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Jungsein und Jüdischsein in der Schweiz

Weltoffenheit, Selbstbewusstsein und kulturelle Einbindung

Im Laufe eines Jahres hat der Journalist Philipp Dreyer in allen Landesteilen Jüdinnen und Juden zwischen 15 und 27 Jahren nach ihrem Lebensgefühl, ihrem Umgang mit dem kulturellen Erbe und ihrem Erleben des politischen Klimas der Schweiz seit den Diskussionen um die Schatten des Zweiten Weltkrieges befragt. Die 24 Porträts geben Einblick in eine gelebte Vielfalt, die Herkunft und Zukunft in unverkrampfter Art zu verbinden weiss.

He. In seinem Vorwort zu den Porträts jüdischer Jugendlicher, die unter dem nicht so glücklichen Titel «Zwischen Davidstern und Schweizerpass» vorliegen, der das Klischee von der doppelten Loyalität evoziert, verweist der Psychiater Emanuel Hurwitz auf Sigmund Freud.* Dieser verstand kein Hebräisch, war der väterlichen Religion völlig entfremdet und mochte die nationalistischen Ideale nicht teilen, verleugnete aber gleichwohl seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk nie, sondern empfand seine Eigenart als jüdisch. Einen inneren Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaften könne man auch heute und in der Schweiz feststellen, trotz einer internen Intoleranz, wie sie etwa die orthodoxen Juden den liberalen gegenüber an den Tag legten.

Die im Buch vorgestellten Jugendlichen stammen aus Elternhäusern, die auf dem ganzen Spektrum zwischen strenggläubig und liberal angesiedelt sind, doch ihre Ansichten zeugen von erfrischender Eigenständigkeit. Philipp Dreyer hat allen dieselben Fragen gestellt und die Interviews dann in die flüssige Form von Ich-Erzählungen gebracht, die sich leicht und mit Gewinn lesen. Das Zugehörigkeitsgefühl, der Umgang mit dem Jüdischsein, der Freundeskreis, das Verhältnis zu den Eltern und Gedanken über den Lebenspartner, die Lebenspartnerin der Zukunft charakterisieren die individuelle Linie der jungen Biographien. Die geschichtliche und soziale Einordnung findet sich in der Einschätzung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, in der Einstellung zu Israel und in der Wertung beobachteter antisemitischer Äusserungen.

Eigene Ansichten, gemeinsame Kultur

Die Jugendlichen fühlen sich durchwegs wohl in der Schweiz. Viele von ihnen haben vor allem jüdische Freunde als Folge gemeinsamen Schulbesuchs und geteilter Freizeitaktivitäten in den eigenen Verbänden. Wer in eine liberale Familie hineingeboren wurde, wo jüdisch-christliche Ehen akzeptiert werden, bezieht aus dem eigenen Jüdischsein zwar kulturelle Identität, wäre aber auch bereit, einen Partner anderen Glaubens zu heiraten. Manche sind zu jung, um darüber nachgedacht zu haben, möchten aber durch spätere Partnerwahl die Eltern nicht verletzen und hoffen, dass die Liebe sich dereinst am richtigen Objekt entzündet. Andere wollen exklusiv jüdische Partner um der Erhaltung des Volkes willen.

Während einzelne Erzählungen reif und überlegt sind, wirken andere widersprüchlich, ohne dass der Befrager nachhakte. So meint ausgerechnet der Sohn eines zum Judentum konvertieren Vaters, Jüdischsein sei Schicksal, man werde so geboren. Und ein anderer Heranwachsender erklärt, sein einziger nichtjüdischer Freund sei Grieche, auch Angehöriger eines Volkes, das immer verfolgt worden sei. Jemand sieht sich als Vertreter einer Mittelmeer-Identität, während ein in Bellinzona lebender angehender Arzt sich vor allem als Tessiner fühlt.

Zugehörigkeitsgefühl und Zivilcourage

Die meisten jungen Leute fühlen sich ausserstande, eine klare Einschätzung des Verhaltens der Schweiz im Krieg vorzunehmen. Sehr wohl aber beobachten sie seit den Diskussionen darüber einen verstärkten Antisemitismus, den sie souverän differenzieren in jenen hoffnungslos Unbelehrbarer, und jenen, gegen den es sich zu wehren lohnt. Viele fühlen sich solidarisch mit bedrängten Minderheiten – Flüchtlingen, Zigeunern, Schwulen – und würden sich für sie auch einsetzen. Zivilcourage ist ein hoher Wert.

Auf Ungerechtigkeit reagieren die Jugendlichen sensibel. Dass die jüdische Frau dem Mann nicht gleichgestellt ist, wird denn auch da und dort explizit kritisiert. Daran ändert auch nichts, dass es die Frau ist, die den Kindern die Zugehörigkeit weitergibt. «Auch wenn ich mich vom Judentum abwenden würde, bliebe ich jüdisch», meint ein junges Mädchen, dessen Freund Christ ist. Prägend für alle ist die Kindheit, das Erleben der hohen Feiertage, die die meisten ebenfalls pflegen wollen in ihren späteren Familien. Ein junger Mann meint dezidiert, in jedem jüdischen Menschen steckten 5000 Jahre Geschichte. Dass man mit einem nichtjüdischen Partner weniger Gemeinsamkeiten habe und ihm mehr erklären müsse, ist eine ebenso verbreitete Einsicht wie diejenige, dass das Jüdische zu pflegen sei, damit es nicht verschwinde.

Dass Tradition von Heranwachsenden nicht über Bord geworfen, sondern mit Achtung behandelt werde, beeindruckte denn auch Nationalrätin Regine Aeppli besonders an den Selbstporträts, wie sie anlässlich der auch von François Loeb begleiteten Buchpräsentation in Zürich betonte.

 

* Philipp Dreyer: Zwischen Davidstern und Schweizerpass. 24 Porträts jüdischer Jugendlicher. Orell Füssli, Zürich 1999. Fr. 39.80.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 03.09.1999

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