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Ein Zürcher Bürgermeister als Gardekommandant in Rom

Ausstellung über die Schweizergarde und die Familie Röist im Haus zum Rech

pi. Merkwürdig – ausgerechnet ein Zürcher Bürgermeister kommandierte während der Reformation die Päpstliche Garde in Rom. Zwingli, der 1519 als Herr des «Doms von Zürich» eingesetzt worden war, hatte in den folgenden Jahren wiederholt gegen Rom, die «Pfaffen» und den Solddienst gewettert, so in der «göttlichen Ermahnung der Schwyzer» – und zwar mit Erfolg. Am 11. Januar 1522 wurde in Zürich jedes Reislaufen verboten, was die Zeitgenossen nicht zuletzt auf Zwinglis evangelische Predigt zurückführten.

Eine Ausstellung im Haus zum Rech, die den Titel «. . . zu dienen dem regierenden Papst» trägt, beleuchtet einen weitgehend unbekannten Aspekt der Zürcher Geschichte und die besondere Beziehung zwischen der Schweizergarde in Rom und Zürich im frühen 16. Jahrhundert.

Spannungen zwischen Zürich und Rom

Vor dem Hintergrund der italienischen Kriege an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert wurde 1506 die Schweizergarde durch einen Vertrag zwischen Papst Julius II. und den Kantonen Zürich und Luzern gegründet. Es handelte sich um eine Truppe von 150 Mann. Seit den Burgunderkriegen von 1474/77 galten die Schweizer Söldner als begehrter Exportartikel und waren ein wichtiger Zweig der eidgenössischen Wirtschaft. Die Päpstliche Schweizergarde griff nicht in Kriege ein, sondern war ausschliesslich für die Sicherheit des kirchlichen Oberhaupts zuständig. Der Sold der Gardisten in Rom war doppelt so hoch wie derjenige der anderen Söldner.

Nach dem Tod des ersten Kommandanten, des Luzerners Kaspar von Silenen, wünschte Papst Leo X. den Zürcher Bürgermeister Marx Röist (1454–1524), der 1515 die Eidgenossen in der Schlacht und beim Rückzug von Marignano angeführt hatte, als Nachfolger. Röist nahm die Berufung an, allerdings unter der Bedingung, Bürgermeister von Zürich bleiben zu können. Marx Röist übertrug den eigentlichen Oberbefehl seinem Sohn Kaspar, der 1518 in Rom die Stelle antrat. Er vertrat seinen Vater bis zu dessen Tod; dann amtete Kaspar Röist selber als Gardekommandant.

Im Zuge der Auseinandersetzungen Zwinglis mit dem Papst forderte der Reformator 1527 Kaspar Röist und die Gardisten aus Zürich auf, innert vier Monaten den Dienst zu quittieren und in die Heimat zurückzukehren. Der Kommandant weigerte sich. Wenige Monate später, beim Sacco di Roma am 6. Mai 1527, bei der Erstürmung, Besetzung und Plünderung Roms durch über 20 000 Söldner Kaiser Karls V., starb Kaspar Röist. Die Schweizergarde ermöglichte Papst Clemens VII. die Flucht auf die Engelsburg; 147 Gardisten verloren bei den Kämpfen ihr Leben. Gemäss Überlieferung rettete ebenfalls ein Zürcher, Herkules Göldi, mit seinem Geschwader den Papst. Dieser Episode sowie der Familie Röist, die mit Heinrich, Marx und Diethelm zwischen 1469 und 1544 drei Bürgermeister nacheinander stellte, ist ein Teil der Ausstellung im Haus zum Rech gewidmet. Zu sehen ist unter anderem ein Briefwechsel zwischen dem Zürcher Rat und dem Gardekommandanten im Jahre 1526. Röist wollte im Auftrag des Rats ausstehende Pensionsgelder eintreiben. Sollte Zürich sich entschliessen, standhaft bei der römischen Kirche zu verbleiben und der neugläubigen Lehre Zwinglis kein Gehör zu geben, wie die Antwort des Papsts lautete, dann werde er die Schuld bezahlen.

Mit Hellebarden und Feuerwaffen

Anhand von Bildern und Texten werden die wechselhaften Bande zwischen Zürich und Rom, der Schweizergarde und dem Söldnerwesen, dem Papsttum und der Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts dargelegt. Das Baugeschichtliche Archiv der Stadt Zürich, das zusammen mit der Vereinigung ehemaliger päpstlicher Schweizergardisten die Ausstellung organisiert hat, präsentiert ausserdem Ergebnisse archäologischer Bauuntersuchungen im Haus zum Rech, das die Familie Röist bewohnt hatte. Die Schweizergardisten in ihren bunten Uniformen gehören heute noch immer zum pittoresken Bild rund um den Petersplatz. Ihre eigentliche Aufgabe, den Papst Tag und Nacht zu beschützen, ist geblieben. Zu den Pflichten gehören ferner die Kontrolle der Eingänge zum Vatikanstaat, die Wache innerhalb der päpstlichen Residenz sowie die Leistung von Ehren- und Ordnungsdiensten. Die Gardisten tragen Hellebarden, können aber mit Feuerwaffen und Tränengas mindestens ebenso geschickt umgehen.

Diesen Aspekten ist der erste Teil der Ausstellung gewidmet, der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft der Schweizergarde, die sich nach wie vor ausschliesslich aus Schweizer Bürgern römisch-katholischer Konfession rekrutiert. Der Bewerber muss ledig, zwischen 19 und 30 Jahre alt und mindestens 175 Zentimeter gross sein. Voraussetzung sind ausserdem ein einwandfreier Leumund, eine abgeschlossene Berufslehre oder Mittelschule sowie die Rekrutenschule.

Die Vereinigung ehemaliger päpstlicher Schweizergardisten trifft sich am kommenden Wochenende in Zürich zur Generalversammlung. Am Sonntag, nach dem Festgottesdienst um 9 Uhr 30 in der Liebfrauenkirche, findet um 11 Uhr ein Umzug zum Landesmuseum statt.

 

Haus zum Rech, Neumarkt 4, bis 20. November; geöffnet Montag bis Freitag 8 bis 18 Uhr, Samstag 10 bis 16 Uhr.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 22.09.1999

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