Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

«Mach aus Gott nicht dein Kopfkissen . . .»

Zum Tod des brasilianischen Bischofs Hélder Câmara

Hélder Câmara, am 7. Februar 1909 in Fortaleza (Brasilien) als elftes von dreizehn Kindern eines Buchhalters und einer Grundschullehrerin geboren, gehört mit Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Albert Schweitzer und Mutter Teresa zu den Persönlichkeiten, die das soziale Bewusstsein dieses Jahrhunderts bleibend geprägt haben. Sein Weg ist von einer steten Unruhe des Herzens gekennzeichnet, die ihn immer wieder zur persönlichen Ein- und Umkehr führte.

1931 zum Priester geweiht, war er in den dreissiger Jahren ein glühender Anhänger der brasilianischen Integralisten (Klerikalfaschisten). Später sollte er dies als eine «Jugendsünde» bezeichnen. Für seinen weiteren Weg war die pastorale Tätigkeit in den Elendsvierteln von Rio de Janeiro entscheidend, ebenso die Begegnung 1950 in Rom mit Montini, dem späteren Papst Paul VI. 1952 wurde er Weihbischof von Rio de Janeiro. Im selben Jahr war er an der Gründung der brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB), deren erster Generalsekretär er wurde, massgeblich beteiligt, ebenso 1955 an der Gründung des Lateinamerikanischen Bischofsrats (CELAM). Während des Konzils gehörte er zu denjenigen, die in der ersten Sitzung die Ablehnung der kurialen Geschäftsordnung erkämpften. Ansonsten hat er keine einzige Rede bei den Plenarsitzungen im Petersdom gehalten.

Wirken im Hintergrund

Der schmächtige kleine Mann mit dem stets aufmerksamen Blick wirkte eher im Hintergrund: durch seine Gespräche mit Kardinal Montini und Kardinal Suenens sowie durch seinen Einsatz in der Gruppe der «Kirche der Armen» um Kardinal Lercaro. Nach dem Militärputsch von 1964 wurde er aus Rio de Janeiro entfernt und zum Erzbischof von Recife im armen brasilianischen Nordosten ernannt. Hier setzte er seine engagierte Tätigkeit als Armenbischof, Regimekritiker, Verteidiger der Menschenrechte und als Pionier der Theologie der Befreiung fort. In seiner Heimat als «roter Bischof» verschrieen («Wenn ich den Armen Essen gebe, dann nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen kein Essen haben, nennen sie mich einen Kommunisten»), wurde er im Ausland als moralische Instanz in der Zeit der Militärdiktatur gefeiert.

Er, der nie eine Doktorarbeit geschrieben hat, erhielt ab 1969 über 36 Ehrendoktortitel in Theologie, Sozial-, Rechts-, und Literaturwissenschaften, einen der ersten 1971 von der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Der Friedensnobelpreis, für den er vom deutschen Episkopat vorgeschlagen wurde, blieb ihm wegen der wirksamen Hintertreibung durch die brasilianische Militärdiktatur versagt; 1974 wurde ihm aber zumindest der alternative Friedenspreis in Oslo verliehen. Seitdem hat er so gut wie alle Ehrungen erhalten, die Verteidigern der Menschenrechte zugesprochen werden können. Johannes Paul II. nannte ihn «Bruder der Armen und meinen Bruder», verweigerte ihm aber den Kardinalshut und ernannte einen konservativen Nachfolger für sein Bistum, sobald Hélder Câmara die kanonisch vorgeschriebene Altersgrenze erreicht hatte. Wer angesichts des himmelschreienden Unrechts nicht bloss «caritativ», sondern auch «politisch» das messianische Programm Christi zu verwirklichen sucht, der, das lehrt die Kirchengeschichte, eckt an und wird zum Stein des Anstosses.

Lyrische Zeugnisse

«Dom Hélder», wie er in seiner Heimat liebevoll genannt wurde, war kein Intellektueller, sondern ein Prophet. Er schrieb eine Vielzahl von kleinen Büchern, die in über 15 Sprachen übertragen wurden. Viele sind auch in deutscher Übersetzung zugänglich. Besonders empfehlenswert ist der im Pendo-Verlag erschienene Gedichtband «Mach aus mir einen Regenbogen». Seine Bücher enthalten Predigten, Meditationen, Ansprachen und Gedichte, die Einblick in seinen Kampf und seine Gotteserfahrung geben. Dort finden wir leidenschaftliche Anklagen von Menschenrechtsverletzungen, Plädoyers für eine Welt, in der die Rechte der Armen, die Gerechtigkeit, der Frieden, die Gewaltlosigkeit und die fruchtbare Verschiedenheit geachtet werden; franziskanische Gesänge an die Natur, die Blumen, die Tiere, die Arbeit und die einfachsten Tätigkeiten des Alltags; Gebete für die Bekehrung der Reichen und für das Erwachen des Bruders vom verlorenen Sohn aus seiner selbstgerechten Tugend.

Immer wieder schimmert dort auch die Tiefendimension seines prophetischen Wirkens durch: im Wissen um das Ende der Zeit und um den evangelischen Rat des carpe diem; im Wissen, dass der Herr ihn ständig trieb, «hinzugehen und zu verkünden, / dass es notwendig ist, ja dringend, / von Deiner Gegenwart im Sakrament / überzugehen / zu Deiner anderen Gegenwart, / einer ebenso realen, / im Abendmahl des Armen». Hélder Câmaras Leben und Werk zeigen uns, wie moralische Unruhe angesichts des Unrechts entsteht und politisch-theologische Gestalt annimmt: Sie beginnt mit der Öffnung des Herzens zur Kompassion mit fremdem Leid, das unruhig gewordene Herz beleuchtet die Wirklichkeit im Lichte des Evangeliums wie des vorhandenen Rechtsbewusstseins und drängt zu einem barmherzigen Einsatz für Gerechtigkeit in Wort und Tat. Uns, den Menschen der Ersten Welt, die gewohnt sind, fremdes und fernstes Leid zwischen Abendkrimi und Talkshow unempfindlich zu betrachten, gilt sein Vermächtnis:

Mach aus Gott nicht
dein Kopfkissen,
noch aus dem Gebet
dein Federbett.

Hélder Câmara, Bischof und Prophet, ist am vergangenen Samstag neunzigjährig in Recife gestorben.

 

Mariano Delgado

 

© Neue Zürcher Zeitung - 30.08.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben