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Ein Denkmal für Katharina von Zimmern

Eine Monographie über die letzte Fraumünster-Äbtissin

pi. Man darf wahrlich von einem Glücksfall sprechen. Dank dem unermüdlichen Engagement von Irene Gysel und Barbara Helbling und einer minuziösen historischen Spurensuche hat eine in Vergessenheit geratene Frauengestalt aus der Reformationszeit endlich die längst verdiente Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten. Über Katharina von Zimmern (1478–1547), die als letzte Fürstäbtissin am 8. Dezember 1524, nach dem Durchbruch der Reformation, Zürich das Fraumünsterstift übergab, ist fast nichts bekannt; nicht einmal ein Bildnis existiert. Nur gerade die Übergabeurkunde und ein Brief aus der Hand Katharinas sind erhalten geblieben. Selbst die Chronisten befassten sich kaum mit der damals ranghöchsten Frau Zürichs.

Minuziöse Spurensuche

Die nun erschienene Monographie über «Zürichs letzte Äbtissin – Katharina von Zimmern» bildet den Abschluss der Tätigkeit einer kirchlichen Arbeitsgruppe «Ökumenische Dekade für Solidarität der Kirchen mit den Frauen». Sie war davon ausgegangen, dass auch Frauen an der Reformation aktiv mitgewirkt hatten und auf Anerkennung ihrer Beteiligung in der Kirche hofften. Eine Persönlichkeit «drängte» sich in diesem Zusammenhang geradezu auf, etwas genauer erforscht zu werden. Was Katharina am Vorabend des Festes Maria Empfängnis, im Dezember 1524, tat, war «ein gewaltiger, unserer Meinung nach damals wie heute zu wenig beachteter und zu gering bewerteter Schritt», schreibt Irene Gysel im Vorwort des Buches. Wer also war diese Frau? Welches waren die Beweggründe für die Übergabe des Stifts? Was ist nach der Übergabe der Abtei an die Stadt aus der Äbtissin geworden?

Diesen Fragen sind die beiden Forscherinnen mit Enthusiasmus, wissenschaftlicher Neugierde und viel Fingerspitzengefühl nachgegangen. Die Rekonstruktion von Katharinas Leben und ihrer Herkunft liest sich mit Blick auf die dürftige Quellenlage schon fast wie eine Kriminalgeschichte. Plötzlich spielen Nebensätze, Randnotizen in Protokollen eine wichtige Rolle – und vor allem auch der Zufall: In einer Sammlung von Erstdrucken aus der Reformationszeit, die kürzlich zum Kauf angeboten wurde, fanden sich zwei Drucke, die mit einer Widmung an die Äbtissin des Fraumünsters versehen waren.

Verschiedene Autorinnen und Autoren haben sich in der Monographie behutsam an die letzte Fraumünster-Äbtissin herangetastet, ohne je in Spekulationen zu verfallen; sie hielten sich stets an die gesicherte Faktenlage. Roswith Günter hat die Familiengeschichte erforscht und konnte auf eine bislang wenig beachtete Quelle zurückgreifen, die «Chronik derer von Zimmern», eine umfangreiche Darstellung der Geschichte dieser Adelsfamilie, verfasst von Froben Christoph von Zimmern (1519–1566). Regine Abegg und Christine Barraud Wiener untersuchten die Baugeschichte des Fraumünsters nach Eingriffen Katharinas. Alt Oberrichter Eduard Rübel analysierte die Übergabe des Stifts an die Stadt aus juristischem Blickwinkel. Christine Christ schliesslich befasste sich mit dem Frauenbild von Reformatoren und Humanisten.

Reformatorische Überzeugung

Die aus dem süddeutschen Hochadel stammende Katharina von Zimmern war etwa 13 Jahre alt, als sie 1491 zusammen mit ihrer älteren Schwester Anna ins Fraumünsterstift eintrat. Fünf Jahre später, nach dem Tod der Äbtissin Elisabeth von Wyssenberg, wurde die erst 18jährige Katharina als jüngste der vier wählbaren Chorfrauen zur Nachfolgerin bestimmt; die feierliche Amtseinsetzung fand am 17. Juni 1496 statt. Aus jenen bewegten Jahren, in denen Zürich als reichsfreie Handelsstadt und Vorort der Eidgenossenschaft mitten in einem komplizierten innen- wie aussenpolitischen Kräftespiel stand, sind keine Aufzeichnungen über Katharina erhalten. Sie bleibt stumme Zeitzeugin einer bewegten Phase der Zürcher Geschichte, die im Buch anschaulich beschrieben wird. Zwingli hatte offenbar grossen Einfluss auf Katharina. Nicht nur predigte er im Fraumünster, und Myconius hielt regelmässig im Fraumünsterchor Lektionen zur Auslegung des Neuen Testaments. Der Zürcher Reformator widmete ihr auch seine Predigt «Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit», ebenso ist ihr eine der Lutherschriften direkt zugeeignet. Überdies sagte Zwingli von Katharina: «Sie gehört zur Partei Christi und brächte es nicht fertig, mir etwas abzuschlagen.»

Mit ausschlaggebend für Katharinas Entscheid, das Kloster der Stadt zu übergeben, dürften nicht zuletzt auch Vorkommnisse in den Jahren 1523 und 1524 gewesen sein. Im Frauenkloster Oetenbach hatte sich der Konvent in zwei gegnerische Lager gespalten. Im September 1524 übergab Propst Heinrich Brennwald alle Rechte und Güter des Chorherrenstifts Embrach dem Rat von Zürich. Katharina war in jenen Jahren gemäss Interpretation von Christine Christ von der Hauptmotivation getragen, den Frieden in Zürich zu erhalten. Die Reformatoren dagegen hätten Spaltung und Unruhe riskiert, um der von ihnen erkannten evangelischen Wahrheit auch im politischen Leben zum Durchbruch zu verhelfen. Indem Katharina das bedeutende traditionsreiche Kloster auflöste, habe sie Zürich vor Unruhen bewahrt und die Reformation gefördert. Wie die Äbtissin in der Urkunde festhält, übergab sie die Abtei samt Hoheitsrechten und grossem Grundbesitz der Stadt «onbetzwungenlich», ungezwungen, das heisst in ihrer reformatorischen Überzeugung als freier Christenmensch.

Nach ihrem Rücktritt als Äbtissin heiratete Katharina den Söldnerführer Eberhard von Reischach, lebte mit dem wegen des reformatorischen Reislaufverbots geächteten Mann in Schaffhausen und Diessenhofen und gebar zwei Kinder. Die Familie kehrte nach Zürich zurück, und der rehabilitierte Reischach starb 1531 an der Seite Zwinglis in der Schlacht bei Kappel. Katharina verbrachte ihren Lebensabend am Zürcher Neumarkt und versank immer mehr in Vergessenheit.

 

Irene Gysel und Barbara Helbling: Zürichs letzte Äbtissin – Katharina von Zimmern (1478–1547). NZZ-Buchverlag, Zürich 1999. 213 S., Fr. 38.–.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 18.09.1999

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