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Die Geburt einer Ikone

Moses Mendelssohn, seine Bilder und seine Biographen

Von Christoph Schulte

Den «Schutzheiligen des deutschen Judentums» und «ersten modernen deutschen Juden» hat sein Biograph Alexander Altmann ihn genannt und damit treffend das bis heute vorherrschende Bild des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn gekennzeichnet. Mendelssohn war eine Ikone und Identifikationsfigur des jüdischen Bürgertums in Deutschland, obwohl er sich selbst niemals als Deutscher oder deutscher Jude identifiziert hat. Deutsche und ein deutsches Nationalbewusstsein gab es zu seinen Lebzeiten ohnehin nicht, es gab Preussen, Sachsen oder Württemberger. Mendelssohn genoss in Berlin lediglich ein widerrufbares Niederlassungsrecht. Sein König, der ach so tolerante Brandenburger Friedrich der Grosse, verwehrte ihm als Juden sowohl die Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften als auch die simpelsten Bürgerrechte, obwohl Mendelssohn seit Erscheinen seines «Phaedon» 1767 der populärste deutsche Philosoph war und als «Berliner Sokrates» galt.

Erst von der Nachwelt wurde das Mendelssohn-Bild dem Selbstbild eines deutsch-jüdischen Bürgertums akkommodiert, das gegen den herrschenden Antisemitismus seine staatsbürgerliche Gleichberechtigung verteidigen musste. Vor allem anderen suchten Juden die soziale, kulturelle und intellektuelle Anerkennung als Deutsche. Generationen von deutsch-jüdischen Mendelssohn-Forschern, die nichts mehr erstrebten, als gute deutsche Staatsbürger mosaischen Glaubens zu sein, haben am Bild von Moses Mendelssohn als bedeutendstem deutschem Aufklärer jüdischer Herkunft mitgearbeitet. Auch die seit 1929 erscheinende und nach der Unterbrechung durch die Nazizeit und die Emigration der jüdischen Wissenschafter seit 1971 von Altmann fortgeführte Jubiläumsausgabe der «Gesammelten Schriften» Mendelssohns ist diesem schon traditionellen Bild des jüdischen Philosophen verpflichtet.

LEGITIMATIONSFUNKTION

Die Ikone Mendelssohn als deutscher Aufklärer und Schriftsteller, als Kämpfer für die staatsbürgerliche Emanzipation und damit als erster moderner deutscher Jude erfüllt bis heute eine politisch-soziale Legitimationsfunktion. Der Jude Moses aus Dessau, dem der Aufstieg in die erste Reihe der deutschen Dichter und Denker gelang, stand und steht, wie seine Freundschaft mit Lessing, für das Gelingen der deutsch-jüdischen Symbiose. Diese Funktion war für die Mendelssohn-Forschung, die bis 1933 fest in deutsch-jüdischer Hand lag, milde ausgedrückt: interesseleitend. Und erst recht nach der Shoah und der Vernichtung des europäischen Judentums hat dieses Historienbild, gerade in der Bundesrepublik Deutschland, hohen nostalgischen Wert.

Retuschen an diesem nur positiven, deutsch- jüdischen Mendelssohn-Bild des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurden bezeichnenderweise zuerst von Zionisten wie Perez Smolenskin und Joachim Prinz vorgenommen, die polemisch auf die Konversionen der meisten Kinder Mendelssohns zum Christentum hinwiesen. Für viele Zionisten steht Mendelssohn am Anfang der «Entjudung» des deutschen Judentums durch totale Assimilation ans «Deutschtum». Bis heute sind nur ganz wenige Schriften von Mendelssohn ins Neuhebräische übersetzt. Aber auch die neueren Forschungen zur Haskala, der jüdischen Aufklärung in Deutschland und Osteuropa, für die die Namen Moshe Pelli, David Sorkin und Shmuel Feiner stehen, machen Korrekturen am Bild von Mendelssohn als deutschem Aufklärer jüdischer Herkunft notwendig: Mendelssohn galt schon Zeitgenossen als «Vater» der eigenständigen jüdischen Aufklärung, denn er forderte Aufklärung, Bildung und Emanzipation für die Juden als Juden, nicht für die Juden als Deutsche.

Ohne die Rolle Mendelssohns in der lutherisch geprägten deutschen Aufklärung zu schmälern, verrät ein Blick in die «Gesammelten Schriften», dass er eine Vielzahl von Briefen, Artikeln, Gutachten und sogar Bücher in Hebräisch für ein ausschliesslich jüdisches Publikum verfasste, dessen Aufklärung ihm am Herzen lag. Mendelssohn partizipierte, das ist der heutige Forschungsstand, an zwei Aufklärungsdiskursen in zwei Sprachen. Dabei waren seine Bedeutung und seine Wirkung in der innerjüdischen Aufklärung sogar weit grösser als in der deutschsprachigen Aufklärung. Nur haben die wenigsten Forscher bis heute ausreichende Hebräisch-Kenntnisse, um das innerjüdische Wirken Mendelssohns ausreichend würdigen zu können. Dennoch ist sein Bild in der heutigen Forschung doppelgesichtig geworden, mehrdeutiger und facettenreicher, als die traditionelle deutsch-jüdische Ikonographie vermuten liess.

Nun erfahren wir durch die zuletzt erschienenen Bände 23 und 24 der «Gesammelten Schriften», dass die Herausbildung des so erfolgreichen deutsch-jüdischen Mendelssohn-Bildes schon zu dessen Lebzeiten begann. Band 24 enthält Porträts und Bilddokumente Mendelssohns und seiner berühmtesten Freunde, Briefpartner und Zeitgenossen. Die kundige Einleitung des Kunsthistorikers Gisbert Porstmann, der diesen schönen Band zusammengestellt und kommentiert hat, streicht die bemerkenswerte Tatsache heraus, dass Mendelssohn einer der ersten Juden in Europa war, der überhaupt als bildwürdig angesehen wurde. Traditionell war das Porträt eine privilegierte Repräsentationsform von Würde und Rang des Adels, dem es erst im 18. Jahrhundert das erstarkende Bürgertum gleichtat und dadurch seinem gestiegenen Selbstbewusstsein und Reichtum Ausdruck verschaffe. Dass mit dem Erfolg des «Phaedon» seit 1767 Ölgemälde, Kupferstiche, Scherenschnitte, Porzellanmalereien, Büsten und sogar Gedenkmünzen von Mendelssohn angefertigt wurden, obwohl er als Jude kein Bürger war, verrät die Anerkennung, die ihm schon zu Lebzeiten in der jüdischen wie in der nichtjüdischen bürgerlichen Öffentlichkeit zuteil wurde. Mendelssohn war buchstäblich der erste vorzeigbare Jude in Deutschland.

KONVENTIONELLES BILD

Porstmann dokumentiert und kommentiert diese Geburtsstunde einer Ikone umsichtig und ergänzt die Sammlung der Mendelssohn-Abbildungen um etwa 60 Porträts und Kurzbiographien meist männlicher Zeitgenossen aus den diversen Wirkungskreisen von Mendelssohn. Das ergibt, des Philosophen wenige Feinde eingeschlossen, ein fast vollständiges Panorama der deutschen Aufklärung. Dieses Panorama wird sorgfältig abgerundet durch einen umfangreichen Abbildungs- und Anmerkungsapparat, durch ein Personenregister und eine Zeittafel. Dennoch bleibt dieser Band unvollständig, weil dem konventionellen Bild von Mendelssohn als Ikone der deutschen Aufklärung verhaftet. Wir sehen Mendelssohn im repräsentativen Porträt, aber nicht etwa jene Stiche Chodowieckis und anderer, die ihn im Leben und in der alltäglichen Interaktion mit anderen zeigen.

Es fehlen vor allem einige der wichtigsten jüdischen Vorläufer, Zeitgenossen und Mitarbeiter Mendelssohns, von denen durchaus Porträts existieren und die nicht zu berücksichtigen der Rolle Mendelssohns im Judentum nicht gerecht wird. Es fehlen beispielsweise die Porträts von Manasse ben Israel, von Jonathan Eybeschütz und Jacob Emden, von David Fränkel oder von Jecheskel Landau aus Prag, die einflussreiche rabbinische Autoritäten der Epoche waren, in der Mendelssohn seine Philosophie des Judentums entwickelte. Mit ihnen hat er sich in Schriften und zum Teil auch persönlich auseinandergesetzt. Es fehlen Porträts einiger der engsten Schüler, Protégés und Mitarbeiter Mendelssohns in der jüdischen Aufklärung, die häufig im Hause Mendelssohn verkehrten, so von Salomo Dubno, von Lazarus Bendavid, von Isaak Euchel oder Salomon Maimon. Kurz, der jüdische Aufklärer Mendelssohn wird, wie schon seit 200 Jahren, von der Ikone des deutschen Aufklärers verdeckt, indem man die jüdischen Zeitgenossen und Mitstreiter Mendelssohns übersieht, ebenso wie seit je die hebräischen Schriften Mendelssohns und der anderen jüdischen Aufklärer ignoriert werden. Denn dass Mendelssohn sich in hebräischen Lettern für eine Aufklärung der ganzen jüdischen «Nation» engagierte, passt nicht ins Bild vom ersten deutschen Juden und Schutzheiligen des deutschen Judentums.

ISAAK EUCHEL

Eine Ausnahme unter den hebräischen Texten bildete die hebräische Biographie Mendelssohns aus der Feder von Isaak Euchel, die 1788, also nur zwei Jahre nach Mendelssohns Tod, gedruckt wurde. Euchel war einer der Protagonisten der Haskala, jener jüdischen Aufklärungsbewegung, die mit hebräischen Texten die des Deutschen unkundigen Juden Osteuropas für die Aufklärung gewinnen wollte. Seine Mendelssohn-Biographie sollte sie mit dem Leben und den Ideen des wichtigsten jüdischen Aufklärers vertraut machen. Bis weit ins 19. Jahrhundert blieb dieser hebräische Text das umfangreichste Buch über Mendelssohn. Trotz seinem propagandistischen Zweck und seinem offen hagiographischen Stil wurde dieses Werk als kundige, biographisch und doxographisch verlässliche Quelle in der Mendelssohn- Forschung anerkannt und genutzt, denn Euchel war ein Zeitzeuge und ein Bekannter des Berliner Philosophen und seiner Anhänger.

Nun ist endlich diese Quelle in der deutschen Übersetzung von Reuven Michael zugänglich und bildet, ohne Abdruck des hebräischen Originals, mit ihren über 150 Druckseiten das Kernstück von Band 23 der «Gesammelten Schriften». Dieser Band enthält, sorgsam bearbeitet und kommentiert von dem Philosophiehistoriker Michael Albrecht, die frühen, meist nur wenige Seiten umfassenden Mendelssohn-Biographien (Lexikonartikel), Beschreibungen und Nachrufe bis 1827. Wie im Porträtband wird der Leser auch hier Zeuge der Formung eines schon zu Lebzeiten geradezu verklärenden Mendelssohn-Bildes.

Wegen ihres Umfangs, aber auch weil sie sich spezifisch an ein traditionell denkendes jüdisches Publikum wandte, verdient die Mendelssohn-Biographie von Euchel in diesem Band besondere Aufmerksamkeit. Die langerwartete Übersetzung des ausgesprochen schwierigen hebräischen Textes ist bis auf einige offensichtliche Übersetzungsfehler gelungen und flüssig, aber die Kommentierung ist ebenso unzureichend wie prinzipienlos. Die hebräischen Titel von den heutigen Lesern meist unbekannten jüdischen Werken werden grundlos teilweise in Umschrift, teilweise in Übersetzung, teilweise in Umschrift mit Übersetzung wiedergegeben. Diese Werke und ihre gleichenfalls wenig bekannten Autoren erhalten nur in Ausnahmefällen eine biobibliographische Anmerkung und Datierung, die eine Kontextualisierung ermöglichen würde. Gleiches gilt für den Nachweis von Bibelzitaten und -anspielungen, von denen der Text stellenweise strotzt, um den Frommen den Aufklärer Mendelssohn schmackhaft zu machen: Es herrscht der Zufall, Editionsprinzipien sind hier nicht erkennbar. Auch ein knappes Nachwort des Übersetzers zu Euchel bringt uns die heute unvertraute Welt einer innerjüdischen Biographie des 18. Jahrhunderts kaum näher, editorisch sticht dieser Text negativ ab von der sorgfältig annotierten Mirabeau-Biographie und anderen sauber bearbeiteten Texten im selben Band.

So wird etwa ein Buch mit dem Titel «Führer der Schwankenden» von Maimonides ohne jede weitere Anmerkung zitiert. Dieser vom Übersetzer Reuven Michael frei übersetzte Titel war weder in der Aufklärung, noch ist er heute gebräuchlich; in Nachschlagewerken wird man ihn vergeblich suchen. Nur die Fachleute werden sich denken können, dass es sich bei diesem ominösen Titel um das philosophische Hauptwerk «More Nevuchim» des wichtigsten mittelalterlichen jüdischen Philosophen von 1190 handeln muss. Dieses Buch, das Mendelssohns Lehrer David Fränkel 1742 durch einen Neudruck überhaupt wieder greifbar gemacht hatte, war die mit Abstand wirkungsmächtigste mittelalterliche Quelle für die jüdische Aufklärung. Seine deutsche Standardübersetzung von Adolf Weiss (1923) trägt den Titel «Führer der Unschlüssigen». Die nach dem Usus anderer Bände der Jubiläumsausgabe hier angebrachte Nennung dieser Übersetzung, ein Stellennachweis und eine knappe Kommentierung wären sicherlich nicht unterblieben, brauchte der Übersetzer für den Anmerkungsapparat nicht selbst einen Führer der Unschlüssigen.

Für die editorische Unentschlossenheit spricht auch der Umstand, dass in den beiden Bänden nicht weniger als fünf verschiedene Geburtsdaten Mendelssohns genannt werden, darunter in der autoritativen Zeittafel des Bildbandes der «17. 8. 1728 (12. Elul 5489)». Eines dieser beiden Daten kann nur falsch sein. Auf dem Grabstein Mendelssohns, nach seiner eigenen Angabe, nach Angaben Euchels und in der gängigen Literatur lautet das Datum auf den 6. 9. 1729, was tatsächlich dem 12. Elul 5489 des jüdischen Kalenders entspricht. Es sollte zumutbar sein, dass sich die Herausgeber und Mitarbeiter einer Gesamtausgabe auf ein einziges und bitte das nach beiden Kalendern richtige Geburtsdatum einigen. In summa vermisst man in beiden genannten Bänden jene judaistische Kompetenz und Sorgfalt, mit der Judaica in der Jubiläumsausgabe einst von einem Leo Strauss oder Fritz Bamberger, einem Alexander Altmann oder Werner Weinberg ediert und annotiert wurden. Die unnötigen Fehler, Mängel und Lücken dieser sonst gediegen ausgestatteten und sorgfältig gearbeiteten Bände aus den «Gesammelten Schriften» des Schutzheiligen des deutschen Judentums sind leider kein Fall von kritischem Ikonoklasmus, sondern schlicht Pfusch.

 

Moses Mendelssohn: Gesammelte Schriften. Jubiläumsausgabe, Band 23. Dokumente II. Die frühen Mendelssohn-Biographien. Bearbeitet von Michael Albrecht. Mit Isaak Euchels Mendelssohn-Biographie. Übersetzt und mit einer Nachschrift von Reuven Michael. Verlag Frommann Holzboog, Stuttgart- Bad Canstatt 1998, XXVI, 444 S. Fr. 263.–.

Band 24. Porträts und Bilddokumente. Von Gisbert Porstmann. Ebd., 1997. IX, 401 S., Fr. 129.–.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 11.09.1999

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