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Zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag

Das andere Gesicht der Schweiz

Eine kürzlich zu Ende gegangene Ausstellung über die Wirksamkeit des Predigerordens im Mittelalter in Zürich hat überraschende Parallelen zu sozialen Fragen unserer Zeit ergeben. So hat die Massenarmut im Spätmittelalter den Staat sowie Kirche und Ordenswesen vor fast unlösbare Probleme gestellt. Erst in der Reformationszeit konnte mit neuen Konzepten die Armutsbekämpfung Wirkung zeigen. Die historische Distanz schuf ein Interesse an Armutsfragen, das für die Gegenwart oft vermisst wird. Sie zeigte auch, dass ohne bahnbrechende neue Systemansätze kaum Lösungen für soziale Fragen gefunden werden. Zahlreiche Armutsstudien und Einzeluntersuchungen belegen, dass die Schweiz noch ein anderes Gesicht hat, als es die Errungenschaften der Wohlstandsgesellschaft vermitteln, weniger vertraut, weniger wahrnehmbar, das Gesicht der Armut.

Ungefähr zehn Prozent der Wohnbevölkerung leben in unserem Land unter der Armutsgrenze, haben also gemäss der Uno- Definition der Armut weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung zur Verfügung. Die meisten von ihnen sind unter vierzig Jahren. Betroffen sind vor allem Jugendliche in Ausbildung, Nichterwerbstätige, Alleinerziehende, Familien mit mehr als drei Kindern. Niemand von ihnen muss um das nackte Überleben kämpfen. Aber die Zahl derer wächst, die am allgemeinen Wohlergehen keinen Anteil haben.

Zahlen sind kein Beweis. Subjektiv wird die Armut sehr unterschiedlich erlebt. Aber viele Menschen empfinden ihre Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung und ihre aufgezwungene eingeschränkte Lebensweise als grosse Belastung. Im Weltmassstab gehören sie zweifellos zu den Bessergestellten. Aber arm ist man nicht an sich, sondern im Verhältnis zu anderen, benachteiligt ist man im Blick auf die, die einem das schöne, interessante und attraktive Leben vorleben, von dem man selber ausgeschlossen ist.

Dieser relative Armutsbegriff, der sich an der Wohlstandsverteilung der Gesamtbevölkerung orientiert, zeigt, dass Armut nicht nur an ökonomischen Verhältnissen gemessen werden kann. Nicht der Mangel an finanziellen Mitteln ist das Bedrängendste, sondern der oft daraus resultierende Mangel an menschlicher Nähe, an Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an Ansehen, persönlicher Freiheit und menschlicher Würde. Einkommensknappheit hat Konsequenzen für alle Lebensbereiche. Ein Mensch in unserer Gesellschaft, der nicht mehr den Lebensstandard mit anderen teilt, ist in Gefahr, Kontakte zu verlieren und isoliert zu sein.

Fast alle Formen von Kommunikation laufen über den Konsum, der finanzielle Mittel erfordert, Geselligkeit, Sport, Kultur. Wer daran nicht teilhaben kann, muss auf die Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse verzichten. Materielle und immaterielle Aspekte sind auch bei Konsumfragen kaum voneinander zu trennen. Das fehlende Geldeinkommen verweist nicht nur auf eine wirtschaftliche Schwäche, sondern kann zu einer viel weiter gehenden Einbusse an Lebensqualität führen. Lebensbedürfnisse können nicht durch Konsum befriedigt werden, aber Konsum ist oft der Einstieg dafür. In afrikanischen Gesellschaften ist von zwei Arten Hunger die Rede, vom kleinen und vom grossen. Der kleine ist mit Gütern und Dienstleistungen zu stillen. Satt ist der Mensch aber nur, wenn er überzeugende Antworten auf Sinnfragen findet.

Der Ausschluss von Benachteiligten aus dem alltäglichen Lebensverhalten führt dazu, dass die in Armut lebenden Menschen der Wohlstandsgesellschaft so unsichtbar sind, dass ihre Existenz sogar bestritten wird. Andere Faktoren tragen zu diesem Phantomdasein bei. Es gibt kein Lumpenproletariat mehr und keine Armenviertel. Arme sind keine leicht erkennbare einheitliche soziale Gruppe mehr, sondern ein buntes Gemisch aus verschiedenen sozialen Schichten und Milieus mit unterschiedlichen Armutsbiographien und Lebensstilen. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist der Mangel. Für viele kennzeichnet er zwar nur eine Phase ihrer Lebenszeit, wenige bleiben ihm für immer verhaftet. Kaum jemand spricht über seinen Mangel. Man weiss wenig darüber, was arme Menschen erleben und wie sie ihre Lage selber beurteilen. Armutserfahrungen werden privatisiert, verheimlicht, verschwiegen. Armut hat heute intimeren Charakter als Sexualität. Es fällt offenbar schwer, das Armutsgesicht der Schweiz als Realität wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Die Diskussion über die Armut in unserem Land wird von Fachleuten geführt, sie wird von den Medien aufgegriffen, aber für die meisten Menschen ist Armut ein abstrakter Begriff. Die eigene Lebenssituation ist für viele davon nicht berührt. Solange der persönliche Lebensstil nicht gefährdet ist, wird sich kaum jemand von der akademisch geführten Debatte beunruhigen lassen. Ein Bewusstsein für das Schicksal der Menschen in unserer Gesellschaft, die zu den Verlierern der wirtschaftlichen Entwicklung gehören, wäre eine notwendige Stufe auf dem Weg zur Armutsbekämpfung.

Auch wenn es das Diffuse und die Unauffälligkeit der Armut schwermachen, sie zu erkennen, lässt sich die Frage nicht aus der Welt schaffen, warum es uns nicht gelingt, in Zeiten nie dagewesenen Wohlstands die Armut zu besiegen und die materiellen Güter gerechter zu verteilen. Es ist eine Frage, die an den Busstag gehört, an dem unangenehme Wahrheiten ihren Platz haben.

Die christliche Tradition hat durch ihre Erfahrungen in der Geschichte durchaus Kompetenzen im Umgang mit der Armutsthematik weiterzugeben. Die Frage nach der Einstellung zu Besitz und Eigentum war, zumindest in den Anfängen, zentral für die christliche Gemeinschaft. Das Ideal völliger Besitzlosigkeit hat zwar immer nur für einen kleinen Kreis «freiwilliger Armer» mit einer besonderen religiösen Berufung gegolten. Aber die gerechte Verteilung der Lebensgüter, eine ausgleichende soziale Gerechtigkeit, die Forderung eines guten Lebens für alle Menschen: das ist für die Kirche nach der Reformation zum Massstab für die Beurteilung einer Gesellschaft geworden. Die biblischen Grundwahrheiten, denen die Kirche verpflichtet ist, erlauben kein Stillschweigen und keine neutrale Einstellung bei der Frage nach der Verteilung von Besitz und Eigentum, Rechten und Lebenschancen. Sie verlangen eine klare «Option für die Armen» und eine Auseinandersetzung mit den Ursachen ungerechter Strukturen.

Die Linie dieser Tradition verläuft von den Propheten des Alten Testamentes bis zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie unserer Tage. Dabei ist nicht daran gedacht, Armut durch Reichtum zu ersetzen und aus den Armen Reiche zu machen, sondern eine soziale Gerechtigkeit durchzusetzen, die alle Menschen in Würde leben lässt. Solange sie diesem Massstab verpflichtet bleibt, muss die Kirche nach Formen suchen, ihre eigenen Mittel und Handlungsmöglichkeiten für die Veränderung der Situation der Armen in der Gesellschaft einzusetzen. In einer Zeit, in der sich die Kirche, wie gegenwärtig in Zürich, um eine Neuordnung ihrer eigenen Besitzverhältnisse bemüht, sich für die Bedürfnisse der Benachteiligten unserer Gesellschaft einzusetzen ist eine brisante Frage. Die Antwort sollte sich nicht nur in der Bekräftigung sozialer Verpflichtungen erschöpfen. Jede Solidarität mit den Armen und Benachteiligten unserer Gesellschaft muss sich auch in der eigenen Lebenspraxis ausdrücken, im Zuschnitt eines Lebensstils, der sich an den Lebensbedingungen der Armen der Bevölkerung orientiert.

Eine solcherart ausgewiesene Solidarität wird zwar kaum wirtschaftliche und politische Probleme lösen können und soziale Gerechtigkeit herstellen. Aber auch noch in ihrer begrenzten Wirksamkeit könnte sie Zeichen setzen, Glaubwürdigkeit vermitteln und Mut machen zu unbequemen Entscheidungen. Vielleicht wäre eine Praxis der Solidarität mit den Armen unserer Zeit auch eine Voraussetzung für neue religiöse Erfahrungen, nach denen sich viele so sehnen. Denn die mystische Gottsuche richtet sich auf einen Gott, der sich in der biblischen Tradition immer auf die Seite der Armen gestellt hat.

Ines Buhofer, Theologin in Zürich

 

© Neue Zürcher Zeitung - 18.09.1999

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