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Deutscher Katholizismus in Polen nach 1918

Die vom Versailler Vertrag verlangten Gebietsabtretungen Deutschlands betrafen im Osten westpreussische und schlesische Gebiete und die Provinz Posen. Die Bewohner dieser Gebiete waren mehrheitlich katholisch. In kirchlicher Hinsicht wurden diese gut drei Millionen Katholiken zumeist polnischen Diözesanverwaltungen unterstellt. Der Schutz der deutschen Minderheit in Polen, die sich mit den neuen, erst im Aufbau begriffenen Verwaltungsorganen abzufinden hatte, beschäftigte in gleichem Masse, wenn auch aus verschiedenen Beweggründen, den Vatikan wie die deutsche Aussenpolitik.

Für die deutsche Aussenpolitik, insbesondere für preussische Verwaltungsorgane, bedeutete die Anknüpfung von Kontakten mit dem Vatikan nach der Niederlage nicht nur einen willkommenen Prestigegewinn, sondern auch eine Möglichkeit, Interessen in den verlorengegangenen Gebieten zu sichern. In der Zentrumspartei gab es dafür eine starke Lobby. Der Vatikan seinerseits versuchte zu vermitteln in den Auseinandersetzungen, in denen sich auf beiden Seiten stehende katholische Kleriker befehdeten. Dass das nicht so leicht war, musste der 1918 vom Präfektenpult der päpstlichen Bibliothek zum Posten des Visitators und bald des Nuntius katapultierte Achille Ratti erfahren. Er hatte keine Erfahrung als Kirchendiplomat und war bestrebt, sich möglichst aus der Politik herauszuhalten und in diesem Sinne auf polnische und deutsche Kleriker einzuwirken. Sein politisch neutrales Verhalten lag auf der Linie Benedikts XV. Zum Verhängnis wurde Ratti das ihm gegen seinen Willen aufgebürdete Amt eines Abstimmungskommissars in Oberschlesien. Die deutsche Seite, irritiert durch überschwängliche Berichte in der polnischen Presse, warf ihm Befangenheit vor. Die Polen nahmen ihm sein Vorgehen gegen politisierende polnische Geistliche übel. Auf Wunsch der polnischen Regierung musste der Nuntius im Dezember 1920 das Land verlassen. Als Papst Pius XI. hatte er bald Gelegenheit, die Verquickung religiöser Überzeugungen mit nationalpolitischen Beweggründen von höherer Warte aus zu beurteilen und gegebenenfalls zu verurteilen.

Stefan Samerski, der den konfessionellen Aspekten der Politik am Beispiel der Freien Stadt Danzig eine eingehende Untersuchung gewidmet hat (1991), weitet in der hier anzuzeigenden Studie seinen Blick auf grössere Implikationen aus, die sich aus den 1919 neu geschaffenen Verhältnissen ergaben. Seine aus breitem Archivmaterial geschöpfte Arbeit belegt, dass der politischen Schwerkraft des ostdeutschen Katholizismus nach 1918 eine nicht geringe Bedeutung zukam. Nach aussen äusserte sie sich in der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum Heiligen Stuhl und im beharrlichen Ins-Spiel-Bringen eines Konkordates. Der Revisionismus, der so im deutschen Interesse wachgehalten wurde, blieb zumindest für die unmittelbaren Jahre der Nachkriegszeit innerhalb der Grenzen von Gewaltverzicht und Legalität.

Victor Conzemius

 

Stefan Samerski: Ostdeutscher Katholizismus im Brennpunkt. Der deutsche Osten im Spannungsfeld von Kirche und Staat nach dem Ersten Weltkrieg. Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn 1999. 146 S., DM 16.80.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 14.09.1999

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