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Kontroverse um Staat und Kirche in Liechtenstein

Ergebnisse eines Symposiums

gg. «Die plötzliche und unvorbereitete Errichtung der Erzdiözese Vaduz und die damit verbundene Aufgabe der über sechzehn Jahrhunderte gewachsenen Verflechtung mit dem Bistum Chur stellten alle im Land, seien dies die staatlichen Organe oder die Wohnbevölkerung, vor eine Fülle von ungelösten und nur schwer lösbaren Fragen.» Diese Feststellung des Regierungschefs des Fürstentums Liechtenstein, Mario Frick, ist ein deutlicher Hinweis auf die heiklen staatlichen und kirchlichen Probleme, die der Vatikan mit der Versetzung des umstrittenen Bischofs von Chur, Wolfgang Haas, nach Vaduz aufgeworfen hat. Dieses Frühjahr veranstaltete das Liechtenstein- Institut ein dreitägiges Symposium zum Thema «Staat und Kirche» mit Beiträgen von 16 Persönlichkeiten, die auf wissenschaftlicher Grundlage die neue Belastung der Beziehungen des Staates Liechtenstein zur römisch-katholischen Kirche in ihren Funktionen als Politiker, Juristen oder Kirchenvertreter untersuchten. Die Referate sind zusammen mit den wichtigsten Diskussionsbeiträgen in einem 400 Seiten umfassenden Band mit dem Titel «Staat und Kirche – Grundsätzliche und aktuelle Probleme» veröffentlicht worden.*

Änderung der Verfassung nötig?

Es ist davon auszugehen, dass die Verfassung des Fürstentums Liechtensteins aus dem Jahre 1921 festlegt: «Die römisch-katholische Kirche ist die Landeskirche und geniesst als solche den vollen Schutz des Staates; andern Konfessionen ist die Betätigung ihres Bekenntnisses und die Abhaltung ihres Gottesdienstes innerhalb der Schranken der Sittlichkeit und der öffentlichen Ordnung gewährleistet.» Die Landeskirche weiss die grosse Mehrheit der Bevölkerung hinter sich: Nach der Wohnbevölkerungsstatistik vom 31. Dezember 1997 bekannten sich von den 31 320 Einwohnern 24 962 zur römisch-katholischen Konfession, 2279 zur evangelischen. Umstritten ist nun bereits die Frage, ob die Herauslösung Liechtensteins aus dem Bistum Chur und die Errichtung der Erzdiözese Vaduz nicht eine Änderung der Landesverfassung erfordern, was der Verfassungsrechtler Herbert Wille eindeutig bejaht.

Welches aber ist nun die Stellung des Staates zur katholischen Kirche Liechtensteins? Hier gehen die Ansichten und Überzeugungen, wie sie in den Referaten zuständiger Persönlichkeiten zum Ausdruck kommen, weit auseinander. Der Landesfürst, Hans-Adam II. von Liechtenstein, ist für eine echte, nicht nur institutionelle Trennung von Kirche und Staat, wie sie etwa in den USA verwirklicht ist. Die Landesregierung, in deren Namen der Regierungschef sprach, ist für eine Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche, aber mit klaren Abgrenzungen; eine völlige Trennung betrachtet die Regierung «als nicht zielführend». Das Parlament, der Landtag, hat sich mehrheitlich für die Aufrechterhaltung des privilegierten Status der römisch-katholischen Kirche als Landeskirche und für Verhandlungen über ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl ausgesprochen.

Konflikte mit dem Erzbischof

Erzbischof Haas, selber ein Liechtensteiner Bürger, der sich am Symposium äusserte, ist für eine institutionelle Trennung: Die Instanzen von Kirche und Staat dürfen seines Erachtens nicht identisch sein. Die Liechtensteiner Gemeinden nun wollen ihre Kompetenzen in bezug auf die Wahl ihrer Pfarrer und den Religionsunterricht in den Schulen beibehalten. Hier zeichnet sich bereits wieder ein Konflikt mit dem Erzbischof ab, der die kirchlichen Ansprüche voll durchsetzen will. Haas: «Präsentationsrechte nicht kirchlicher Institutionen oder Instanzen sind nicht automatisch abgeschafft, doch sind deren Inhaber eingeladen, darauf zu verzichten. Der Staat darf sich nicht in innerkirchliche Angelegenheiten einmischen, solange nicht die öffentliche Ordnung bedroht ist.» Die Totalrevision der Liechtensteiner Landesverfassung wird seit Jahr und Tag diskutiert und in Kommissionen besprochen, kommt aber nicht recht vom Fleck. Wie das Verhältnis von Staat und Kirche verfassungsmässig neu geregelt werden soll, steht in den Sternen. Nach den hier dargelegten Meinungsdifferenzen ist eine einvernehmliche Lösung beim besten Willen nicht abzusehen.

 

*Hernert Wille und Georges (Hrsg.): «Staat und Kirche – Grundsätzliche und aktuelle Probleme», Liechtenstein Politische Schriften Band 26. Verlag der Liechtensteinischen Akademischen Gesellschaft, Vaduz 1999, 398 Seiten.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 14.09.1999

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