu steigern, die beklemmend, weil vollkommen hoffnungslos ist: «Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Hitler Adolf heiss. Ich weiss es auch nicht, ich hab es bis dahin auch nicht gewusst. Aber irgend jemand in mir schreibt seinen Namen da hin, irgendein Adolf in mir schreibt seinen Adolf da hin, auf meinen Zettel, mit meiner Handschrift.» Die Wahrheit der Figur ist also nicht lediglich in einem mehr oder weniger unwillkürlich vollzogenen Tabubruch zu finden, sondern darin, dass sie ihre Identität &endash; zumindest in Anteilen &endash; über das Monströse definiert, das ein besonderes Allgemeines benennt.

Dass selbst die israelischen Kollegen dem wie unter moralischer Quarantäne lebenden Musiker in Berlin eine Einladung schicken mit den Worten: «Don't worry, we don't want you to be a parody of a new Hitler. Just be the German you are», ist schliesslich kein weiterer Höhepunkt der Ereignisse mehr. Vielmehr entlasten sie ihn, wie er von jenem Richter, mit dem er imaginär im Dialog steht, niemals entlastet werden würde. Und sie können es auch, weil sie eine Freiheit haben, die es in Deutschland nicht gibt: die Freiheit zur Vergebung.

Kurt Drawert

 

Friedrich Christian Delius: Die Flatterzunge. Erzählung. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999. 141 S., Fr. 29.80.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 25.08.1999

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