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Gefährdung des religiösen Friedens in Freiburg?

Schule der Freiburger Protestanten in Bedrängnis

Die Freie Öffentliche Schule (FOS) in Freiburg hat nicht nur eine ausgezeichnete Reputation als Lehranstalt, sondern sie bedeutet auch das Zentrum der Protestanten. 1991 hat ihr die Kantonsregierung einengende, religiös motivierte Aufnahmekriterien für Schüler auferlegt, die aber das Bundesgericht kürzlich als unhaltbar qualifiziert hat. An einer Medienorientierung hat die Schulleitung Bereitschaft bekundet, die Zukunft der FOS mit einer Tagesschule zu bewältigen.

mer. Freiburg, 3. September

Das katholische Freiburg hat in der Vergangenheit die Anliegen der protestantischen Minderheit, die im Saanebezirk/Freiburg nicht einmal zehn Prozent ausmacht, immer mit Takt und Verständnis behandelt. Schon im letzten Jahrhundert unterstützte der Staat die Schule finanziell, und 1870 wurde sie, in der Phase des hier hitzig geführten Kulturkampfes, staatlich anerkannt. Mit der vor etwa 25 Jahren im Üchtland einsetzenden Öffnung wurden auch in der FOS Kinder des römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses oder anderer Religionen aufgenommen. Eine Zäsur brachte aber das Schulgesetz vom Mai 1985, das die Schulkreise neu definierte; und im Jahre 1991 verfügte der Staatsrat, dass die FOS grundsätzlich nur Kinder protestantischer Eltern aufnehmen darf. Das Bundesgericht hat unlängst diese religiös konstruierte Barriere als unhaltbar qualifiziert und aufgehoben. Wegen der seit 1991 rückläufigen Schülerzahlen befindet sich die FOS in Schieflage und sieht einer ungewissen Zukunft entgegen.

Staatsrat und Erziehungsdirektor Augustin Macheret (cvp.), der noch nicht in der Regierung sass, als der unselige Staatsratsbeschluss gefasst wurde, befürchtet eine akute Gefährdung des religiösen Friedens im Üchtland, wenn die Schule als Zentrum der protestantischen Minderheit untergehen würde. Die Exponenten der FOS nehmen ihm diese rhetorischen Aussagen zwar ab, bemängeln aber, dass er sich bis anhin zu wenig energisch für eine tragbare Lösung stark gemacht hat und sich nicht durchsetzen konnte. Macheret verweist in diesem Zusammenhang auf die Kapitale, die unter dem christdemokratischen Stadtpräsidenten Dominique de Buman die FOS regelrecht bekämpft, da sie nicht bereit ist, den notwendigen finanziellen Beitrag für ihre Schüler zu leisten. De Buman bezeichnet die FOS als Einrichtung für Bessergestellte einer Minderheit, die ebensogut in eine staatliche Schule gehen könnten. Geradezu verletzend und höhnisch tönte es, als er erklärte, was man wohl sagen würde, wenn die Katholiken eine eigene Schule forderten. Immerhin ist die Stadt bis heute nicht aus dem Schulkreis der FOS ausgetreten.

Appell zur Toleranz

Für die protestantische Minderheit im Saanebezirk/Freiburg bedeutet ihre Schule Zentrum und Identität zugleich, und es belastet sie, dass sie der akuten Gefahr des Unterganges ausgesetzt ist. Zwar bringen die neuen, offenen Aufnahmekriterien vorläufig steigende Schülerzahlen (Schuljahr 1999/2000 voraussichtlich 280 Schüler), doch die Zukunft ist nach wie vor rücksichtlich des öffentlichrechtlichen Status und der daraus fliessenden Gelder ungewiss. Mit Schreiben vom 9. März hat die Kantonsregierung die FOS beauftragt, ein neues Profil zu definieren. An einer Medienorientierung vom Freitag hat der Schuldirektor Bernhard Flühmann das Projekt einer Tagesschule vorgestellt, die in einer veränderten Gesellschaft mit neuen Lebensformen einem Bedürfnis entspreche. Diese würde den Kindern Unterricht und pädagogische Betreuung von 7 Uhr 30 bis 16 Uhr 30 bieten. Wenn diese Schulform bei den zuständigen Instanzen auf Akzeptanz stosse, solle sie rasch realisiert werden. Der Präsident des Synodalrates, Pfarrer Daniel de Roche, und der designierte Präsident der Kirchgemeinde, Pierre- Albert Nobs, richteten an die zuständigen Kantonsbehörden einen Appell zur Toleranz und forderten, dass diese Schule mit ihren historisch liberalen Wurzeln erhalten bleiben müsse.

Grundlage für sichere Zukunft nötig

Der (berechtigte) Wunsch der Schulleitung ist rasch dargelegt: Der Status vor 1991 soll wieder – auch faktisch – hergestellt werden, was es erlauben würde, mit genügend Schülern einen normalen und finanzierbaren Betrieb zu führen. Dabei könnte die FOS dem Kanton und seinen Bemühungen um Wirtschaftsförderung und um Zuzug neuer Steuerzahler sehr nützlich sein, nämlich die Kinder neu zugezogener Eltern, besonders deutscher Muttersprache, aufzunehmen und auszubilden. Sollten es die Kantonsregierung und Erziehungsdirektor Macheret verfehlen, der FOS sehr schnell – auch gegen den Willen der Stadt – eine dauernde Grundlage für eine sichere und existentielle Zukunft zu schaffen, könnte es unangenehm werden. Die protestantische Minderheit wird bei einem Verlust ihrer Schule und ihres Zentrums auf jeden Fall nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und gleichsam die Faust im «Hosensack» machen; vielmehr wird sie, wie zu erfahren war, weiter um ihre Institution kämpfen und es die Schweiz wissen lassen, dass ihr die katholische Mehrheit im Üchtland schweres Leid zugefügt hat.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 04.09.1999

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