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Fortsetzung folgt

Streit um Peter Sloterdijk, Teil zwei

In einem offenen Brief, abgedruckt in der «Zeit» der letzten Woche, mutmasst Peter Sloterdijk, er sei das Opfer einer Intrige geworden, zu der Jürgen Habermas subalterne Mitstreiter in manchen Redaktionsstuben angestiftet habe. Die Wendung, die er damit der eben erst eröffneten Debatte über seinen – alles in allem: zwielichtigen – Vortrag zum Thema Gentechnologie und Humanismus (vgl. ausführlich: NZZ vom 13. 9.) zu geben versucht, haben nicht alle beteiligten Beobachter erwartet. Sie überrascht zumindest insofern, als der erklärte Kritiker der Verdachtshermeneutik sich selbst der Kunst bedient, in den unsichtbaren Hintergrund angeblich gezogener Drähte zu zeigen.

Die Volte, die vom skandalisierten Vortrag notwendig ablenkt, hätte aber vorausgesehen werden können: In einem vor wenigen Jahren in Buchform publizierten Gespräch (Titel: «Selbstversuch») finden sich einschlägige Passagen, auf die Sloterdijk nun selbst, im ersten Teil jenes offenen Briefes, hinweist. Die meisten beteiligten Beobachter haben sie inzwischen nachgelesen. Die Rede ist darin von der erhitzten Debatte um Botho Strauss' «Bocksgesang». Sloterdijk spricht von einem «montierten Coup», von einem damals vom «Spiegel» inszenierten Skandal. Strauss habe es leider versäumt, rechtzeitig die Szene selber zu betreten, das Heft in die Hand zu nehmen und zu erklären, «dass dies ein Test war, eine höhere Essayform». So habe Strauss vom Skandal reichlich abbekommen, «die Chance zum Metaskandal» jedoch ungenutzt gelassen.

Der Medientheoretiker nutzt seine Chance, und die Medienpraktiker spielen, nolens volens, mit. Um die Fäden in die Hand zu bekommen, um Inszenator einer Metainszenierung zu werden, muss Sloterdijk, seiner Metadramaturgie gemäss, einen Inszenator der anfänglichen Inszenierung namhaft machen. Warum aber Habermas? Eine Art «mobbing» gegen einen Kollegen, der des «mobbing» bezichtigt wird, wie die Berliner «taz», den Niederungen des Lebens aufgeschlossen, argwöhnt? Oder sind wir, um ein weniger kleinkariertes Deutungsmuster zu zitieren, Zeugen eines Vorspiels zur Philosophie der Zukunft, eines Kampfes der Geistesheroen um die Lufthoheit im intellektuellen Kosmos der deutschen Öffentlichkeit? So etwas sieht Lorenz Jäger in der «FAZ» heraufziehen. Und Sloterdijk scheint ihm dafür auch die nötigen Indizien zu liefern.

Zwar, liest man, bemühe Habermas sich «noch immer» um die «Rolle des Souveräns der deutschen Diskurs-Produktion». Seine Ära aber, wie die aller «hypermoralischen Söhne von nationalsozialistischen Vätern», laufe ab: «Eine etwas freiere Generation rückt nach.» Konsequenterweise trägt Sloterdijk die Kritische Theorie, wie bereits berichtet, am Ende seines offenen Briefes zu Grabe. Inkonsequenterweise fordert er deren Verweser aber zu Beginn seines Briefes noch einmal in den Ring, so dass der unbeteiligte Leser annehmen darf, ein Vatermord sei – «noch immer» – vonnöten, die «alten Mentalitätsmachthaber», die nach Sloterdijk der «Lust am Bessersein» frönten, seien noch nicht abgetreten. In diesem Resonanzraum versäumt Jäger übrigens nicht – sein Kommentar ist in der «Zeitung für Deutschland» erschienen –, die Koinzidenz der vom Zaun gebrochenen Streiterei «mit dem Umzug der politischen Institutionen nach Berlin» zu bemerken . . .

Sollte also, wieder einmal, um den vieldeutig sich bauschenden Mantel der – deutschen – Geschichte gestritten werden?

Wird überhaupt gestritten? Unter Mediatoren: ja; die Zeitungsartikel überschlagen sich. Aber unter Inszenatoren? Wie es aussieht, hat Habermas sich nicht in den Ring zwingen lassen. Wohl hat er, in der «Zeit» von dieser Woche, repliziert, aber seine Replik findet sich auf der Leserbriefseite. (Ebenfalls in der neuesten Ausgabe ist, «vollständig und exklusiv», der inkriminierte Vortragstext Sloterdijks abgedruckt und, unter anderem, mit einem sachkundigen Artikel des amerikanischen Rechtsphilosophen Ronald Dworkin zur Problematik des Klonens effektvoll garniert.) Nicht nur ihre Placierung, auch die – eher knappe – Stellungnahme selbst zeugt von Distinktionsbewusstsein: Sloterdijk verkenne nicht nur seine, Habermasens, publizistischen Einflussmöglichkeiten; er mache sich nicht nur ein «projektives Bild» von der Art seines Ehrgeizes; er überschätze vor allem sein Interesse an Sloterdijks Arbeiten . . . Freilich werden die Angaben, die Habermas über die konkreten Umstände seiner «Zeitgenossenschaft» macht, seines Interesses also an Sloterdijks Vortrag, niemanden, der dazu entschlossen ist, abhalten, Drahtzieher-Thesen aufzustellen. «Einfluss» ist eine schwer wägbare Grösse, aber auch keine per se undemokratische.

Bliebe noch die Frage, was die «etwas freiere», etwas weniger moralische Generation mit ihrer Freiheit anfängt. Sloterdijks nicht orakelfreie Antwort: Sie denkt «dem Neuen entgegen». Habermas nimmt da den «Gestus des Eingeweihten und des Erwählten» wahr, gegen den er, gegen den seine Generation misstrauisch sei. Man wird das nicht für eine Halluzination halten wollen. Die Differenz im intellektuellen Stil ist markant. In dem zu Rate gezogenen Gespräch von 1994 schwebt Sloterdijk eine «direkte Relation» zwischen der «Grösse» eines Autors und der «Gefährlichkeit der Stoffe» vor, mit denen er hantiert. – Hätte man denn also zwischen der Lust am Gefährlichsein und der «Lust am Bessersein» zu wählen? – Fortsetzung folgt.

Uwe Justus Wenzel

 

© Neue Zürcher Zeitung - 18.09.1999

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