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Hinübersetzen

Der Theologe Heinrich Ott wird siebzig

«Apologetik des Glaubens» – so lautet der Titel eines 1994 erschienenen Buches von Heinrich Ott, in dem er seine Gedanken zur Fundamentaltheologie zusammengefasst hat. Für gewisse Ohren mag dieser Titel einen dogmatischen und defensiven Klang haben. Die Lektüre des Buches jedoch zeigt nichts von dogmatischer Enge oder ängstlicher Defensive, sondern einen weltoffenen, dialogisch angelegten und hermeneutisch reflektierten theologischen Ansatz, der auf tiefgreifende Veränderungen in einer auch religiös globalisierten Welt reagiert.

Apologetik ist für den kürzlich emeritierten und am heutigen 1. September seinen siebzigsten Geburtstag feiernden Basler Systematiker das Grundgeschäft der Theologie, weniger als Verteidigung denn als Rechenschaftsgabe verstanden. Und dies wiederum setze ein grundsätzliches, nach innen wie aussen gerichtetes Verstehenwollen «des Glaubens überhaupt» als einer menschlichen Grundhaltung voraus, den Versuch einer Klärung und Vermittlung religiöser Tradition, der nur im Dialog gelingen könne.

Heinrich Ott hat über das Dialogische und über Vermittlung, über Verstehen und hermeneutisches «Über- und Hinübersetzen» nicht nur gesprochen, sondern es gewissermassen auch biographisch praktiziert: Studiert hat er bei Karl Barth in Basel und zugleich bei dessen Antipoden Rudolf Bultmann in Marburg, über den er wiederum – bei Barth – doktoriert hat zu einer Zeit, als der Streit zwischen beiden am intensivsten war. Karl Jaspers war sein Basler Philosophie-Lehrer, aber der Titel seiner Habilitationsschrift lautet «Der Weg Martin Heideggers und der Weg der Theologie». In seinem zweibändigen Werk «Wirklichkeit und Glaube» hat Ott in Reaktion auf die Gott-ist-tot-Theologie die Personalität Gottes neu betont, zugleich aber unterstrichen, man könne diese nicht «einfach voraussetzen» oder «einfach beteuern», sondern sie müsse in der Erfahrungswelt der Gläubigen aufgewiesen werden. Das setze die Entwicklung einer «personalistischen Ontologie» voraus, für die der Bereich des Personalen, des Zwischenmenschlichen, den Bedeutungshorizont bezeichne, auf dem Erfahrungen des persönlichen Gottes zu plausibilieren seien. Dem Verdacht des Anthropomorphismus, der «Vermenschlichung» Gottes, wehre ein zweiter methodischer Schritt der «strukturellen Begrenzung», in dem das Konstitutionsverhältnis sich umkehre: Gottes Liebe «trägt, begrenzt und bestimmt» die menschliche Liebe.

Otts Dialogizität spiegelte sich in seinem regen Interesse am Vaticanum II, an katholischen Denkern wie Rahner und Lonergan, in intensiven Gesprächen mit buddhistischen und hinduistischen Denkern, in seinen Kontakten nach Japan, Korea und China. So hat sich seine dialogische Perspektive schliesslich auf eine Religionstheologie hin geweitet, der auch das von ihm neu aufgebaute und weiterhin geleitete «Berufsbegleitende Studium in Theologie und Religionsphilosophie» verpflichtet ist. In Zukunft werde es der Theologie prinzipiell nicht mehr möglich sein, christliche Glaubenserfahrung zu interpretieren, ohne dabei zugleich nichtchristliche Glaubenserfahrungen zu beachten und ins eigene religiöse Denken einzubeziehen: «Dieser inter-religiöse Zirkel ist es, der in unserer Epoche die Wahrheit des lebendigen Gottes bezeugt – des Gottes, welcher keine Ideologie ist, die man ‹haben› kann.»

Niklaus Peter

 

© Neue Zürcher Zeitung - 01.09.1999

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