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Unterwegs in die Mobilzone?

Streit um Peter Sloterdijk

«Kopernikanische Mobilmachung» hat, vor bald anderthalb Jahrzehnten, Peter Sloterdijk das genannt, was die Moderne charakterisiere: Dem lebensweltlich Selbstverständlichen sei der Krieg erklärt worden; «Unbewusstheit plus Höchstgeschwindigkeit» regierten das Weltbild des «totalen Schwindels». In den «Vorstellungswirbel» würden auch die Agenten der Weltbemächtigung gerissen, die sich für ihre Dirigenten halten. Doch der «ewige Ptolemäer», der sich ans Augenscheinliche hält und dem die Welt vor wie nach ein «sinnliches Zuhause» ist: er war «noch am Leben» – auch im kopernikanisch verwirrten, «restlos schwindlig» gewordenen Zeitgenossen. Die Hoffnung auf eine «ptolemäische Abrüstung» keimte gar, der bewusste Rückgang in «die alt- neue Wahrnehmungseinstellung» schien möglich.

Ist die Hoffnung begraben, der «ewige Ptolemäer» – doch – verblichen? Anlass zu dieser Frage gibt ein Vortrag, den Sloterdijk kürzlich im bayrischen Schloss Elmau – während einer internationalen Tagung über Philosophie und Theologie an der Jahrhundertwende – gehalten hat: «Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortbrief über den Humanismus». Kritischen Widerhall gefunden hat, was der popularphilosophische Erfinder zeitdiagnostischer Metaphern unter diesem Titel zum besten gegeben hat, unter anderem in Berichten der «Frankfurter Rundschau» und der «Süddeutschen Zeitung». Nicht nur die beiläufige Formulierung von «den beispiellos düsteren Jahren nach 1945» hat das Bedürfnis nach Klärung geweckt, auch Sloterdijks Bezugnahme auf Heidegger (sowie Nietzsche und Platon) hat Fragen aufgeworfen; die etwa, ob der Referent – und wie sehr – sich mit dem Referierten identifiziere. Einer Replik des Bedrängten in der «Frankfurter Rundschau» ist zu entnehmen, er habe mit jenem «nach 1945» gemeint – und in einer Diskussion in Elmau (unter anderem mit Saul Friedländer) bereits erläutert –, «dass eine Zeit nach dem Schrecken noch zum Schrecken gehören kann und dass daher eine Nachkriegszeit psychologisch noch immer als Teil der Kriegszeit erlebbar ist». Was Heidegger angehe, dessen «Humanismusbrief» von 1946 einen Brennpunkt des Vorgetragenen bildete, so halte er es für ein «Gebot der intellektuellen Fairness», die «Position des Gegners so stark wie möglich wiederzugeben (statt ihn moralisierend im voraus zu verurteilen)».

Umschlag

Des Gegners: Das Vortragsmanuskript lässt in der Tat keinen Zweifel daran, dass Sloterdijk sich von Heidegger abstösst. Freilich tut er es, weil ihm Heidegger nicht radikal genug ist. Dessen Kritik des nach 1945 aufblühenden Neohumanismus (ob nun existentialistischer, christlicher oder marxistischer Spielart) unterschreibt er zwar: «der Mensch selbst mitsamt seinen Systemen metaphysischer Selbstüberhöhung» sei das «Problem», nicht die – humanistische – «Lösung»; auch hält er Heidegger zugute, die «Epochenfrage» artikuliert zu haben: «Was zähmt den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?» Jedoch misstraut er Heideggers «pastoralen Bildern», die den Menschen als «Hirten des Seins» entwerfen. Sie sind ihm zu harmlos und, sozusagen, selbstmissverständlich: Sie suggerierten nämlich, so Sloterdijk in der «Frankfurter Rundschau», es gebe ein «ursprungsnahes untechnisches Gewährenlassen». Doch habe das «reale Hüter- und Hirtenwesen» es immerhin nicht nur mit Zähmung, sondern bereits mit Zucht und Manipulation (der Haustiere zwar) zu tun gehabt. Die Idylle schlage mit Heideggers «Metaphernfehler» ins «Unheimlichste» um. Von diesem Umschlagen habe sein Vortrag gehandelt.

Das Umschlagen hat es nun aber in sich. Es beschreibt eine Denkbewegung, von der auch der Diagnostiker des Umschlagens in Mitleidenschaft gezogen werden könnte – und das hiesse hier zugleich: in Mittäterschaft. Der Elmauer Vortrag ist von einer leicht pathetischen Gefahren-Rhetorik durchstimmt. Sloterdijk «wittert», mit Nietzsches Zarathustra und angesichts der «beispiellosen Enthemmungswelle» von Genetik und Gentechnik, die Heraufkunft «unvermeidlicher Kämpfe über Richtungen der Menschenzüchtung»: Kämpfe zwischen «Kleinzüchtern und Grosszüchtern des Menschen», «Menschenfreunden» und «Übermenschenfreunden»; er sieht «Menschenproduktionen» auf uns zukommen und – «verschwommen und nicht geheuer» – den «evolutionären Horizont» sich lichten: in den Verlockungen einer «genetischen Reform der Gattungseigenschaften», einer «expliziten Merkmalsplanung» und «pränatalen Selektion»; und er registriert, dass Menschen, ob sie wollten oder nicht, «mehr und mehr auf die aktive oder subjektive Seite der Selektion» gerieten. Dies vor Augen und überzeugt, dass «blosse Weigerungen oder Demissionen an ihrer Sterilität zu scheitern pflegen», glaubt er, es werde in Zukunft «wohl» darauf ankommen, «das Spiel» (ist es eines?) «aktiv aufzugreifen und einen Kodex der Anthropotechniken zu formulieren».

Heideggers Pastorale, so darf man – wohl – mutmassen, ist Sloterdijk nicht lediglich zu harmlos, sie ist ihm auch zu quietistisch. Er will, wie er in der «FR» andeutet, auf eine «Ethik des anthropotechnischen Machtgebrauchs» hinaus. Sloterdijks bisweilen seherische Gebärde, die die des Gesellschaftskritikers verdrängt hat, wird sie ihrerseits abgelöst von der eines unerschrocken Zupackenden, eines Eingreifenden, der in die souveräne Hand nimmt, was not tut? Wird – würde Sloterdijk so zum Herold biopolitischer Mobilmachung? Oder zielt er gar nicht auf «mehr» und anderes ab als auf das, was – verbrämter vielleicht – in Konventionen zur Gentechnik schon kodifiziert ist und in «Ethikkommissionen» aller Art derzeit praktiziert wird («pränatale Selektion» findet ja statt)?

Der Vortragstext gibt nicht zweifelsfrei zu erkennen, ob ein Zaudernder sich bedeckt hält oder ein ausgebuffter Stratege; es ist nicht einmal deutlich, ob überhaupt mit einer «konkreten» Absicht hinterm Berg gehalten werde – oder ob da (noch?) gar keine ist. Gewiss, der ausführliche Hinweis auf Platons Dialog «Politikos» als eines «Arbeitsgesprächs unter Züchtern» scheint von vagen Phantasien einer Königsherrschaft der philosophischen Elite begleitet zu sein. Doch Sloterdijks leise Klage, die «Weisen» hätten sich zweieinhalbtausend Jahre nach Platon «zurückgezogen» und uns mit ihren Schriften allein gelassen, wird man nicht, zumindest nicht ohne weiteres, als Aufruf zur Neugründung eines von Neuen Weisen geleiteten Unternehmens «Lebensborn» deuten wollen – zumal der Text am Ende beinahe resignativ die Archivare (der überkommenen Schriften) als zeitgemässe Gestalten entwirft.

Am hermeneutischen Nullpunkt

Die Lektüre führt, könnte man sagen, hier und anderswo an den «Nullpunkt der Ambivalenzen». In seinem Essay über die «Kopernikanische Mobilmachung» hat Sloterdijk so den «Indifferenzpunkt zwischen Lob und Tadel der Phänomene» beschrieben, das «Auge des modernen Zyklons», in das gerate, wer «den Taumel der universalen Mobilmachung fühlt».

Einfühlung kann schiefgehen. Und zu sehr wundern sollte sich der am hermeneutischen Nullpunkt agierende Dia- und Prognostiker nicht, wenn seine Interpreten ihn eindeutig deuten und mehr über seine Absichten wissen, als er selbst weiss oder gewusst haben will. Thomas Assheuer attestiert ihm zwar in der «Zeit» (vom 2. September) einen «fürchterlichen Realismus», was die Einschätzung des unaufhaltsamen Genom-Projekts angeht, decouvriert jedoch den «eugenischen Wahn des Zarathustra-Projekts»; Reinhard Mohr prangert im «Spiegel» (vom 6. September) gar eine «faschistische Horrorvision» an. Das ist übertrieben. So einfach aber, wie ein glossierender Kommentar in der «Frankfurter Allgemeinen» (vom 4. September) es sich macht, ist es hinwiederum nicht: Darin wird der Philosoph, der, Tabus verletzend, seine Zeit auf den Begriff zu bringen versuche, gegen die berufsmässigen «Warner» ausgespielt. In der neuesten Nummer der «Zeit» hält der Philosoph seinem Kritiker Assheuer eben dies vor: «l'alarme-pour-l'alarme» betrieben zu haben. Zur Sache, um die es doch eigentlich gehen sollte, den Durchbrüchen der Bio- und Gentechnologie, findet sich (wie schon im Vortrag) in dem «offenen Brief» wenig, aber doch immerhin dies: In einem «moralischen Kodex», erklärt Sloterdijk sich, sei die Grenze zu ziehen «zwischen legitimen genmedizinischen Optimierungen für die Einzelnen und illegitimen Biopolitiken für Gruppen».

Zu diesem unzweifelhaft kardinalen und beunruhigenden (sowie nicht ganz neuen) Thema hat die angezettelte Kontroverse bisher allerdings nicht viel beigetragen. Der Fokus beginnt sich auch schon zu verschieben: hin zur (noch älteren) Frage, welche Rolle Intellektuelle in der Öffentlichkeit zu spielen haben, welcher Stil und welche Moral ihnen zu Gebote stehen. Auf diesem Terrain – es erfordert kein hohes Mass an genauer Sachkenntnis – können sich Warner wie Seher, Kritiker wie Diagnostiker sicherer bewegen. Und sie können Gereiztheiten austauschen, einander, wo nötig, Kränkungen zufügen. Mit dem zweiten Teil seines «offenen Briefes» schlägt (auch) Peter Sloterdijk diesen Weg ein. Adressiert ist die Epistel an Jürgen Habermas, mit dem ihn «die unausgeführte Vorskizze zu einer Freundschaft» verbunden habe. Nun aber wähnt er entschlossen, Habermas stecke als Drahtzieher, als Auftraggeber hinter den «Alarmartikeln» im «Spiegel» und in der «Zeit». Statt, wie es sich für einen Diskursethiker gehöre, mit ihm zu reden, habe Habermas über ihn geredet und andere instruiert, ihn zu denunzieren. Eine «liberale Maske» sieht er so zerfallen und die gesamte Diskursethik als «Jakobinismus» sich entpuppen. Mit endzeitlichem Gespür begabt, datiert Sloterdijk schliesslich den Tod der Kritischen Theorie auf den 2. September (den Erscheinungstag der «Zeit»). – Mag sein, dass der Fokus der Diskussion sich damit noch weiter verschiebt und, sit venia verbo, ein «Kampf» der «Suhrkamp-Kulturen» ausgetragen werden wird: Nicht nur sind Habermas und Sloterdijk Autoren des Frankfurter Verlags, sie sind auch theoriepolitische Berater des Verlegers.

Uwe Justus Wenzel

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 13.09.1999

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