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Lehramtliches Selbstgespräch über Europa

Das Grundlagenpapier für die römische Bischofssynode

Die nochmals dem «alten Kontinent» gewidmete Bischofssynode, die am Vorabend des Millenniums den Überblick über die Haupt- oder Erdteile des Orbis Catholicus abschliessen soll, beginnt am 1. Oktober im Vatikan. Eine vorbereitende Schrift – «Lineamenta» – war schon im Frühsommer 1998 den europäischen Bischöfen vorgelegt (und hier vorgestellt) worden. Ihr ist vor kurzem die etwas umfangreichere Darstellung des Themas – «Instrumentum laboris» – gefolgt, die man unter Berücksichtigung der Reaktionen auf das erste Papier neu formuliert hat. Neu dem Wortlaut nach. In der Tendenz ist kein Unterschied festzustellen, und die Grundlage des Texts hat sich nicht verändert, wohl aber verdeutlicht. Die Zahl der zitierten Äusserungen Johannes Pauls II. ist auf das Doppelte angewachsen; etwa zwei Drittel aller Belege entfallen auf sie. In den «Lineamenta» war immerhin noch auf einen «Laien» verwiesen worden: auf Dante . . . In dem neuen Dokument kommen neben lehramtlichen Erklärungen der letzten Jahrzehnte nur noch die Kirchenväter Tertullian, Ambrosius und Augustinus zu Wort.

Muss man nun annehmen, die Beiträge der Bischöfe und der von ihnen herangezogenen Experten hätten die Redaktoren des Texts in die Lage versetzt, sich des Andrangs von Papst-Zitaten kaum mehr erwehren zu können? Und sind die Fragen, die seinerzeit den «Lineamenta» beilagen, im übrigen nur nach Gefühl beantwortet worden, ohne Bezugnahme auf irgendein Votum aus jüngster oder auch früherer Vergangenheit, ob geistlich, ob weltlich, zur politisch-gesellschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Situation in Europa? Wahrscheinlicher ist, dass die eingegangenen Wortmeldungen in Rom wieder ein- und zurückgebunden worden sind in die Diagnose der europäischen Verhältnisse, die hier zu Beginn gestellt wurde und die massgeblich bleibt bis zum Ende. Denn die Debatte selbst – das hat sich bei den vorangegangenen Synoden gezeigt – wird zuletzt auch wieder hier verarbeitet, ihre «Ergebnisse» nehmen die Gestalt eines päpstlichen Lehrschreibens an.

Der Grundgedanke ist also nach wie vor der, dass die «Wende» von 1989 die Kirche vom Kommunismus befreit, die bisher von seinem Diktat betroffenen Christen aber dem Kapitalismus ausgeliefert habe. Europa wird so von vorneherein aus der Perspektive des Ostens und namentlich Polens gesehen – des Landes, in dem die Kirche als Gegenmacht zu einem von der katholischen Bevölkerung weithin abgelehnten Regime eine bedeutende Rolle spielte und eine Anziehungskraft ausübte, die sie teilweise verloren hat, seit der Druck gewichen und sich die Verbindung zum «technologisch hochentwickelten, aber innerlich verarmten Westen», wie der Papst uns nennt, hergestellt hat. Ein Materialismus ist an die Stelle des andern getreten. Gleichzeitig wird festgestellt, dass sich bei jungen Menschen religiöse (Anlehnungs-)Bedürfnisse geltend machen, deren man aber nicht so recht froh wird, weil sie sich klaren Definitionen entziehen und nicht auf Jesus Christus hin führen.

Dass aber «die Hoffnung Europas das Kreuz Christi ist», wird zur zentralen Aussage der Synode erklärt. Andererseits muss sich die «Neuevangelisierung» – oberstes Gebot der Stunde – darauf einstellen, dass «der heutige Mensch» den Glauben «als eine Schranke gegen die wissenschaftliche und technologische Macht und als eine unannehmbare Fessel für die Freiheit» empfindet; wobei «der heute in Europa verbreitete Freiheitsbegriff auf eine neuliberale, individualistische und utilitaristische Sicht der Wirklichkeit zurückgeht». Solche Feststellungen könnten sich dem Klischeeverdacht und dem Vorwurf der begrifflichen Unschärfe vielleicht entziehen, wenn gesagt würde, welche Lebensbereiche im besondern gemeint sind. Gleichzeitig glaubt man zu spüren, dass die Redaktion es vermieden hat, Diskussionsbeiträge in den Text aufzunehmen, die konkrete, spezifische Probleme der Evangelisierung in einzelnen Ländern betreffen. Nur was für ganz Europa gilt, soll zur Sprache kommen; auf die Gefahr hin, ein blutleeres Bild der Wirklichkeit zu gewinnen.

Gleiches gilt für innerkirchliche Konfliktstoffe. Auf bestimmte oppositionelle Bewegungen, auf Krisen und ihre Ursachen geht der Text nirgends ein; auch sie treten ja nur in einzelnen Ländern auf. Immerhin fällt das Stichwort «Beziehung und Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien». Und es wird festgestellt: «Hier sind sehr unterschiedliche, manchmal auch widersprüchliche Situationen anzutreffen, wobei aber eine gute Zusammenarbeit allgemein wünschenswert scheint.» Ob das der Weisheit letzter Schluss bleibt (oder zuletzt wieder wird), muss sich zeigen. Die Bischofssynode bietet inzwischen den Teilnehmern eine nicht zu unterschätzende Gelegenheit, einander über «Unterschiedliches» zu informieren und miteinander über Widersprüchliches nachzudenken.

Hanno Helbling

 

© Neue Zürcher Zeitung - 24.09.1999

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