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Der Tod hat ein neues Gesicht

«Körperwelten» – Leichenschau in Basel

bha. Basel, 13. September

Trotz Hut kein Beuys: Der «Plastinator» Gunther von Hagens hat am Vortag der Eröffnung seiner Ausstellung «Körperwelten – die Faszination des Echten» (vgl. NZZ vom 6. 7. 99) in der Halle 5 der Messe Basel bestritten, ein Künstler zu sein. Er sei Anatom, sehe sich als Erfinder und als jemand, der den Menschen zur Selbstwürdigung verhelfe. Uneitel ist er trotzdem nicht, schreibt so manches Autogramm in die hingestreckten Ausstellungskataloge und ruft die Anatomy Art aus, die Kunst, einen Körper der Vergänglichkeit zu entreissen und mitten ins Leben zu stellen.

Realitätsnahe Darstellung

In den achtziger Jahren hat der mit seinem festgewachsen scheinenden Hut etwas exzentrisch wirkende von Hagens seine Methode entwickelt und verfeinert, einen menschlichen Körper bis ins letzte Detail zu konservieren. Er ersetzt dabei, verkürzt erklärt, das Gewebewasser des Leichnams per Diffusion durch Aceton, um dieses im Vakuum gegen Reaktionskunststoffe auszutauschen, deren Rezeptur sein eigenes Geheimnis ist. Am Ende wird das Präparat in die gewünschte Position gebracht und durch Gas oder – bei Scheibenpräparaten – durch Wärme gehärtet. Bis zu 2000 Arbeitsstunden fallen an, die Kosten liegen bei etwa 50 000 Franken. Der Vorteil gegenüber anderen Verfahren: Mit von Hagens' Methode der von ihm benannten Plastination können auch weiche Strukturen, Muskeln oder Arterien beispielsweise, gehärtet werden. Das ermöglicht neue Darstellungsformen, umstrittene eben. In von Hagens' Ausstellung scheinen die Körper immer noch lebendig, obwohl ihnen die Haut und jedes Merkmal fehlt, das an die Identität des verstorbenen Menschen erinnern könnte. Sie berühren die Menschen in ihrer Seele. «Ich schlage eine Brücke zum Selbst der Betrachter», sagt von Hagens.

Der Erfolg scheint ihm recht zu geben und den zahlreichen Kritikern unrecht, welche die «Kommerzialisierung von Leichen» ethisch fragwürdig finden, die Menschenwürde verletzt sehen. Die Zuschauer kümmert es nicht. In Japan staunten 2,5 Millionen. Basel ist der dritte Ort der Leichenschau in Europa, nach Mannheim und Wien. Bis jetzt haben rund 4 Millionen Personen die 200 Ausstellungsstücke gesehen, darunter 25 Ganzkörperplastinate, in eindrückliche Posen gebracht. Da ist ein Schachspieler zu sehen mit freigelegtem Gehirn, ein Läufer, ein Degenfechter, ein Muskelprotz, vor allem aber räumlich dargestellte Körper, bei denen beispielsweise das Herz sichtbar ist, als läge es in einer herausgezogenen Schublade. Der Kitsch – auch ein Vorwurf der Kritiker – hält sich in Grenzen. Nur sparsam stellt von Hagens einen Realitätsbezug her. In einem separaten «Horrorkabinett» – mit Warnschild vor der Tür – sind missgebildete Embryos sowie eine schwangere Frau zu sehen.

Zugang nach pädagogischem Effort

Auch Urs Schildknecht vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer möchte wie von Hagens den didaktischen Nutzen und das Erlebnis Mensch in den Vordergrund gestellt wissen. Er empfiehlt all seinen Kolleginnen und Kollegen den Besuch von «Körperwelten». Allerdings sei ein besonderer pädagogischer Effort notwendig, damit die Plastinate auf die Kinder nicht zynisch oder gar abschreckend wirkten. Wilhelm Kriz vom Anatomischen Institut der Universität Heidelberg, der von Hagens' Forschung begleitet, sieht den Wert vor allem im leichten Zugang zur Anatomie. Natürlich könne man auch die reichhaltige Sammlung am Anatomischen Institut Basel besichtigen, sagte der Wissenschafter, doch auf Laien wirkten die Posen der Ganzkörperplastinate emotional und in Kombination mit den 180 korrekten Detailpräparaten auch lehrreich. Gunther von Hagens drückt es so aus: «Der Philosophieprofessor und Tante Frieda aus dem Fleischerladen entwickeln hier ihr eigenes Körperwelt-Gefühl.»

Mit der Ausstellung, die bis zum 30. November täglich von 9 bis 23 Uhr geöffnet ist, versucht sich die Messe Basel noch stärker als Events-Organisator zu profilieren. Basel Tourismus hat sich um die Ausstellung bemüht, nicht nur, weil in Basel der berühmte Professor Andreas Vesalius 1543 öffentlich eine Leiche sezierte. Dennis L. Rhein, ein Mitglied der Geschäftsleitung von Basel Tourismus, hofft auf mehr als 800 000 Besucher. Sie finanzierten von Hagens' Institut für Plastination an der Universität Heidelberg mit, welches nicht mit öffentlichen Geldern unterstützt werde, sagte Andrea Whalley, die Veranstalterin der Ausstellung und Ehefrau von Hagens'. Dieser will das Verfahren weiter verbessern, den Einblick in den Körper noch lebensechter gestalten, ein Museum für Plastination gründen. Die Vorstellung, dass sich jemand seiner Erfindung bemächtigen und sie kommerziell ausschlachten könnte, findet er abwegig, wie auch den Gedanken, dass Angehörige den Verstorbenen plastinieren lassen und kultisch verehren könnten. Da stünden die hohen Kosten davor. Und man dürfe den Laien nicht unterschätzen, der schnell begreife, worum es gehe: im Angesicht des Plastinats die Ehrfurcht vor dem eigenen Körper und Leben zu spüren.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 15.09.1999

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