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Gott suchen, den Kommunismus finden

György Dalos' Roman über den Kampf der Weltanschauungen

Der 1943 geborene György Dalos, ein intellektueller Pendler zwischen Budapest, Wien, Berlin, ist im deutschsprachigen Raum zuerst als politischer Publizist bekanntgeworden. In seinen Essays steht ihm die Ironie in ihrer scharfen wie ihrer verschmitzten Form zu Gebote, was schon die Lektüre seiner frühen Bücher, etwa des Berichts «Meine Lage in der Lage», zugleich anregend und amüsant machte. 1990 fand Dalos mit «Die Beschneidung», dem hintersinnigen Roman einer, wenn man so sagen kann: jüdischen Pubertät, auch als Erzähler grosse Anerkennung. Und 1995 brachte er das Kunststück zuwege, den scharf beobachtenden Essayisten und den geduldigen Erzähler in einem spannenden Doppel zusammenzubringen: «Der Versteckspieler», ein essayistischer Roman um die Gestalt Tamas Cohens, eines unfreiwilligen Dissidenten und Frauenhelden wider Willen, überzeugte gleich viel mit seinem gescheiten Witz und seinem kompositorischen Raffinement.

Beide, der Erzähler und der Essayist Dalos, treffen auch in seinem neuen Roman aufeinander, und obschon ihre Begegnung den Autor wiederum veranlasst, vom Handlungsgang mit glänzenden essayistischen Exkursen abzuschweifen, ist dieses Zusammentreffen in «Der Gottsucher» doch problematisch ausgefallen. Vielleicht liegt es daran, dass Dalos in den ersten beiden Romanen von seinen Hauptfiguren ausging, dass er also zuerst die Personen hatte und von diesen zu ihren und seinen Themen kam. In «Der Gottsucher» hingegen hat man mitunter den Eindruck, Dalos habe ein bestimmtes Thema abhandeln wollen und sich dafür das passende Personal gesucht. Darum bleibt etwa sein pubertärer Held, der jüdische Gymnasiast Gábor Kolozs, der Gott sucht und nach dem Willen der Obrigkeit den Kommunismus finden soll, eher blass gezeichnet. Oder war es womöglich, gerade umgekehrt, die allzu grosse Nähe zu dieser Gestalt, die Dalos gelegentlich in formelhafte Charakterisierung Zuflucht nehmen liess?

Pädagogische Bestrebungen

«Der Gottsucher», der drei Jahre nach dem gescheiterten Volksaufstand von 1956 spielt, ist eher ein Roman über die Suche der kommunistischen Partei nach der Jugend, die es für den Sozialismus zu gewinnen gilt, als ein Roman, der tatsächlich den titelgebenden Gottsucher im Zentrum hätte. Gábor ist vielmehr nur der Brennpunkt, auf den die eifernden pädagogischen Bestrebungen von zwei Seiten gerichtet sind und auf den Dalos die politische Thematik seines Romans fokussiert. Der fünfzehnjährige Sohn eines jüdischen Arztes, der Mauthausen überlebt hat und seither für das Leben nicht mehr taugt, gilt in der Schule nicht viel, allenfalls als zu klein geratener, schwächlicher Störenfried, der seine miserablen Leistungen mittels geschickten Fälschens von Unterschriften lange zu vertuschen wusste. Doch eines Tages blicken alle auf ihn, den Unscheinbaren. Bei einer Schulfeier fällt der vorgesehene Sänger aus, und so kommt Gábor dazu, mit seinem volltönenden Kindersopran ein sowjetisches Kampflied vorzutragen, vor achthundert Zuhörern, die darüber in Begeisterungsstürme ausbrechen.

Zwei Lehrer fasziniert die bisher gänzlich unerkannte Begabung des unauffälligen Knaben, mit seiner Vortragskunst die Massen zu fesseln. Und so beginnen Dr. Paulik, ein Professor für Literatur und Geschichte, der wegen seiner Sympathien für die Aufständischen von 1956 nur mehr als Aushilfslehrer für Musik geduldet ist, und Direktor Ludasi, ein schwärmerischer Kommunist, der «häufig im Plural dachte» und vom grossen pädagogischen Zukunftsprojekt des Sozialismus überzeugt ist, um ihn zu kämpfen. Der eine will ihn für die Religion, der andere für die Politik gewinnen, und daher eröffnen die beiden ein «Simultanspiel», in dem es um nicht weniger als die Seele eines Heranwachsenden geht. Ludasi, der in Hunderten Sitzungen erkannt hat, dass «der Hauptfeind des Kommunismus die Langeweile» ist, schwebt ein jugendbewegter Sozialismus vor, der, halb Wandervogel, halb Opernabonnement, die Jugend an die schönsten Ideale heranbildet und sie auf fröhliche Weise zu disziplinierten Kadern macht. Indem er an Gábors Ehrgeiz appelliert, seine Talente würdigt und ihn langsam seiner «sozialen Problemfamilie» mit dem traumatisierten Vater und der verkniffenen Mutter entfremdet, wird aus dem einstigen Versager ein leuchtendes Exempel sozialistischer Pädagogik: «Die Kraft, die der Begabung Auftrieb gibt, heisst bei uns Sozialismus», wird ihm seine eigene Entwicklung vom Direktor erklärt.

Ideologischer Kampf

Zugleich ringt um den Heranwachsenden, der sich in mancherlei pubertären Nöten befindet, auch der katholische Lehrer Paulik, der Gábor in geheimen Sitzungen gegen das kommunistische Virus immunisieren möchte. Paulik weist ihm den Weg zu Gott, Ludasi den ins gesellschaftliche Engagement, und bald geht der Umworbene bei beiden Lehrern ein und aus; vom Atheisten holt er sich die Argumente, die ihm später in der Diskussion mit dem Katholiken nützen werden, und bei diesem borgt er sich die Gedanken, die den Kommunisten in Schwierigkeiten bringen könnten. Und wie über ein Medium führen Paulik und Ludasi, in denen sich gewissermassen die beiden wichtigsten Weltanschauungen der ungarischen Bevölkerung personifiziert haben, ihren ideologischen Kampf gegeneinander. Wer siegen wird, dem gehört die Zukunft, das ist es, was ihrer vermittelt geführten Auseinandersetzung die intellektuelle Schärfe, die politische Gehässigkeit gibt.

Das alles erzählt Dalos mit so sicherer Routine, dass er wie nebenhin ungarische Geschichte referieren und ein paar muntere Lektionen in Ideologiekritik erteilen kann. Die Anekdoten über den Speisenbehälter Marke Henkelmann enthüllen die Untauglichkeit der sozialistischen Warenproduktion auf vergnügliche Weise so einprägsam, wie es keine voluminöse Studie vermöchte. Und doch will man mit diesem Roman, in dem alles gar so glatt geht, nicht ganz zufrieden sein. Denn schon an der Entfaltung des Romangeschehens selbst stört das allzu Gedrechselte. Die Konflikte, erkennt man bald, folgen einem Schema, die Personen sind Repräsentanten, alles, was da geschieht, steht nicht nur für sich, sondern hat auch noch einen bestimmten Aspekt der ungarischen Geschichte zu bedeuten. Gábor selber weiss, dass er mehr Objekt eines Versuches denn Subjekt seiner eigenen Entwicklung ist, und fragt sich einmal, psychologisch wenig glaubwürdig: «Wer wird mich am Ende auf seine Seite ziehen – Ludasi oder Paulik?»

Am bewegendsten gerät der Roman immer dort, wo Dalos diesen Hauptkonflikt, den Kampf zweier Ideologen, aus den Augen verliert: in den todtraurigen Szenen etwa, durch die der Vater wie ein flackernder Schatten des Todes zieht. Da erzählt der Autor einfach, ohne das Erzählte gleich einem exakt entworfenen Konzept dienstlich zu machen oder sich selber erläuternd ins Wort zu fallen. Vertraut Dalos aber seiner erzählerischen Kraft, dem Geist der Erzählung, dann gelingt es ihm, zu fesseln, ja zu erschüttern.

Karl-Markus Gauss

 

György Dalos: Der Gottsucher. Eine Geschichte. Aus dem Ungarischen von György Dalos und Elsbeth Zylla. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1999. 172 S., Fr. 31.50.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 16.09.1999

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