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Religion als Priesterbetrug

Ein Pamphlet aus dem 17. Jahrhundert

Schon der Stauferkaiser Friedrich II. soll 1239 behauptet haben, Moses, Jesus und Mohammed seien drei Schwindler, drei machtgierige Betrüger im Priestergewand, gewesen. Die erhaltenen Schriften, welche diesen Vorwurf entfalten, stammen allerdings weder aus dieser Zeit noch aus dem Renaissance-Humanismus, sondern aus dem späten 17. und 18. Jahrhundert. Am weitesten verbreitet war ein Pamphlet aus dem Dunstkreis der Hamburger Aufklärung: De imposturis religionum, von den Betrügereien der Religionen. Sein Verfasser, der Jurist Johann Joachim Müller (1661–1723), war ein unorthodoxer Freigeist, wie schon durch den Hinweis darauf illustriert wird, dass er die Möglichkeit der Inkarnation Gottes in einer Frau öffentlich diskutierte. Die Opferung von Kindern durch ihre Väter hielt er für eine heidnische Kultpraxis; Jahwes Forderung, Abraham solle Isaak schlachten, desavouiere jeden Gedanken einer Höherwertigkeit des Judentums. Und wenn der Gott der Christen seinen eigenen Sohn kreuzigen lasse, so sei das um keinen Deut besser.

Um den 3. April des Jahres 1688 herum verfasste der 27jährige in Zusammenhang mit der Verteidigung einer Kieler Dissertation seine kleine Schrift über die grossen Betrüger der Welt. Für deren weite Verbreitung sprechen die heute erhaltenen siebzig Abschriften, zwei französische Übersetzungen und mehrere Drucke aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Der bekannteste unter den Abschreibern ist wohl Hermann Samuel Reimarus; dessen Sohn verlieh die Handschrift 1770 an Lessing. Auch dem bedeutenden Religionskritiker Johann Christian Edelmann blieb die Schrift Müllers nicht unbekannt. Er übersetzte sie im Jahre 1761 ins Deutsche und verfasste einen ausführlichen Kommentar dazu. Leider ist diese Übersetzung nur in einem handschriftlichen «Extract» erhalten. Immerhin geht daraus hervor, dass Edelmann weniger Atheist als fromm und gerade deshalb kirchenkritisch eingestellt war. Er nimmt Jesus gegen den Verdacht betrügerischer Machenschaften ausdrücklich in Schutz; eine verhängnisvolle Rolle für die Christentumsgeschichte habe erst Paulus gespielt.

Trotz Müllers im Grunde seichter Argumentationsweise gebührt seiner Schrift Interesse, weil sie zu den frühesten Äusserungen eines philosophisch begründeten Atheismus im deutschen Sprachraum zählt. Ein umfassendes Literaturverzeichnis und ein Personenregister runden die Ausgabe der Disputationsthesen Müllers und ihrer auszugsweisen und kommentierten Übersetzung durch Edelmann ab. Eine vollständige moderne deutsche Übersetzung wäre der Rezeption der These des Herausgebers Winfried Schröder, dass es im Aufklärungszeitalter eine breite atheistische «Untergrundliteratur» gegeben habe, sicher förderlicher.

Man darf gespannt sein, welche weiteren «geheimen» Schriften des Aufklärungszeitalters in der Reihe «Philosophische Clandestina» noch ediert werden.

Angelika Dörfler-Dierken

 

Anonymus [= Johann Joachim Müller]: De imposturis religionum (De tribus impostoribus). Von den Betrügereyen der Religionen. Dokumente, kritisch herausgegeben und kommentiert von Winfried Schröder. Verlag Fromann-Holzboog (Philosophische Clandestina der deutschen Aufklärung, Abt. I: Texte und Dokumente Bd. 6), Stuttgart/Bad Cannstatt 1999. 252 S., 1 Repr., Fr. 218.–.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 11.09.1999

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