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Streit um Pfarrer Siebers Bauernhof

Anwohner auf der Buchenegg wehren sich gegen Bauvorhaben

Auf der Buchenegg mobilisiert sich Widerstand gegen die Stiftung Puureheimet Brotchorb Zürich von Pfarrer Ernst Sieber. Die Stiftung möchte ihren Bauernhof ausbauen, den sie in der Gemeinde Stallikon betreibt. Gegen das Bauvorhaben wehrt sich ein Teil der Nachbarschaft. Sie macht geltend, der geplante Ausbau des Hofes zu einem Heim sei zonenwidrig; im Betrieb seien psychisch Kranke wohnhaft, die nicht arbeitsfähig seien. Die Stiftung Puureheimet hat das Baubegehren einstweilen sistiert.

ekk. Die Stiftung Puureheimet Brotchorb Zürich von Pfarrer Ernst Sieber hatte auf der Buchenegg noch nie einen leichten Stand. Schon das ursprüngliche Projekt, das den Betrieb eines Bauernhofs mit christlicher Grossfamilie für Menschen in schwierigen Lebenssituationen vorsah, wurde von den Anwohnern heftig bekämpft. Die Gegner gingen bis vor Bundesgericht, wo sie schliesslich abblitzten. Seit zehn Jahren führt die Stiftung auf der Buchenegg bei Stallikon einen Landwirtschaftsbetrieb, der Randständigen eine Heimat bietet.

Nun droht Pfarrer Sieber neues Ungemach. Gegen den geplanten Ausbau des Hofes, der sich in der Landwirtschaftszone befindet, machen Anwohner mobil. Zwölf Personen haben verlangt, dass ihnen die Gemeinde zu gegebener Zeit die baurechtlichen Entscheide zustellt; anzunehmen ist, dass sie beabsichtigen, gegen das Vorhaben zu rekurrieren. Das Baugesuch befindet sich zurzeit bei der Baudirektion, die über eine Ausnahmebewilligung entscheiden muss, die für alle Bauten ausserhalb der Bauzone benötigt wird, wie der Gemeindeschreiber von Stallikon, Franz Birri, gegenüber der NZZ ausführte. Die Stiftung Puureheimet hat das Baugesuch inzwischen sistiert. Laut Pfarrer Ernst Sieber hat sie ein landwirtschaftliches Betriebsgutachten in Auftrag gegeben und will mit den verunsicherten Nachbarn anlässlich einer Besichtigung Anfang Oktober ins Gespräch kommen.

Unzulässige Erweiterung?

Die Stiftung möchte das Betriebskonzept neuen Auflagen des Bundesamtes für Sozialversicherung (BSV) für Wohnheime und Werkstätten anpassen, um in den Genuss von Subventionen zu kommen. Dies bedingt bauliche Veränderungen. Gemäss Vorgaben des BSV, so die Stiftung im Baubeschrieb, werden inskünftig nur noch Heime mit mindestens zwölf Bewohnern subventioniert. Das «Puureheimet» sei auf diese Subventionen dringend angewiesen. Deshalb habe die Stiftung bei der Fürsorgedirektion des Kantons Zürich und beim BSV eine Bewilligung eingeholt, um das Platzangebot von heute neun auf zwölf Plätze erweitern zu dürfen. Diese Bewilligung sei am 3. 9. 98 erteilt worden. Seit Bestehen des «Puureheimet» habe sich die Bedürftigkeit der Bewohner stark verändert.

Während es früher eine Einrichtung für Drogenabhängige gewesen sei, biete es heute meist psychisch kranken Menschen eine Aufnahmemöglichkeit. Die bestehenden Platzverhältnisse entsprächen nicht mehr den Anforderungen der heutigen Nutzung; so schreibe das BSV für Wohnheime dieser Art unter anderem vor, dass jeder Bewohner Anspruch auf ein Einzelzimmer habe. Um diese Auflagen zu erfüllen, brauche der Hof nebst den bestehenden Schlafräumen sechs weitere Zimmer.

Dieses Begehren ist einigen Nachbarn des Hofs sauer aufgestossen. Einer davon ist Hanspeter Lutz, der angekündigt hat, gegen das Baugesuch Einsprache einzulegen. Er macht geltend, der Umbau zu einem Heim und die Erstellung weiterer Zimmer sei nach allen bereits gefällten Gerichtsurteilen unzulässig und zonenwidrig. Auf dem Landwirtschaftsbetrieb dürften nur arbeitsfähige und arbeitswillige Leute untergebracht werden, die keiner Pflege bedürfen. Der bewilligte Wohnraum dürfe nicht zu anderen Zwecken als für die Bewirtschaftung des betriebszugehörigen Kulturlandes verwendet werden. Tatsächlich aber würden Drogenabhängige und psychisch kranke, pflegebedürftige Menschen beherbergt, die nicht alle arbeitstätig seien. Die heutige Nutzung entspreche nicht mehr dem Stiftungszweck, arbeitsfähigen Randständigen im Rahmen einer christlichen Grossfamilie unter Leitung eines Landwirts eine Heimat zu bieten. Die Familie des Betriebsleiters sei gar nicht mehr auf dem Bauernhof wohnhaft.

Hanspeter Lutz berichtet in einem Brief an die Gemeinde Stallikon ausserdem über die Ergebnisse einer Befragung unter Nachbarn. «Nachts sollen die unbeaufsichtigten Insassen um die Nachbarhäuser irren», schreibt er. «Andere sollen ausgesperrt worden sein. Verschiedenen Insassen sollen regelmässig Medikamente verabreicht werden, die sie zeitweise untereinander austauschen. Ein Zögling soll einen Pfleger mit einem Messer angegriffen haben.»

Gesellschaftliche Verantwortung

Pfarrer Ernst Sieber, Präsident des Stiftungsrates Puureheimet Brotchorb Zürich reagiert mit Gelassenheit und einer politischen Botschaft auf diese Vorwürfe. Die Führung auf dem Bauernhof funktioniere perfekt, sagt er, auf dem Hof seien Tag und Nacht Mitarbeiter anwesend, und schwarze Schafe gebe es in den besten Familien. Die Stiftung habe in den letzten Jahren in Stallikon zusätzliches Land erhalten, was eine Erhöhung der Platzzahl von neun auf zwölf rechtfertige, da zur Bewirtschaftung auch mehr Arbeitskräfte benötigt würden. Hauptgrund für das Ausbaugesuch seien somit nicht die fehlenden Subventionen. Alle Bewohner im «Puureheimet» seien angehalten, ihren Möglichkeiten und Kräften entsprechend auf dem Hof mit anzupacken. Mit dem landwirtschaftlichen Betriebsgutachten will die Stiftung ihre Argumente untermauern.

Pfarrer Ernst Sieber plädiert ausserdem für die christliche Verantwortung, die unsere Gesellschaft wahrzunehmen habe. Immer mehr Leute würden auf Grund ihrer psychischen Situation ausgegrenzt. Seiner Meinung nach ist es die Pflicht der Öffentlichkeit, diese Menschen zu stützen, ohne ihnen ihre Eigenverantwortung abzusprechen. Der Staat allein könne diese Aufgabe je länger, je weniger allein bewältigen.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 18.09.1999

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