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«Loyalität ohne Hörigkeit»

Die Bischöfe und das Vichy-Regime

Das Urteil über den französischen Episkopat und Vichy wird weitgehend von den politischen Optionen bestimmt, die sich in Frankreich nach der Niederlage von 1940 stellten. Die Résistance stiess sich vor allem an der nicht nur von den Bischöfen vertretenen These der Legitimität der Regierung Marschall Pétains. Aus dieser Sicht rührt der Vorwurf, die Bischöfe hätten die traditionelle Lehre der Kirche vom Gehorsam gegenüber der legitimen staatlichen Autorität mit exzessiver Starrheit vertreten. Diese Kritik wurde mitunter zur Behauptung gesteigert, im Rückblick erschienen die Bischöfe als stärkste Stützen des Vichy-Regimes.

Eine solche Interpretation entsprach aber keineswegs der Auffassung der Bischöfe. 1941 hatte der Episkopat seine Haltung umschrieben als «Loyalisme sans inféodation», Loyalität ohne Hörigkeit. Wurde diese wohl etwas zu klare Unterscheidung in ihren Grundlinien durchgehalten? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, wenn sie aus der Perspektive des Historikers und nicht aus derjenigen des engagierten Zeitgenossen angegangen wird. Eine Antwort wird dadurch erschwert, dass die politische Situation jener Jahre ungemein raschem Wechsel unterworfen war und entsprechend abgestufte Reaktionen der Bischöfe hervorrief. Gegenüber allen Vereinfachungen legt nun Jean-Louis Clément die erste, aus kirchlichen und staatlichen Quellen geschöpfte Studie über Staat und Kirche in Frankreich 1940–44 vor.

Anziehung und Abstossung

Es waren nicht die Bischöfe, sondern die beiden Parlamentskammern, die im Juli 1940 Marschall Pétain die verfassunggebenden und exekutiven Vollmachten übertrugen. Für die etwa 100 Bischöfe – ein Drittel von ihnen war im Ersten Weltkrieg Feldprediger gewesen – blieb der Sieger von Verdun die ganze Okkupationszeit hindurch eine verehrungswürdige Gestalt. Er verkörperte Frankreich. Wie Kardinal Gerlier es 1941 formulierte: Pétain ist Frankreich, und Pétain ist heute Frankreich. Dem Marschall schenkte man weiterhin Vertrauen, auch wenn dieses gegenüber seiner Regierung allmählich abbröckelte.

Zunächst schien es, als ob das Programm der nationalen Erneuerung, wie die Anhänger Pétains es vertraten – travail, patrie, famille –, den gesellschaftlichen Vorstellungen der Katholiken entspreche. Mit einer Reihe von Massnahmen suchte die Regierung den Katholiken entgegenzukommen. Einschränkende Verordnungen gegenüber Orden und Kongregationen, die die Zweite Republik erlassen hatte, wurden aufgehoben. Auch in der Schulfrage wurde ein Ausgleich gesucht. 1941 erhielten die katholischen Schulen zum erstenmal seit der Trennung von Kirche und Staat (1905) staatliche Subventionen. 1942/43 wurde die Frage eines Konkordats mit dem Heiligen Stuhl ins Gespräch gebracht. Doch Rom zeigte kein Interesse, und die massgeblichen Vichy-Kreise verhielten sich zurückhaltend. Unter den Mitarbeitern der Regierung war nach 1941 die Zahl der Antiklerikalen gewachsen, die mit Unbehagen das taktisch bedingte Entgegenkommen gegenüber der Kirche registrierten. Besonders die mit den Besetzern kollaborierende Presse in Paris liess es nicht an Warnungen fehlen.

Proteste gegen die Judenverfolgung

Was sich zunächst als Chance einer Zusammenarbeit in einer nationalen Notsituation präsentierte, wurde durch die allmähliche Angleichung des Staates an die faschistischen Ideologien in Frage gestellt. Ein dauernder Konfliktfaktor war der Versuch, eine Staatsjugend zu schaffen. Das führte zu Reibungen mit den konfessionellen Jugendverbänden. Zu einem öffentlichen Dissens kam es in der Übernahme der antisemitischen Gesetzgebung. Als im Oktober 1940 die Regierung ein erstes Judenstatut erliess, interpretierten einige Bischöfe diese Massnahme als Schutz der französischen Interessen gegenüber eingewanderten Ausländern. Kardinal Gerlier schloss eine rassistische Interpretation dieser Gesetze aus. Zu öffentlichen Protesten des Episkopates kam es erst, als im Juli 1942 Tausende von Juden im Pariser Sportstadium zusammengetrieben wurden. Gerlier, der sich bisher in Vichy hinter den Kulissen zugunsten der rassisch Verfolgten eingesetzt hatte, regte eine konzertierte Aktion des Episkopates an. Er kam jedoch zu keinem Ziel. Erzbischof Saliège von Toulouse, der seit geraumer Zeit einen öffentlichen Protest diplomatischen Interventionen vorzog, preschte mit einer aufrüttelnden Anprangerung der unmenschlichen Massnahmen vor. Er berief sich dabei auf das Gewissen und allgemeine humanitäre Prinzipien. Seine Erklärung gab den Auftakt zu weiteren Protesten einzelner Bischöfe. Eine gemeinsame Aktion des Episkopates allerdings, wie sie Gerlier vorgeschlagen hatte, hätte sich nicht nur an den verschiedenen Verhältnissen in den besetzten und den unbesetzten Gebieten gestossen. Der französische Episkopat besass keine beschlussfähige Gesamtkonferenz, sondern nur ein Gremium der Kardinäle und Erzbischöfe, das keinen rechtlich verbindlichen Charakter besass.

Die Berufung auf das Gewissen spielte auch bei der Einführung des obligatorischen Arbeitsdienstes in Deutschland für die Jahrgänge 1920–22 eine Rolle. Die katholischen Jugendverbände entschieden sich für den Widerstand und erhielten nach einigem Zögern Rückendeckung von Kardinal Liénart von Lille: Es bestehe keine Gewissenspflicht, dem Geheiss der Regierung zu folgen.

Vom Providentialismus zum Widerstand

Noch folgenschwerer war die Berufung auf das Gewissen bei denjenigen, die de Gaulle als dem Exponenten des wahren Frankreich Folge leisteten und sich der Résistance anschlossen. Ihre wachsende Zahl konfrontierte die Bischöfe mit einem völlig neuen Problem, für das die Legitimitätstheorie nicht genügte. Immerhin öffnete die bisweilen geäusserte Klage des Marschalls, er sei in seinen Entscheidungen nicht frei, sondern stehe unter deutschen Pressionen, den Weg zum Überdenken der herkömmlichen Positionen. Unter Umständen konnte in einer solchen Situation dem Staatschef der Gehorsam verweigert werden. Geheim zirkulierende Gutachten von Theologen schlugen eine Bresche in die traditionelle Legitimitätsauffassung, die der Sache nach auf einen naiven Providentialismus hinauslief: Marschall Pétain als Mann der göttlichen Vorsehung. Etwa 20 Prozent der Bischöfe beriefen sich 1940 auf diese Designationstheorie; unter ihnen waren noch 1944 die hartnäckigsten Verteidiger dieser «politischen Theologie». Die betreffenden Bischöfe waren sich der Unzulänglichkeit dieser Theologie nicht bewusst und kamen auf die schwarzen Listen der katholischen Résistance.

Es ist das Verdienst der Arbeit von Clément, sich diesem schwierigen Thema unter Berücksichtigung des geographischen Kontextes (zone sud, zone occupée) und der wechselnden politischen Orientierungen des Vichy-Régimes gestellt zu haben.

Victor Conzemius

 

Jean-Louis Clément: Les évêques au temps de Vichy. Loyalisme sans inféodation. Les relations entre l'Eglise et l'Etat de 1940 à 1944. Beauchesne, Paris 1999. 279 S., fFr. 180.–.

Als Fallstudie des gleichen Verfassers die Biographie: Monseigneur Saliège, Archevêque de Toulouse 1929–1956. Beauchesne, Paris 1995. fFr. 210.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 14.09.1999

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