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Das Grosse Jubiläum

Heilstheologie und Heilstechnologie des Heiligen Jahrs

Das «Heilige Jahr», das am Weihnachtsabend 1999 mit der Öffnung der Heiligen Pforte der Petersbasilika im Vatikan beginnen wird, hat Vorgänger, der Text der Enzyklika «Tertio Millennio Adveniente» (vom 10. November 1994) Kontexte.

«Die Zeit», hat William Blake gesagt, «ist die Barmherzigkeit der Ewigkeit»: der Ewigkeit, die uns gegen sich selber abschirmt, indem sie einen Horizont um unser Dasein zieht. Ob wir Jahrzehnte oder Generationen, Vulkanausbrüche oder Jahrhunderte zählen: jedes zeitliche Mass gibt uns ein wenig Sicherheit vor den Schrecken einer grenzen- und gestaltlosen Weite, denen wir ohne solche Wegmarken ausgeliefert wären.

Das Bedürfnis nach einem gesicherten Ort in der Zeit hat bald nach dem Anfang des ersten nachchristlichen Jahrtausends eine neue Form angenommen. Die frühen Anhänger Jesu erwarteten seine Wiederkehr noch vor ihrem Lebensende. Paulus wie Petrus ermahnen sie zur Geduld: nach «Zeiten und Fristen» sollen sie nicht fragen, sondern sich bereithalten: der Tag des Herrn wird kommen «wie der Dieb in der Nacht». Doch aus dem Schwinden der Naherwartung wurde dann Spekulation auf die Zukunft; um nicht ins Leere hinein warten zu müssen, begann man entgegen dem Rat der Apostel mit Fristen zu rechnen; und das Millennium der Apokalypse war nicht die einzige «Frist», an die man sich hielt, aber die wichtigste.

Dass die Zeit einmal enden wird &endash; dass jenseits des Horizonts, mit dem sie die Existenz schützend umgibt, etwas liegt, das sich dem Denken in messbaren Strukturen entzieht &endash;, diese Vorstellung ist nicht spezifisch christlich; sie gründet in der Todeserfahrung, auf die jede Kultur ihre Antwort hat finden müssen. Was sich jedoch im Abendland besonders entwickelt hat, ist ein enger Zusammenhang zwischen religiöser Erwartung und historischem Verstehen: die Zeit (so wird angenommen) läuft nicht nur auf ein Ende zu, sie geht der Vollendung entgegen; die Geschichte durchquert das Diesseits nicht einfach bis zu der Schwelle, an der ein zeitloser Zustand sie ablösen wird. Das Ziel, auf das sie hinführt &endash; Wiederkehr Christi, Jüngstes Gericht oder einstweilen die Herrschaft des Antichrist &endash;, ist in ihr schon präsent und erkennbar; sie selber ist Heilsgeschehen.

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Ein System der Geschichte, das zugleich eine Heilslehre ist, hat gegen Ende des 12. Jahrhunderts der kalabresische Abt Joachim von Fiore entworfen. Danach gibt es drei Zeitalter: das erste hat im Jahr 1260 v. Chr. begonnen und bis zur Geburt Jesu gedauert; es ist das Zeitalter des Vaters oder des Gesetzes, und seine Länge entspricht den 42 Generationen des Stammbaums Jesu nach dem ersten Kapitel des Matthäus-Evangeliums: je 14 von Abraham zu David, von David zum babylonischen Exil und von da zu Christus. Das zweite ist das Zeitalter des Sohnes oder der Gnade; weil es gleich lang sein muss wie das erste, wird es im Jahr 1260 enden. Und das dritte wird das Zeitalter des Geistes sein. Gesetz, Gnade, Geist &endash; Altes Testament, Neues Testament, Ewiges Evangelium &endash; Synagoge, Kirche, Geistkirche: die Dreifaltigkeit als Geschichte; wobei der künftige (baldige) Übergang von der realen Kirche zu der erneuerten, gereinigten Geistkirche den Angelpunkt bildet. Eine Reihe von «Engelpäpsten» sollte diese Läuterung herbeiführen, und viele glaubten in dem heiligen Einsiedler Petrus vom Murrone die erste dieser Lichtgestalten zu sehen, als er unter dem Namen Cölestin V. zum Papst ausgerufen, bald aber zum Rücktritt gezwungen wurde.

Und sein umstrittener Nachfolger war es nun, der am Ende des dreizehnten Jahrhunderts als Verkörperung einer verweltlichten, dem reinen apostolischen Auftrag entfremdeten Kirche erscheinen konnte: Bonifaz VIII., der in seiner Bulle «Unam sanctam» erklärt hat, «dass aus Notwendigkeit des Heils dem römischen Papst jedes menschliche Geschöpf unterworfen sei». Eben weil dieser Machtanspruch an der Zeitstimmung einen &endash; zwar nur vorübergehenden &endash; Widerstand fand, entschloss sich Bonifaz zu einer neuartigen Demonstration kirchlicher Lebenskraft: zur Ausschreibung des Grossen Jubiläums. Die «runde» Zahl 1300 gab ihm Gelegenheit, die Gläubigen zur Pilgerschaft nach Rom aufzurufen, wo sie auf die völlige Indulgenz &endash; Straflosigkeit für alle ihre Sünden vor dem höchsten Richter &endash; rechnen durften. Das war das erste der Heiligen Jahre, die später im Abstand eines halben und bald nur noch eines Vierteljahrhunderts begangen wurden und die auf ihre besondere Weise die Zeit als «Barmherzigkeit der Ewigkeit» darstellen.

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Im 25. Kapitel des Buches Leviticus ergeht die Weisung Gottes an Mose, alle sieben Jahre ein Sabbatjahr und je nach sieben Sabbatjahren ein Halljahr zu halten, oder ein «Jubel»jahr: von dem hebräischen Wort Yobel, das nicht nur «Widder» heisst, sondern auch «Horn» sowie das Erschallen des Horns zum Beginn des Festes bedeuten kann. Im fünfzigsten Jahr soll «ein jeder wieder zu seinem Besitz» kommen, und wer sich in die Knechtschaft verkauft hat, soll «mitsamt seinen Kindern frei ausgehen». Das Jahr wird geheiligt, indem «reiner Tisch» gemacht, die Ordnung wiederhergestellt wird &endash; unter den Menschen, vor Gott und so auch mit Gott . . . Bereinigung, Neubeginn: im dreizehnten Jahrhundert ist von dem Thema eine grosse Faszination ausgegangen. Die stets präsent gehaltene Vorausdeutung des Jesaja auf den kommenden Christus war leicht mit der Heilsbotschaft zu verknüpfen, die den Gefangenen Befreiung und den Gebundenen Lösung in einem «Gnadenjahr des Herrn» verhiess.

Zu den Rompilgern des Jahrs 1300, deren Zahl auf 200 000 geschätzt wird, gehörte auch Dante: Im 18. Gesang des «Inferno» beschreibt er den geregelten Zug über die damals einzige Brücke zur Peterskirche; im 31. Gesang des «Paradiso» blickt er zu den höchsten Rängen der Seligkeit auf wie ein Wallfahrer, der sein Gelübde einlöst und in das Heiligtum tritt, «quasi peregrin che si ricrea / nel tempio del suo voto riguardando»; und wieder fällt &endash; in seiner Anrede an Beatrice, die geistliche Retterin &endash; das Wort «Freiheit»: «Tu m'hai di servo tratto a libertate / per tutte quelle vie, per tutt'i modi / che di ciò fare avei la potestate.» Die Befreiung aus der Knechtschaft, Gnade des Halljahrs, ist zur Befreiung von der Sündenlast geworden, so wie sie Paulus im sechsten Kapitel des Römerbriefs verstanden oder &endash; für Dante noch eher &endash; wie sie Thomas von Aquin definiert hat, als Wiederherstellung der naturalis ratio, die den Menschen zur Gerechtigkeit bestimmt, während die Sünde dieser ratio widerspricht; woraus folgt, quod libertas a peccato sit vera libertas, dass die wahre Freiheit die Freiheit von Sünde ist.

Bonifaz VIII. bezieht sich in seiner Jubiläumsbulle «Antiquorum habet fida relatio» vom 22. Februar 1300 auf die Tradition, nach der den Gläubigen, wenn sie die «ehrwürdige Basilika des Apostelfürsten» aufsuchten, «Nachlass und Vergebung der Sünden» in besonderem Mass gewährt wurden (magnae remissiones et indulgentiae peccatorum). Er greift nicht auf das Alte Testament zurück; den Gläubigen aber soll sich die unvergleichliche &endash; auf Vergleiche nicht angewiesene &endash; Machtfülle des Statthalters Christi darstellen, der sie mit einem Mal von Schuld und Strafe freisprechen &endash; und diesen Freispruch verweigern kann. Die Pilgerfahrt nach Rom entsprach nun der Teilnahme an einem Zug ins Heilige Land: auch Kreuzfahrern war jeweils der vollkommene Ablass gewährt worden; und diesen historischen Hintergrund konnte Bonifaz durchschimmern lassen: wenn das Grab des Apostelfürsten die Stelle des Heiligen Grabes einnahm, trat der Gedanke der Stellvertretung um so sinnfälliger hervor. Gleichzeitig verstärkte sich die Kontrolle &endash; von Wallfahrern liess sich eher als von Kreuzfahrern feststellen, ob sie zu den vere penitentibus et confessis gehörten: ob sie in der Beichte wahre Reue zeigten. Und eine Logistik der Heilsvermittlung liess sich entwickeln: die Pilger, die mehr als nur eine der grossen Basiliken Roms besuchten, konnten der vollkommenen Indulgenz noch gewisser sein als die anderen; doch genügte an den höchsten Feiertagen schon die eine Peterskirche jedem möglichen Anspruch.

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Das Apostolische Schreiben «Tertio Millennio Adveniente» vom 10. November 1994 ist zunächst ein christologischer Text. Jesus Christus, sagt Papst Johannes Paul II., sei «der Neuanfang von allem» oder, nach Eph 1, 10, «die Wiederherstellung von allem» (I, 6). Die Freiheitsbotschaft im Buch Leviticus habe «mehr eine Hoffnung» aussprechen als zu «konkreter Verwirklichung» führen können. Indessen sei sie zu einer Prophezeiung geworden, zur «Vorankündigung der wahren Befreiung durch den kommenden Messias», und wenn das alttestamentliche Halljahr eine Soziallehre schon habe ahnen lassen, sei es dem Neuen Testament vorbehalten geblieben, ihr «eine deutlichere Entwicklung» zu geben; vor allem aber im letzten Jahrhundert, seit der Enzyklika «Rerum novarum», habe sie sich «in der Tradition des Jubeljahrs» vollends ausgebildet (II, 13).

Der Papst variiert das Wort von der «Fülle der Zeit» (Gal 4, 4), wenn er sagt, mit Jesu Geburt &endash; mit der Inkarnation &endash; sei «die Ewigkeit in die Zeit eingetreten» oder «die Zeit zu einer Dimension Gottes geworden, der in sich ewig ist»; mit dem Kommen Christi habe die «Endzeit» begonnen (nach Hebr 1, 2), «die Zeit der Kirche, die bis zu seiner Wiederkunft dauern wird» (II, 9). Auf diesen Anfang, der zugleich Erfüllung sei, habe Jesaja vorausgedeutet, da er ein «Gnadenjahr des Herrn» ankündigte (61, 1&endash;2), und in dem Gebot, solche Jahre zu feiern, habe die Ahnung schon mitgeschwungen, dass einst die Menschwerdung Gottes die Zeit heiligen werde (II, 10).

Und in dieses Konzept nimmt der Papst wiederum den Gedanken auf, dass das Hall- oder Gnadenjahr zur Bereinigung der menschlichen Verhältnisse &endash; er spricht auch von Läuterung und Umkehr &endash; bestimmt sei und einen Neubeginn bilden müsse. Das Zweite Vatikanische Konzil stelle eine «Ankündigung neuer Zeiten» dar (III, 20). Ebenso die «Wende» von 1989 &endash; der das Marianische Jahr, «gleichsam eine Vorwegnahme des Jubeljahrs», unmittelbar vorausgegangen sei.

So kann auch dieses Grosse Jubiläum einerseits als Bestätigung kirchlicher Lebenskraft gelten, als Offenbarung, wie Johannes Paul II. erklärt, eines «neuen Frühlings christlichen Lebens», der von den Päpsten seit Johannes XXIII. und «bis hin zum gegenwärtigen Papst» vorbereitet worden sei (III, 18). Andererseits lässt sich das Heilige Jahr als Schwelle verstehen: als Übergang, nicht in eine von Grund auf veränderte geistige oder geistliche &endash; oder gesellschaftliche &endash; Ordnung, aber in überprüfte, bereinigte, auf Versöhnung gestimmte Verhältnisse: Erneuerung als Wiederherstellung &endash; Wiederherstellung auch der kirchlichen Einheit unter den Christen.

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Dieses zukunftgerichtete und zugleich restaurative Programm verbindet der Papst nun mit einer trinitarischen Wegleitung zum Eintritt in das Heilige Jahr. Er knüpft aber nicht an das Schema Vater - Sohn - Heiliger Geist an, das im Sinn eines radikalen Reformwillens für die Verwirklichung einer Ecclesia Spiritualis, einer erst kommenden und Vollkommenheit stiftenden Kirche, einsteht. Er lenkt die Betrachtung zunächst auf Jesus Christus und so auf die Taufe «als Grundlage der christlichen Existenz» (IV, 41). Im Anschluss daran soll die «pneumatologische Ausrichtung» des Heiligen Jahrs in das Bewusstsein der Gläubigen treten. Der Geist sei «die Hauptkraft der Neuevangelisierung», erklärt der Papst; er lasse «im menschlichen Erleben die Keime der endgültigen Rettung aufgehen, die am Ende der Zeiten eintreten wird» (IV, 45). Ein eschatologisches Moment, das gleichwohl eingebunden bleibt in die historische Kontinuität: am Vorabend des Grossen Jubiläums sollen die Gläubigen «ihre Hoffnung auf die endgültige Ankunft des Reiches Gottes» erneuern «in der christlichen Gemeinschaft, der sie angehören, in dem sozialen Umfeld, in das sie hineingestellt sind, und so auch in der Weltgeschichte» (IV, 46).

Noch einmal knüpft Johannes Paul II. an das Buch Leviticus an. Der Schuldenerlass des Halljahrs soll nicht nur oder nicht ganz ins Persönlich- Moralische umgedeutet, er soll auch als sozialethischer Anspruch verstanden werden. So sieht der Papst in dem Jubiläum «die rechte Zeit, an einen erheblichen Erlass der internationalen Schulden zu denken, die auf vielen Ländern lasten», und «über andere moderne Herausforderungen nachzudenken (IV, 51). «Unumgänglich» nennt der Papst besonders «die Auseinandersetzung mit dem Säkularismus und den Dialog mit den grossen Religionen»: zwei Aufgaben, die sich dem «technologisch hochentwickelten, aber innerlich verarmten Westen» stellten &endash; einer Zivilisation, in der Gott «an den Rand gedrängt» werde. Und hier ist mit «Gott» die erste Person der Trinität gemeint. Der eschatologische Horizont klärt sich nicht nur für die Kirche, die im Zeichen der Busse und der Erneuerung die Wiederkunft des Sohnes erwartet, sondern auch für ein christliches Leben, das sich als «eine grosse Pilgerschaft zum Haus des Vaters» versteht (IV, 49). Sohn und Vater haben in diesem trinitarischen Schema den Geist in die Mitte genommen.

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Dem Jahr 1000 n. Chr. waren Endzeitstimmungen vorausgegangen, von denen wir nicht so recht wissen, wie tief sie gingen und wie verbreitet sie waren; man hört von Menschen, die ihre Häuser verkauften, um sich vor dem Weltende noch ein paar gute Tage zu machen; andere müssen demnach Häuser gekauft, also auf Zukunft spekuliert haben. Als das kritische Jahr vorbei war, beeilte man sich da und dort, Profan- wie Sakralbauten zu restaurieren, was auf ein Wiedererstarken des Zukunftsglaubens hindeutet; aber auch da sind wir nicht genügend dokumentiert, um die Breite der Bewegung zuverlässig einschätzen zu können.

Heute scheint die Wende zu einem neuen Millennium kaum Panik zu wecken, und in Rom werden schon seit Jahren die Fassaden bedeutender Kirchen und Paläste renoviert. Und der Wiederherstellung einer Szenerie, die des Jubiläums würdig sein soll, entspricht umgekehrt eine Aufarbeitung der Glaubenslehre, die an der Schwelle des nächsten Jahrtausends eine umfassende Rechenschaft über den Stand der christlichen Wahrheitsfindung und der kirchlichen Ordnung ermöglichen soll.

In zwanzig Enzykliken, Apostolischen Schreiben und Exhortationen hat Johannes Paul II., teilweise nach Konsultation der Bischofssynode, die grossen Themen des Katholizismus behandelt und die Situation der Kirche in vorsichtig zurückhaltender Differenzierung von Erdteil zu Erdteil beleuchtet. Zusammen mit einigen Lehrschreiben seiner letzten Vorgänger, mit der Reform des «Codex Iuris Canonici» und mit dem «Katechismus der katholischen Kirche» bilden diese Texte ein Kompendium der Antworten, die das Lehramt am Ende des zweiten Jahrtausends zu geben hat.

Der Antworten, nicht der Fragen. Wenn der Papst zwar von einem «neuen Frühling christlichen Lebens» spricht, so gleicht doch die Anstrengung, die er auf seine theologische und disziplinäre Bestandesaufnahme verwendet, eher einem Aufräumen vor dem Anbruch des Winters. Er bezieht sich in jeder seiner Wegleitungen auf das Konzil, so wie man sich auf die Paragraphen eines Lehr- oder Gesetzbuchs beruft; das Zweite Vatikanum wird zur Instanz, die zwischen Positionen gewählt und über Zweifelsfälle entschieden hat; die Entwicklungen, die es in Gang gesetzt, hätte es so auch zum Stehen gebracht. Ob da nicht doch, in der Form einer lehramtlichen «Torschlusspanik», das Gefühl einer endzeitlichen Bewährungsprobe mitschwingt? &endash; der Gedanke, dass die Kirche sich selbst und der Welt und vor allem Gott etwas schuldig bliebe, wenn sie nicht jetzt ihrer Botschaft das Gepräge der Endgültigkeit gäbe: Endgültigkeit verstanden als Zeugnis dafür, dass «die Ewigkeit in die Zeit eingetreten ist»?

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Am 29. November 1998 hat Papst Johannes Paul II. die Verkündigungsbulle zum Grossen Jubiläum des Jahres 2000 erlassen: «Incarnationis Mysterium». Sie setzt mit einem Hinweis auf die Zusammengehörigkeit von Rom und Jerusalem ein: nicht mehr im Zeichen des Kreuzzugs natürlich, sondern im Sinn der Hoffnung auf ein versöhntes Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslimen. Das Jubiläum, sagt der Papst, werde «zwei Zentren haben: einerseits die Stadt, in der nach dem Willen der Vorsehung der Stuhl der Nachfolger Petri steht, und anderseits das Heilige Land, in dem der Sohn Gottes [. . .] als Mensch geboren wurde» (2). Darum beginnt das Heilige Jahr «am Weihnachtsabend 1999 mit der Öffnung der Heiligen Pforte der Petersbasilika im Vatikan, die der in Jerusalem und in Bethlehem vorgesehenen Eröffnungsfeier und der Öffnung der Heiligen Pforte in den anderen Patriarchalbasiliken in Rom um einige Stunden vorausgehen wird» (6).

Johannes Paul II. erinnert an Bonifaz VIII., der vor siebenhundert Jahren zum ersten Jubiläum aufgerufen und den Rompilgern in seiner Eröffnungsbulle «nicht nur volle und reichliche, sondern sogar vollste Vergebung der Sünden (immo plenissimam [. . .] veniam peccatorum)» gewährt habe (5). Er selbst erläutert die Gewährung des Ablasses in dem Sinn, dass die Vergebung der Sünden eine «tatsächliche Lebensänderung [. . .], eine Erneuerung der eigenen Existenz» und eine «Reinigung des Gedächtnisses» einschliesse. In der Menschwerdung Christi habe die Zeit sich erfüllt; indem aber Gottes Zeit sich erfülle, ergehe der Aufruf zur Umkehr (11). Und die conversio muss auch die gesellschaftlichen Entwicklungen im weitesten Sinn erfassen: sie verpflichtet zum Kampf gegen die Armut und zur Ermöglichung persönlicher Freiheit. «Die Menschheit», erklärt der Papst, «steht neuen und subtileren Formen der Sklaverei gegenüber, als wir sie aus der Vergangenheit kennen»; so knüpft er wiederum an Leviticus an: Wiederherstellung des Besitzes, Lösung aus der Knechtschaft.

Der päpstlichen Bulle folgen die Anweisungen der Apostolischen Pönitentiarie für die Erlangung des Jubiläumsablasses. Sie erinnern daran, «dass der Jubiläumsablass den Seelen der Verstorbenen durch Fürbittgebet zugewendet werden kann». Die Feier des Busssakraments, die persönliche und vollständige Beichte nach can. 960 des Codex Iuris Canonici und nach can. 720 § 1 des Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium sowie die Teilnahme an der Eucharistie ermöglichen den Empfang des vollkommenen Ablasses, der nach norm. 21 § 1 des Enchiridion indulgentiarum «nur einmal am Tag gewonnen werden kann». In Rom geschieht dies in einer der vier Patriarchalbasiliken und an bestimmten anderen Stätten wie etwa den christlichen Katakomben, im Heiligen Land sind Ziele der Wallfahrt die Grabeskirche in Jerusalem, die Geburtskirche in Bethlehem und die Verkündigungsbasilika in Nazareth; aber auch in den anderen kirchlichen Jurisdiktionsbereichen können die Gläubigen den Jubiläumsablass erlangen, wenn sie in einer vom Bischof bestimmten Kirche die vorgeschriebenen Frömmigkeitsübungen vollziehen; und schliesslich können sie überall «gleichsam zu Christus pilgern», wenn sie «für eine angemessene Zeit Brüder und Schwestern besuchen, die sich in Not oder Schwierigkeiten befinden», oder wenn sie «die Bussgesinnung, die gleichsam die Seele des Jubiläums ist, konkret und hochherzig in die Tat umsetzen», indem sie zum Beispiel «sich wenigstens einen Tag lang überflüssigen Konsums enthalten &endash; nicht rauchen, keine alkoholischen Getränke zu sich nehmen, fasten oder Enthaltsamkeit üben &endash; und eine angemessene Geldsumme den Armen zuwenden . . .»

Es mag gerade im «innerlich verarmten Westen» nicht jeder und jedem leichtfallen, diesen unvermittelten Übergang von der Heilstheologie zur Heilstechnologie nachzuvollziehen. Wird mit der Einwilligung in die Banalität solcher Praxis nicht ein zu hoher Preis für die sichtbare Kirche bezahlt? Aber auch Dante hat ihn bezahlt &endash; hat den Weg über den Ponte Sant'Angelo gefunden, trotz radikalsten Vorbehalten gegen die Institution, die sich dort vor seinen Augen verkörperte. Vielleicht an einem Tag, da schon der Besuch der einen Petersbasilika ausreichte, um dem Pilger den vollkommenen Ablass zu sichern? An einem Tag, der dem eigenen Seelenheil und dem der Verstorbenen galt, deren Schatten dem Dichter so nahe gekommen sind. Ein Tag der Andacht &endash; ein Tag der Enthaltsamkeit? Bedenkenswert ist selbst in einem Text wie dem des päpstlichen Grosspönitentiars dieses Wort: nur einmal am Tag &endash; wenigstens einen Tag lang. Wenn die Zeit die Barmherzigkeit der Ewigkeit ist, könnte dann nicht der Tag die reinste Form der Barmherzigkeit sein? Und käme, so verstanden, nicht jeder Tag wie der Dieb in der Nacht? «Wartet nicht auf die Zeit», hat Katharina von Siena gesagt; «denn die Zeit wartet nicht.»

Hanno Helbling

 

© Neue Zürcher Zeitung - 21.08.1999

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