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Feuer für freiwillige Flüchtlingsarbeit

Grosses Interesse am Kirchenprojekt «Gastliche Gemeinden»

300 Verantwortliche aus Pfarreien, Kirchgemeinden und Fürsorgebehörden haben am Dienstag abend an einer Informationsveranstaltung zum Projekt «Gastliche Gemeinden für Kosovo» der Landeskirchen teilgenommen. Kirchenratspräsident Ruedi Reich, Weihbischof Peter Henrici, Regierungsrätin Rita Fuhrer und Stadträtin Monika Stocker zeigten sich erfreut über das grosse Interesse und unterstützten die freiwillige Flüchtlingsarbeit.

pi. Der Krieg in und um Kosovo ist vorbei. Die Aktualität hat den Balkan verlassen, hat sich auf andere Schauplätze verlagert. Die Glückskette sammelt bereits wieder für eine andere «Katastrophe», für die Erdbebenopfer in der Türkei – und doch ist das Flüchtlingselend der Kriegsvertriebenen aus Kosovo im Bewusstsein haftengeblieben. Ein eindrückliches Zeichen dafür, dass das Schicksal der Kosovo-Albaner nicht gleichgültig lässt, ist am Dienstag abend im Pfarreizentrum der Liebfrauenkirche in Zürich gesetzt worden. Rund 300 Verantwortliche der Kirchgemeinden, Pfarreien und der Fürsorgebehörden aus dem ganzen Kanton folgten einer Einladung der Evangelisch-Reformierten und der Römisch-Katholischen Landeskirche sowie der beiden Hilfswerke Heks und Caritas, um sich über das Flüchtlingsprojekt «Gastliche Gemeinden für Kosovo» zu informieren.

Solidarische Unterstützung

Ende Juni dieses Jahres, als der Kanton Zürich pro Tag bis zu 100 vom Bund zugewiesene Flüchtlinge aufzunehmen hatte, die Asylorganisation für den Kanton Zürich neben den voll ausgelasteten Durchgangszentren provisorische Notunterkünfte (in Zivilschutzanlagen) erstellen und die Bettenzahl von 1300 auf 2700 erhöhen musste, lancierten die Landeskirchen, die christlichen Hilfswerke und die Direktion für Soziales und Sicherheit einen Aufruf (NZZ 1. 8. 99). Die Pfarreien und Kirchgemeinden sollten sich an der Bewältigung der ausserordentlichen Flüchtlingssituation beteiligen. Konkret wurden Räume und Freiwillige gesucht. Der Appell und die Einladung zur ersten Informationsveranstaltung erfolgten noch vor den Sommerferien, so dass sich die Koordinatoren des Projekts die berechtigte Frage stellen mussten, ob sich überhaupt noch Freiwillige melden würden. Die unerwartet grosse Beteiligung am Dienstag abend hat jedenfalls alle überrascht.

Die verschiedenen Referenten verdeutlichten in ihren Ausführungen, dass sämtliche Betreuungsmassnahmen auf die Rückkehr ausgerichtet seien. Die Lage habe sich nun merklich beruhigt, man könne jedoch nicht wissen, wie sich die Flüchtlingssituation im Winter entwickeln werde. Die bei uns vorübergehend aufgenommenen Kosovo- Albaner werden zu einem grossen Teil noch bis zu zwei oder drei Jahren in der Schweiz bleiben. Auf Grund der grossen Zahl von Asylbewerbern sei es jedoch nicht möglich, sie zu integrieren, erläuterte ein Sprecher des kantonalen Sozialamtes – aber die Flüchtlinge brauchten unsere solidarische Unterstützung, lautete der Grundtenor. Die vielen geflüchteten Kosovo-Albaner wollten zurück in ihr Heimland, wollten stabile Strukturen schaffen und ihre Zukunft anpacken. Die Kirchgemeinden und Pfarreien sowie die Freiwilligen könnten dabei die professionelle Betreuung unterstützen, indem sie ein Klima der Akzeptanz, der Gastfreundschaft schafften und Kräfte aus der Gesellschaft mobilisierten. Kontakte und Gespräche seien namentlich für die psychosoziale Stabilität der Flüchtlinge äusserst wichtig. Gerade wenn die Schule Kindern Freude bereite, dann könne sich dies positiv auf die Eltern auswirken.

Wie können die Freiwilligen nun aktiv werden? Anhand von zwei Beispielen aus Horgen und Volketswil wurde deutlich, wie an «runden Tischen», an denen Vertreter der Kirchen, Behörden und Durchgangszentren teilnehmen, Ideen geboren wurden, die in konkreten Projekten ihren Niederschlag fanden: Deutschunterricht für Fremdsprachige, eine Kinder- und eine Frauengruppe. Ein Vertreter aus Horgen, der sich seit zehn Jahren für die freiwillige Flüchtlingsarbeit engagiert, sprach von einer «Christenpflicht», verfolgten Menschen in der Not beizustehen. Zudem bedeute ein solches Engagement eine Horizonterweiterung; mit Frauen, Männern und Kindern aus der ganzen Welt in Kontakt zu kommen sei eine grosse Bereicherung. Möglichkeiten, um Strukturen in Ergänzung zu denjenigen des Kantons aufzubauen, gibt es viele: Mithilfe in der alltäglichen Begleitung der Flüchtlinge, Aufbau von Kontakten zur Bevölkerung, Unterricht und Konversation in Deutsch oder anderen Sprachen, Freizeit-, Ausbildungs- und Beschäftigungsprogramme, Vermitteln von Vereinen, Sportklubs und Musikgruppen, Wiederaufbauhilfe. Wichtig sei es, im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe die Flüchtlinge zur Eigeninitiative zu animieren. Für die Koordination und Unterstützung der verschiedenen Projekte ist eine Stelle geschaffen worden.

Unterstützung und ein Dämpfer

Die beiden Vertreter der Landeskirchen, Kirchenratspräsident Ruedi Reich und Weihbischof Peter Henrici, wiesen auf die gute Zusammenarbeit von Kirche und Staat hin und betonten, es sei wichtig, sprachliche, kulturelle und religiöse Gräben zu überwinden und Brücken zu den Kosovo-Albanern zu bauen. Auch Regierungsrätin Rita Fuhrer sprach davon, dass viel Toleranz und Bereitschaft aufgebracht werden müsse, um die Flüchtlingssituation zu bewältigen. Es gebe indes nicht nur den guten Willen, sondern auch Ungeduld und negative Gefühle. Rita Fuhrer nannte dies nicht Fremdenfeindlichkeit, sondern Hilflosigkeit.

Die Regierungsrätin hatte im zweiten Teil ihres Plädoyers den Ton offenbar verfehlt und die Informationsveranstaltung mit einem SVP-Wahlanlass verwechselt. Nach den vielen positiven Voten im Laufe der Veranstaltung und dem offensichtlichen Willen der zahlreichen Anwesenden, sich freiwillig für eine gute Sache zu engagieren, folgte der Dämpfer. Rita Fuhrer sprach von der Angst vor der Kriminalität und zeichnete ein Bild, wie wir es vom jüngsten SVP-Plakat kennen, auf dem ein fremder Finsterling mit den Handschuhen des Berufsverbrechers unter Asylmissbrauch in die Schweiz eindringt. Ganz im Stile der Volkspartei assoziierte die Regierungsrätin – ohne explizit zu werden – die Asylsuchenden mit Kriminellen, was nicht nur an diesem Abend schlicht nicht angebracht war. Monika Stocker, Vorsteherin des Stadtzürcher Sozialdepartements, erhielt im anschliessenden Votum als einzige Auftretende Applaus, als sie festhielt, dass «Schreihälse und Leisetreter keine Zukunft» hätten. Die Kirchen wollten mit der freiwilligen Flüchtlingsarbeit eine grosse Aufgabe wahrnehmen; dafür verdienten sie die vollste Unterstützung.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 02.09.1999

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