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Rituale ohne Religion?

Über eine fragwürdige Begriffsinflation

Nicht immer bringt der «ethnologische Blick» auf die eigene Gesellschaft Erkenntnisgewinn. Ein Beispiel ist die um sich greifende «Ritualforschung», für die bisweilen schon das morgendliche Zähneputzen rituellen Charakter besitzt.

In früheren Zeiten ging der Glaube an die Götter oft mit der Hoffnung einher, sie könnten den Menschen zu einem langen und glücklichen Leben verhelfen. Bei den Crow-Indianern in den Prärien des amerikanischen Westens benötigte jeder Mann einen «Schutzgeist», um als Jäger, Krieger oder Liebhaber erfolgreich zu sein. War die Zeit gekommen, stieg der Jüngling hinauf ins Gebirge, zog sich nackt aus und fastete. Liess die erlösende Vision auf sich warten, hackte er sich ein Stück vom vierten Finger der linken Hand ab. Schliesslich erregte seine Marter das Mitleid eines Büffels oder Donnervogels, der ihn den geheimen Gesang lehrte und ihm Ruhm und Beute verhiess.

Rituale der Askese und Selbstkasteiung sind eine bewährte Methode, das allzu schwache Fleisch zu besiegen, um sich den Göttern anzunähern. Die jüdischen Essener am Toten Meer, die heulenden Derwische des Islam, buddhistische Einsiedler und christliche Mönche, sie alle bedienten sich ähnlicher Praktiken. Der Körper im Schmerz ist die Eingangspforte zum Heiligen. Das Ritual sichert den Übergang in den anderen Zustand. Gewiss sind nicht alle Rituale derart schmerzhaft oder mit visionären Erlebnissen verknüpft. Für seine Alltagsprobleme genügten auch dem Crow die Techniken der Magie. Er hantierte mit den Fetischen und Utensilien seines Medizinbeutels herum und murmelte den Singsang, den ihn sein Schutzgeist gelehrt hatte. Doch ohne die frühere Vision des Sakralen wäre die Bewältigung des Profanen aussichtslos gewesen.

Der «andere Zustand»

Nach der Entzauberung der Welt sind Erscheinungen des Heiligen eher selten geworden. Lange Zeit standen moderne Gesellschaften in dem Ruf, den Ritus entwertet und mit dem Zerfall gemeinsamer Symbole auch ihre soziale Bindungskraft verloren zu haben. Dieser Gemeinplatz wird neuerdings angezweifelt. Nachdem ihr die archaischen Gesellschaften abhanden gekommen sind, entdeckt die neuere Ritualforschung nun auch unter den einheimischen Zeitgenossen vielerlei dramatische Aufführungen, förmliches Brauchtum oder stereotypes Verhalten.

Will man neueren Publikationen Glauben schenken, reicht die Skala heutiger Rituale vom allmorgendlichen Zähneputzen,von dem Händeschütteln unter Bekannten und dem Applaus des Publikums beim abendlichen Opernbesuch über die Veranstaltung eines Fussballspiels oder einer politischen Hexenjagd bis zu Theaterexperimenten, Performancekünsten oder den obskuren Anleihen irgendwelcher New-Age-Sekten bei indischen oder indianischen Traditionen. Sogar beim Aufschlagen eines Buches vollzieht der Leser – wenngleich unbemerkt – einen Initiationsritus. Und wer vor dem Anschalten seines Laptops immer zweimal in die Hände klatscht, um sich zur Arbeit aufzumuntern, bedient sich angeblich ebenfalls eines Ritus, um in einen «anderen Zustand», den Zustand des Schreibens, zu gelangen.

Wie viele neue Forschungsrichtungen neigt offenbar auch die Ritualforschung dazu, alles und jedes für sich zu reklamieren. Nichts ist belanglos genug, um die vermeintliche Allgegenwart des Rituellen zu beweisen und die entsprechenden Forschungsaktivitäten zu rechtfertigen, zumal man sich flugs auf der korrekten Seite wiederfindet. Denn indem man der eigenen Gesellschaft dasselbe Ausmass an magischem Denken und rituellen Praktiken zuschreibt wie älteren Kulturen, bekennt man sich als eindeutiger Gegner jedes Ethno- oder gar Eurozentrismus.

Erkauft wird diese Sichtweise jedoch durch eine extreme Ausweitung des Ritualbegriffs. Seine inflationäre Verwendung geht einher mit seiner entschiedenen Trivialisierung. Vom Rätsel des Heiligen wird man daher kaum mehr etwas erfahren. Einmal mehr bestätigt sich der semantische Grundsatz, dass mit zunehmender Extension eines Begriffs der Sinngehalt rapide abnimmt.

So wird man für strikte Eingrenzungen dankbar. Für den Indologen Axel Michaels (in: Caduff) zeichnen sich Rituale durch folgende Merkmale aus: Grenzüberschreitung, formeller Beschluss durch Schwur oder Gelübde, Wiederholbarkeit, Öffentlichkeit und Unwiderruflichkeit. Rituale stiften Gemeinschaften, hinterlassen bei den Teilnehmern oft einen nachhaltigen Eindruck und nehmen Bezug auf letzte Dinge, auf das Numinose. Durch religio erhalten Rituale Ernst und Erhabenheit. Nicht jede Gewohnheit, Regelmässigkeit oder Routine, nicht einmal jede Statuspassage ist mithin ein Ritual. Sitte und Brauch fehlt der formelle Beschluss. Ein Händedruck nach dem Einstellungsgespräch ergibt noch keinen Ritus. Auch die alljährliche Gedenkzeremonie hat mit einem Übergang nicht das geringste zu tun. Rituale sind transformativ, Zeremonien konfirmativ. Rituale regeln Wechsel und Übergänge, Zeremonien bestätigen nur Bekanntes.

«Es gibt kein Ritual ohne Glauben», lautete Emile Durkheims ursprüngliche Einsicht. Ihr waren die älteren Anthropologen bis zu Mary Douglas, Victor Turner, Clifford Geertz oder Claude Lévi-Strauss gefolgt. Dies heisst freilich nicht, dass jeder Glaube mit überirdischen Wesen rechnen würde. Der Bezug auf «letzte Dinge», auf eine übergeordnete Wirklichkeit, auf den Tod kann vielfältige Formen annehmen. Rituale sind keinesfalls auf die Liturgien der Erlösungsreligionen einzuschränken.

Trivialisierung

Der Religionsethnologe David N. Gellner (in: Caduff) unterscheidet auf der Basis nepalesischer Beispiele drei Typen: Rituale von Heilsreligionen sind auf Erlösung ausgerichtet. Rituale einer «Sozialreligion» dienen eher dem Wert der Integration und Solidarität. Und die magischen Praktiken gegen Krankheiten, kosmetische Unreinheiten oder Prüfungsängste gehören zum Umkreis einer instrumentellen Religion für den Alltag. Es wäre ein methodischer Kardinalfehler, den Universalitätsanspruch der Erlösungsreligionen zum Ausgangspunkt einer universalen Ritualtheorie zu machen. Das Religiöse hat viele Gesichter, denn in der überirdischen Welt kann sich die unberechenbarste Fähigkeit des Menschen ungehindert entfalten: die Kreativität der Imagination.

Der Niedergang des Heiligen ist der Ritualforschung natürlich nicht entgangen. Daher sucht sie ihren Gegenstand entweder durch Trivialisierung zu retten oder aber durch eine kategoriale Verschiebung des Themas. Für die Religionswissenschafterin Catherine Bell (in: Belliger/Krieger) sind Rituale nicht einmal mehr eine spezielle Kategorie von Handlungen. «Ritualisierung» ist vielmehr ein Aspekt der Kommunikation, der immer dann ins Spiel kommt, wenn die gewöhnliche Interaktion zu scheitern droht, weil Solidarität oder Identität in Frage stehen. Ritualisiertes Handeln ist nichts anderes als ein soziales Reparaturmanöver, dessen einziger, höchster und heiliger Wert das Soziale selbst ist.

Gebauer und Wulf betonen dagegen die physische und innovative Seite rituellen Verhaltens. Neben Spiel und Geste rechnen sie das Ritual zu den Elementarformen mimetischen Handelns. Zwar wiederholen Rituale bekannte szenische Arrangements und Ordnungsmodelle. Doch liegt es in der Natur der Mimesis, dass sie nicht nur wiederholt kopiert oder imitiert, sondern im Akt der Darstellung etwas Eigenes erschafft. Tradierte Rituale können wechselnden Situationen angepasst, neue Rituale im Rückgriff auf alte Bestände zusammengesetzt werden. Riten des Protestes oder Widerstandes greifen häufig auf überlieferte Bräuche zurück, verschaffen jedoch Erlebnisse einer neuen Gemeinschaft. Sie sind progressiv und konservativ zugleich. Denn sie wenden sich gegen die etablierte Ordnung, indem sie deren symbolische Bausteine neu verwenden. – Die Stabilität von Gesellschaften beruht weniger auf gemeinsamen Werten, rationalen Kalkülen oder gemeinsamen Bedeutungen als auf fraglosen, «dumpfen» Gewohnheiten. Diese Grundlage teilen moderne mit früheren Gesellschaften. Mit Ritualen sind solche Alltagsroutinen jedoch nicht zu verwechseln. Rituale sind Vorkehrungen für den Ausnahmezustand, für prekäre Situationen des Übergangs innerhalb und jenseits der sozialen Welt. Dass nicht wenige Zeitgenossen an die Wirkkraft magischer Manipulationen glauben oder einer Religion des Sozialen anhängen, wird niemand bezweifeln. Doch es hiesse den historischen Prozess der Entzauberer zu leugnen, wollte man die kulturelle Differenz zwischen agrarischen Stammesverbänden und bürokratisch verfassten Gesellschaften einebnen. Von Hierophanien wissen die Bewohner spätmoderner Welten nicht einmal mehr vom Hörensagen. Würde heute ein Teenager die Einsamkeit des Hochgebirges aufsuchen und sich nach mehreren Fastentagen ein Fingerglied abschlagen, weil er seines Schutzgeistes noch nicht ansichtig geworden ist, man würde ihn kopfschüttelnd wegen Selbstverstümmelung und Gespensterglaube in die nächste psychiatrische Klinik einliefern.

Wolfgang Sofsky

 

Erwähnte Literatur:

Andréa Belliger/David J. Krieger (Hrsg.): Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch. Westdeutscher Verlag, Opladen 1998. 485 S., Fr. 46.–.

Corina Caduff/Joanna Pfaff-Czamecka (Hrsg.): Rituale heute. Theorien – Kontroversen – Entwürfe. Reimer-Verlag, Berlin 1999. 230 S., Fr. 46.–.

Gunter Gebauer/Christoph Wulf: Spiel, Ritual, Geste. Mimetisches Handeln in der sozialen Welt. Rowohlt-Verlag, Reinbek 1998. 335 S., Fr. 25.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 06.09.1999

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