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Mit Diskretion und Kompetenz

Ein christliches Kulturzentrum auf islamischem Boden

Die christliche Präsenz in Marokko ist zahlenmässig äusserst gering. Doch gibt es eine christliche Institution mit einer erstaunlichen Ausstrahlung: das Dokumentations- und Forschungszentrum La Source in Rabat. Hier finden auch regelmässig islamisch-christliche Begegnungen statt.

Die beiden weissen Türme der Kathedrale von Rabat dominieren immer noch das Regierungsviertel der marokkanischen Hauptstadt. Die Christen sind allerdings mittlerweile zu einem verschwindend kleinen Häufchen geschrumpft: Gerade noch 2000 bis 3000 Menschen christlichen Glaubens leben in Rabat, etwa 30 000 in ganz Marokko.

In der Hauptstadt konnte sich dessenungeachtet ein kleines christliches Institut behaupten, das landesweit einen hervorragenden Ruf geniesst. Es handelt sich um das Dokumentations- und Forschungszentrum mit dem Namen La Source, welches in einer ehemaligen Villa unweit der Kathedrale untergebracht ist. La Source ist darüber hinaus auch ein veritables kleines Kulturzentrum, in dem Lesungen und Begegnungen zwischen Muslimen und Christen stattfinden.

Zurückhaltung

Jacques Levrat, seit beinahe 20 Jahren Direktor des Instituts, ist die Bescheidenheit in Person. Das mag seiner Art entsprechen. Doch der aus Frankreich stammende Theologe, der seine Doktorarbeit über christliche Studienzentren in islamischen Ländern verfasst hat, führt dafür auch wichtige Gründe ins Feld. Als Christ in einem Land, in dem der Islam Staatsreligion ist und in dem das Christentum nie Fuss fassen konnte, sei Bescheidenheit angesagt. Alles andere würde die Marokkaner verärgern, erklärt Levrat, würde unliebsame Erinnerungen an die Arroganz der französischen Kolonialherren wecken, welche ihre «mission civilisatrice» gerade auch auf religiösem Gebiet mit sehr viel Energie betrieben hatten. Die katholische Kirche in Marokko, deren Generalvikar Levrat ist, halte sich selbstverständlich an das Verbot jeglicher Missionierungstätigkeit, welches der marokkanische Staat den christlichen Kirchen auferlege.

Doch wir sind wegen der Stiftung La Source gekommen, wegen ihrer berühmten Bibliothek, und wir wollen wissen, was es auf sich hat mit den Vorträgen international bekannter Forscher. Jacques Levrat holt aus, berichtet über die Geschichte dieser einzigartigen Institution, deren Gründung auf das Jahr 1929 zurückgeht. Die katholische Kirche schuf damals ein kleines Dokumentationszentrum, welches die Aufgabe hatte, den hier lebenden Katholiken ihr Gastland näherzubringen. Auf diese Weise wurde der Grundstein für die heutige Bibliothek gelegt. Systematisch sammelte man alle verfügbare Literatur über Marokko. Dabei standen theologische Themen keineswegs im Vordergrund; neben Schriften über den Islam fanden auch geographische, ethnologische oder literaturwissenschaftliche Werke Eingang. Vor genau 50 Jahren, im Jahr 1949, vermachte eine in Rabat lebende französische Familie der Stiftung das stattliche, in neomaurischem Baustil erbaute Anwesen, in dem das Zentrum bis zum heutigen Tag sein Domizil hat. Es war zuvor die erste Apotheke von Rabat; in den Verkaufs- und Lagerräumen befinden sich heute Bibliothek und Lesesaal, in den ehemaligen Wohnräumen die Büros und Seminarräume.

Mit dem Ende des französischen Protektorats änderte sich auch die Benutzerschaft. Heute sind es fast ausschliesslich marokkanische Intellektuelle, welche im Zentrum ein und aus gehen. Geblieben ist die Ausrichtung der Bibliothek, alle verfügbare Literatur über Marokko zu sammeln. Und so unwahrscheinlich es erscheinen mag: Das kleine Institut, das mit einem Budget von 75 000 Franken pro Jahr und ohne staatliche Subventionen auskommen muss, gilt heute als landesweit beste Bibliothek für Publikationen über Marokko. Rund 35 000 Bücher sowie alle Zeitschriften, die sich mit dem nordafrikanischen Raum befassen, stehen den Benutzern zur Verfügung.

Vorsichtige Sachwalter

Wie kommt es, dass dieses private Institut, das immer noch von der katholischen Kirche und einzelnen europäischen Botschaften finanziert wird, besser ausgerüstet ist als etwa die marokkanische Nationalbibliothek? Jacques Levrat ist es sichtlich unangenehm, sich über das Thema zu äussern. Er murmelt etwas vom sehr bescheidenen Kulturbudget, von «mauvaise gestion à la marocaine» in den staatlichen Bibliotheken, von der mangelnden Kontrolle der Bücherbestände. In seinem Institut dürften Bücher nur im Lesesaal benutzt werden, darum stelle sich dieses Problem nicht.

Unter marokkanischen Intellektuellen scheint das kleine Institut einen hervorragenden Ruf zu geniessen. Um nicht von Studenten überrannt zu werden, sah sich Levrat zu drakonischen Einschränkungen des Benutzerkreises gezwungen: Nur Forscher, Universitätsprofessoren und Doktoranden, welche ihre Dissertation bereits angemeldet haben, erhalten Zugang zum Lesesaal. Insgesamt stehen 40 Arbeitsplätze zur Verfügung; sie sind fast immer belegt. Die Forscher sind offenbar sehr angetan von der persönlichen Beratung, der ruhigen Arbeitsatmosphäre im Lesesaal und der extrem kurzen Wartezeit, um Bücher zu bestellen. «Man schätzt uns», erläutert Levrat trocken, «weil wir kompetent sind.»

Die Benutzung der Dienstleistungen von La Source ist kostenlos. Eine ungeschriebene Regel des Hauses will allerdings, dass, wer hier gearbeitet hat, der Bibliothek ein Exemplar seines Werkes vermacht und vor einem kleinen Kreis von Interessierten sein Forschungsgebiet vorstellt. Für Levrat ist dies ein zentraler Punkt; er will damit beweisen, dass sich auch mit bescheidensten finanziellen Mitteln Veranstaltungen auf hohem Niveau durchführen lassen. Diese Kolloquien, die einmal pro Monat stattfinden und oft sehr prominent besetzt sind, scheinen so etwas wie sein Stolz zu sein. Ein paar Namen lässt sich Levrat entlocken: Der nächste Gast ist der marokkanische Historiker Abdallah Laroui, der gegenwärtig eine Gastprofessur am Institut du monde arabe in Paris wahrnimmt. Auch aus der Schweiz sind schon Forscher angereist, um ihr Werk in der «Source» vorzustellen: so etwa Sami Aldeeb, der Verantwortliche für arabisches und islamisches Recht am Schweizerischen Institut für Rechtsvergleichung in Lausanne.

Dialog und Differenz

Eingeladen zu den Treffen ist immer eine Schar handverlesener Intellektueller. Von entscheidender Bedeutung ist dabei für Levrat der offene, konstruktive und kritische Geist. In diesem Rahmen komme es oft zu einem fruchtbaren Dialog über die Kulturgrenzen hinweg. Interreligiösen Dialog mag Levrat dies nicht nennen, weil es missverstanden werden könnte. Mit islamischen Theologen, welche die traditionellen Ausbildungsgänge durchlaufen haben – etwa Professoren von der altehrwürdigen Karaouyine-Universität in Fes –, mag Levrat keinen Dialog führen. Es fehle ganz einfach der gemeinsame intellektuelle Bezugsrahmen, und solche Gespräche drehten sich meist im Kreis. Nur auf der Basis der modernen Humanwissenschaften, so die Erfahrung von Levrat, seien konstruktive Gespräche über religiöse Themen möglich.

Er engagiere sich zwar sehr wohl für den interreligiösen Dialog, erklärt Levrat, im Einzelfall aber nur, wenn die Bedingungen dafür gegeben seien. Das Wichtigste sei ohnehin, zuhören zu können, den anderen in seiner Differenz zu akzeptieren. Genau diese gegenseitige Wertschätzung glaubt Levrat in seinem Zentrum immer wieder zu spüren. Und er erzählt, wie ihn seine muslimischen Freunde nach der Ermordung der sieben Trappistenmönche in Algerien gebeten hätten, im Seminarraum des Zentrums eine Feier zu organisieren. Das bedeute für ihn mehr als grosse Worte, erklärt Jacques Levrat. Das sei gelebter interreligiöser Dialog, und daran möchte er im Zentrum La Source weiterarbeiten.

Beat Stauffer

 

Adresse: La Source, Avenue du Chellah No 24, B. P., Rabat, Marokko.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 17.09.1999

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