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Weltreligion im Expo-Diskurs

Theologisch dienstverpflichtet – Philosophie bei der Expo 2000

Das Motto der Expo 2000 hat atheistische Schlagseite. In seiner Trias «Mensch, Natur, Technik» kommt Gott nicht vor. Ein Manifest der Immanenz. Nicht, dass sich am Expo-Standort Hannover daran jemand öffentlich stören würde. In Wohlstandsgesellschaften sind Atheismus und Kirchenferne geläufige Erscheinungen. Weltweit betrachtet indessen gleichen sie Inseln in einem Meer des Glaubens. Die Mehrheit der Menschen hängt einer Religion an, und die fundamentalistischen Gegenströmungen zur Moderne, die sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts mächtig regen, lassen bezweifeln, dass technische Zivilisation und Säkularisierung stets im Gleichschritt marschieren. Muss nicht eine Weltausstellung sich auch diesem Weltzustand stellen: die Religionen in den Blick nehmen, die sich als partikularistische Mächte inmitten und gegen die universale technische Zivilisation behaupten?

Für die Referenten und Tagungsbesucher, die sich kürzlich in der zur Johannes-a-Lasco-Bibliothek umgewandelten Grossen Kirche in Emden trafen, war das eine nur mehr rhetorische Frage. Das hannoversche Forschungsinstitut für Philosophie, eine Gründung des katholischen Bistums Hildesheim, hatte zum ersten von fünf «Expo- Diskursen» eingeladen: «Gottesbegriff, Weltursprung und Menschenbild in den Weltreligionen». Über die Gemeinsamkeiten und die Differenzen in Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam wollte man sich austauschen, geleitet von der Hoffnung, dass zwischen diesen Glaubenssystemen mehr als bloss wechselseitige Duldung möglich sei. Toleranz genüge nicht, meinte Tagungsleiter Peter Koslowski: Anerkennung müssten die Gläubigen voneinander fordern dürfen.

Das Ziel ist um so schwerer zu erreichen, als jede Religion für sich beansprucht, der wahre Weg zum Heil zu sein und das rechte Verständnis von Gott und Welt zu besitzen. Im Buddhismus gibt es keinen von der Welt verschiedenen Gott, kein personales Gegenüber von «ich und du» im Gebet, keinen Uranfang des Kosmos, keine Heilsgeschichte und kein jüngstes Gericht. Es führt keine gedankliche Brücke von der göttlichen Ebenbildlichkeit des Menschen, die Yair Lorberbaum (Jerusalem) zur Zentralidee des Judentums erklärte, zu dem ohne theistischen Bezug gedachten «wahren Selbst» des Buddhismus. Nichts verbindet den «Kreislauf der ewigen Gegenwart» in Buddhismus und Hinduismus mit der jüdischen Apokalyptik, dem Denken in Fristen, oder der christlichen Vorstellung von einem zielgerichteten Geschichtsverlauf.

Die Unvereinbarkeiten sind gross, und das nicht nur zwischen den Weltreligionen, sondern bereits jeweils zwischen ihren eigenen Schulen. Allein der Hinduismus zerfällt, wie in Emden zu lernen war, in sechs orthodoxe Lehrsysteme mit teils monistischen, teils dualistischen oder auch pluralistischen Gottesbegriffen. «Es ist nur eine (wahre) Religion; aber es kann vielerlei Arten des Glaubens geben», heisst es bei Immanuel Kant. Beim Expo-Diskurs wäre der Aufklärungsphilosoph mit dieser Ansicht durchgefallen. Zu verschieden scheinen die Arten des Glaubens, als dass ihnen eine einzige Religion als Basis zugrunde liegen könnte. Kant freilich vertrat die Idee der einen Religion, weil er als «wahre» nur die Vernunftreligion gelten liess, genauer, den «reinen moralischen Glauben, der allein in jedem Kirchenglauben dasjenige ausmacht, was darin eigentliche Religion ist». Bei Kant wird Religion zu Ethik, schrumpft Offenbarung zur Einsicht in jene moralischen Maximen, die die Besserung des Menschen dirigieren sollen.

Hier – in der Ethik – scheint eine Einheit in der Vielheit der Bekenntnisse tatsächlich möglich. Jede Religion kennt Grundsätze der «einfachen Sittlichkeit»: dass man nicht töten, nicht stehlen und seine Eltern ehren soll. Aber eine Einheit im «Weltethos», wie sie etwa prominent Hans Küng als Projekt betreibt, ist nicht Herzensangelegenheit des Expo-Diskurses. Weltreligionen seien «zuallererst Gemeinschaften des Glaubens und nicht soziologische oder moralische Gemeinschaften», insistierte Koslowski. Daher wolle man statt der «trivialen» Erkundung ethischer Korrespondenzen den «vielleicht schwierigsten Weg» gehen, nämlich Identität und Differenz der Weltreligionen in ihren «metaphysischen und spekulativen Aussagen» aufzusuchen.

So kam die Philosophie ins Spiel. Eine theologisch moderierte Philosophie allerdings, die zwar prinzipiell religiöse Doktrinen auf ihre Legitimität hin befragen darf, jedoch klein beizugeben hat, sobald sich Theologen auf Offenbarung berufen. Als «dienend» beschrieb Koslowski ihre Rolle, als «Plattform», auf der sich die Religionen begegnen können. Die Philosophie als Magd, dem mittelalterlichen Prinzip «philosophia ancilla theologiae» gemäss, wie Koslowski suggestiv fragte? Tatsächlich dürfte zwischen beiden kein anderes Dienstverhältnis möglich sein, sofern man um das Wohlergehen theologischer Dogmatik besorgt ist. Michael Welker, evangelischer Theologe und Direktor des Internationalen Wissenschaftsforums Heidelberg, warnte denn auch: «Die Anpassung der Religion an ein bestimmtes Rationalitätskontinuum und einen bestimmten moralischen Markt führt zu ihrer Entleerung und Zerstörung.» Eine dem Dialog der Religionen dienende Philosophie habe mehr zu leisten als «eine liberale reduktionistische Integrationstheorie», welche ja ohnehin nur «eine Minderheit von säkularisierten Intellektuellen ansprechen würde».

Fromme Wünsche. Ambitiös und tief soll die theologisch dienstverpflichtete Philosophie sein, aber doch nicht mit allen Wassern der Moderne gewaschen; kritisch, aber nicht zu kritisch, analytisch, aber nicht zu analytisch; spekulativ und kosmologisch weit ausgreifend, aber doch bescheiden, auf ein «Plattform»-Dasein beschränkt. Ob das möglich ist? Man wird sehen, welche Figur die Philosophie macht, wenn ihre Dienste am letzten der Expo-Diskurse im Oktober 2000 unter dem Titel «Philosophischer Dialog der Religionen statt Zusammenstoss der Kulturen im Prozess der Globalisierung» explizit Thema werden.

Joachim Güntner

 

© Neue Zürcher Zeitung - 15.09.1999

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