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Proviant in einer Zeit der Unbehaustheit

Käthi La Roche wird als Grossmünsterpfarrerin eingesetzt

Am Sonntag, dem Bettag, wird Käthi La Roche offiziell als Pfarrerin am Grossmünster eingesetzt. Die fünfzigjährige Theologin, die im Februar vom Kirchenrat gewählt worden war, ist die erste festangestellte Pfarrerin in der Mutterkirche der Reformation, in einer Gemeinde, in der die Tradition Zwinglis und Bullingers wie kaum an einem anderen Ort präsent ist. In einem Gespräch äusserte sie sich über sich, ihre Arbeit und ihre Ziele.

rib. Ein Datum für ein Gespräch mit ihr zu vereinbaren ist nicht einfach. Käthi La Roches Terminkalender ist voll, und dass sich ihr Leben zurzeit in einem ruhelosen Dazwischen abspielt – am Grossmünster, wo sie ihre Tätigkeit schon aufgenommen hat, ist sie nicht ganz eingerichtet, und wohnhaft ist sie noch in Erlenbach, von dem sie sich aber bereits verabschiedet hat –, erschwert ihren Alltag zusätzlich. In der Helferei Grossmünster hat sie sich vorläufig einen Arbeitsplatz eingerichtet, in einer spätgotischen Kammer mit Holztäfer, Balkendecke und Kachelofen. Der Computer, der neben der Bibel auf dem rohen Holztisch steht, wirkt wie ein Fremdkörper, und Käthi La Roche weist das Entzücken des Besuchers über den reizvollen Arbeitsort sanft, aber entschieden zurück. Die Ausstattung des Raums, meint sie, sei der Muttergemeinde der Reformation zwar angemessen, aber sie hoffe trotzdem, möglichst bald definitiv und vor allem zweckmässig eingerichtet zu sein.

Auch dass sie noch nicht in Zürich wohnt, sondern nach wie vor in ihre frühere Gemeinde pendelt, verträgt sich nicht ganz mit ihrer Amtsauffassung. Denn da, wo sie ist, möchte sie ganz sein und sich ohne zu grosse Rücksicht auf äussere Gegebenheiten ihrer Arbeit widmen. Auf die Tätigkeit am Grossmünster, wo sie am kommenden Sonntag offiziell eingesetzt wird, habe sie sich gefreut, sagt sie spontan. Sie empfinde die Stelle als ein Geschenk des Himmels. Natürlich, es sei eine grosse Aufgabe, und sie sei sich der mit ihr verbundenen Schwierigkeiten durchaus bewusst. Aber sie betrachte es als Aufbruch, und da sei der Ausgang nun einmal offen. «Dass ich die erste festangestellte Pfarrerin am Grossmünster bin, ist für mich nicht ohne Bedeutung», sagt sie; aber anderseits sei sie sich bewusst, dass sie diese Berufung nicht allein ihrer Person, sondern auch Umständen verdanke, auf die sie keinen Einfluss gehabt habe. Am wichtigsten sei es ihr jedenfalls, sich in ihrem neuen Wirkungskreis zunächst einmal umzuhören, Gespräche zu führen und in Erfahrung zu bringen, was hier und jetzt not tue.

Den zentralen Punkt ihrer Aufgabe sieht Käthi La Roche in der Verkündigung, was sich vielleicht auch aus ihrem persönlichen Werdegang erklärt. In Zürich geboren, begann die in einem christlich geprägten Haus Aufgewachsene nach der Matur mit dem Theologiestudium. «Und das», sagt sie, «obwohl ich mir damals kaum vorstellen konnte, als Gemeindepfarrerin zu arbeiten.» In ihrer Generation, Ende der sechziger Jahre, sei ein gewisses Misstrauen gegenüber der Kirche verbreitet gewesen, und das Vikariat, das sie nach dem Studium absolvierte, habe sie in bezug auf den Pfarrerberuf nicht bestärkt. Durch eine Zusatzausbildung in Spitalseelsorge stiess Käthi La Roche auf die Psychoanalyse und bildete sich zur Analytikerin aus – zunächst mit dem Ziel, sich ausserhalb der Kirche ein neues Berufsfeld zu erschliessen. Erst in der Ausbildung sei ihr klargeworden, dass sie in dieser Kirche arbeiten wolle. Sie schloss die Ausbildung ab, arbeitete aber nie als Analytikerin. «Das», sagt sie, «hing auch mit einem Unbehagen zusammen.» Sie habe sich ausserstande gefühlt, auf beiden Gebieten kompetent zu sein: «Ich musste mich entscheiden.» Käthi La Roche entschied sich für die Kirche – und bis heute, sagt sie, habe sie es nicht bereut.

Zehn Jahre lang, von 1980 bis 1990, arbeitete sie als Studentenpfarrerin – eine Tätigkeit, die sie, wie sie sagt, herausforderte, von der sie aber auch persönlich profitierte, besonders in theologischer Hinsicht: «Als ich studierte, um 1968, waren die Zeiten bewegt, und das Studium stand manchmal etwas hintan.» Im Kontakt mit Studierenden habe sie sich wieder ihrer Wissenschaft zugewandt und in vielem neue Zugänge gefunden. Bereits zu dieser Zeit arbeitete sie daneben auch für die TV- Sendung «Wort zum Sonntag». Gemeindeerfahrung sammelte Käthi La Roche in Zürich Altstetten und schliesslich in Erlenbach, wo sie seit 1994 mit ihrer Adoptivtochter lebte. Häusliche Pflichten und Kinderbetreuung teilte sie sich mit ihrem Lebensgefährten und ihrer ebenfalls alleinerziehenden Schwester. In der eher konservativ geprägten Seegemeinde, erzählt sie, habe sie sich das Vertrauen der Bevölkerung erwerben müssen, aber bald in einer Atmosphäre der Offenheit und des gegenseitigen Vertrauens gearbeitet.

Der Abschied von einer überschaubaren Pfarrgemeinde falle ihr nicht leicht, aber entscheidend sei nun der Blick nach vorn. Auf konkrete Ziele angesprochen, antwortet Käthi La Roche zurückhaltend. Die Konzentration auf den Gottesdienst, die sich am Grossmünster durch die Gemeindestruktur ergebe, komme ihren Fähigkeiten entgegen, anderseits sei die Anonymität für sie eine neue Erfahrung; überdies seien noch nicht alle Wunden verheilt, welche im Vorfeld ihrer Wahl entstanden seien. Die Herausforderung, an der Mutterkirche der Reformation zu predigen, nehme sie jedenfalls gerne an. Sie sei, sagt sie, durchaus stolz darauf, reformiert zu sein. Die reformierte Kirche habe Traditionen, die es wert seien, verteidigt zu werden: die demokratische Struktur etwa, welche die Mündigkeit des Einzelnen betone, ohne darüber in einen modischen «Beliebigkeitsindividualismus» zu verfallen. Gerade heute, wo die Bedeutung der reformierten Kirche im Staat abnehme, verpflichte dies zu klaren Positionen. Eine «Kuschelkirche», in der es nur darum gehe, sich wohl zu fühlen, sei ihre Sache nicht: «In der heutigen Zeit sind wir Menschen heimatlos und unbehaust; nicht nur Flüchtlinge. Da muss die Kirche den Menschen Proviant geben und ein Zelt, damit sie unterwegs sein können.»

 

© Neue Zürcher Zeitung - 18.09.1999

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