Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Tiefe Risse im deutschen Katholizismus

Wiederwahl von Bischof Lehmann trotz dem Abtreibungsstreit

Der oberste Repräsentant des deutschen Episkopats, der Mainzer Erzbischof Lehmann, ist am Dienstag an der Vollversammlung der Bischöfe wiedergewählt worden. Zuvor hatten konservative Kleriker offene Kritik an Lehmann geübt, weil dieser wie die meisten Amtsbrüder den Verbleib der katholischen Kirche im Beratungssystem für Schwangere garantieren wollte. In dem heftigen innerkirchlichen Streit hat der Papst ein Machtwort gesprochen.

eg. Berlin, 21. September

Die katholischen Bischöfe Deutschlands haben am Dienstag den bisherigen Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Lehmann, mit grosser Mehrheit im Amt bestätigt. Vor der Vollversammlung war eine für die Kirche unüblich deutliche Kritik am Mainzer Erzbischof wegen dessen Amtsführung laut geworden. Hintergrund der Kontroverse um die Person Lehmanns ist die Auseinandersetzung über die Beteiligung katholischer Einrichtungen an der Beratung von Schwangeren. Der innerkirchliche Streit in dieser Frage war in den letzten Wochen so weit eskaliert, dass sich die Beteiligten in der Öffentlichkeit vorwarfen, mit Manipulationen und Intrigen zu arbeiten. Auf der einen Seite stehen die meisten Bischöfe sowie die katholischen Laienorganisationen. Sie treten für das Verbleiben der Kirche im staatlichen System ein und sind bereit, ratsuchenden Frauen die als Voraussetzung für einen Schwangerschaftsabbruch dienende Bestätigung über ein Beratungsgespräch auszustellen. Auf der anderen Seite befindet sich eine kleine Minderheit im Episkopat, die jede Beteiligung an der konditionierten Fristenlösung rigoros ablehnt. Sie verfügt allerdings über einen gewichtigen Verbündeten – den Papst.

Desavouierung des Vorsitzenden

Die Wiederwahl Lehmanns fällt zusammen mit der Publikation eines weiteren Briefs in der langen Kette apostolischer Schreiben zum deutschen Abtreibungsrecht. In dem Brief wird Lehmann – er gilt als der Autor eines im Juni ausgearbeiteten Kompromisses – desavouiert und die strittige Frage abschliessend entschieden. Bereits im Jahr 1998 hatte der Papst den deutschen Episkopat aufgefordert, katholische Einrichtungen sollten nicht die für einen Abort erforderliche Beratung der Schwangeren vornehmen. Trotzdem votierten die Bischöfe im Frühjahr dieses Jahres dafür, weiterhin die Beratungsscheine auszustellen. Nachdem der Vatikan daraufhin erneut seine Position klargestellt hatte, unternahmen die Bischöfe im Juni in Würzburg einen letzten Anlauf, das von der grossen Mehrheit der Katholiken in Deutschland gewünschte Verbleiben in dem staatlichen Beratungssystem sicherzustellen.

Die Bischöfe versahen die vom Vatikan inkriminierte Bescheinigung mit dem Zusatz, sie könne nicht «zur Durchführung einer straffreien Abtreibung verwendet werden». Gleichzeitig stellte man den Frauen, dem Staat und den behandelnden Ärzten anheim, diesen Passus zu ignorieren, weshalb die Regelung in der Öffentlichkeit als Hypokrisie und «Scheinlösung» empfunden wurde. In dem grossen innerkirchlichen Disput sind die Bischöfe indessen weniger Treibende als Getriebene. Sie stehen zwischen dem die kirchliche Dogmatik und den apostolischen Primat unnachgiebig verteidigenden Papst und den deutschen Gläubigen, die eine den gesellschaftlichen Realitäten und ihrer persönlichen Lebenswelt entsprechende Abtreibungspraxis erwarten. In diesem Zwiespalt unternahm der Episkopat den untauglichen Versuch, die unvereinbaren Positionen in dem Würzburger Kompromiss zusammenzuzwingen.

Schwere gegenseitige Vorwürfe

Alles andere als überraschend weist der Vatikan den Notbehelf in dem am Dienstag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» veröffentlichten Schreiben zurück. In dem vom Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, und dem vatikanischen Staatssekretär Kardinal Sodano unterzeichneten Brief fordert der Heilige Vater seine deutschen Mitbrüder im Bischofsamt auf, alles zu meiden, was «als Doppeldeutigkeit oder Mangel an Klarheit interpretiert werden könnte». Ein von katholischen Stellen ausgestellter Schein dürfe keinen Zugang zu einer straffreien Abtreibung eröffnen – auch nicht durch das Hintertürchen eines zu ignorierenden Zusatzes. Lehmann sah nun keinen Spielraum mehr.

Lehmann und mit ihm die Mehrheit der Bischöfe hatten sich im Juni zu der Würzburger Variante durch einen Brief des päpstlichen Nuntius in Deutschland ermutigt gefühlt, in dem die Idee eines Zusatzes erstmals auftauchte. Doch die Konservativen um den Fuldaer Erzbischof Dyba und den Kölner Kardinal Meisner sprachen von Manipulation und warfen Lehmann vor, er habe dem apostolischen Gesandten die Feder geführt, um so seine Politik durchzusetzen. Die liberalen Kleriker und Laien blieben der Gegenseite in ihren Reaktionen nichts schuldig. Aus der Fülle der sich anschliessenden öffentlichen Stellungnahmen und Medienberichte formte sich das Bild eines Risses innerhalb des deutschen Katholizismus wie zwischen dem Vatikan und der deutschen Amtskirche. In dieser verfahrenen Situation wählten die Bischöfe Lehmann mit grosser Mehrheit wieder, demonstrierten so Geschlossenheit und stärkten ihrem angeschlagenen Repräsentanten den Rücken.

Machtwort ohne Echo?

Trotz dem Machtwort aus Rom ist der Streit um die Abtreibungsregelung womöglich noch nicht ausgestanden. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken als Vertretung der Laien hat den Vorschlag gemacht, die Beratung formal unabhängig von der Amtskirche durch eine der Kirche nahestehende Stiftung fortzuführen. Laut Agenturmeldungen deutete Lehmann am Dienstag an, künftig könnten in den Bistümern divergierende Lösungen gefunden werden. Jetzt sei die Stunde des einzelnen Bischofs, dessen Gewissensentscheidung stärker zur Geltung komme, sagte Lehmann. Auf das vom Gesetzgeber vorgeschriebene Beratungssystem hat das päpstliche Verdikt ohnehin nur begrenzte Auswirkungen. Von den 1686 Anlaufstellen für Schwangere in Deutschland werden 270 durch die katholische Kirche unterhalten. Anderen Trägern sollte es daher – von regionalen Engpässen abgesehen – möglich sein, die durch einen Rückzug der katholischen Kirche gerissene Lücke zu füllen. Ausserdem sind die Länder verpflichtet, ein ausreichend dichtes Netz an Einrichtungen mit einer Beraterin auf 40 000 Einwohner zu garantieren.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 22.09.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben