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Der Sloterdijk-Effekt

«Wie doch eine Rede auch eine Tat sein kann» – notierte Thomas Mann im Dezember 1941 für sein Tagebuch, nachdem er – am Radio – Winston Churchill vor dem kanadischen Parlament gehört hatte. – Auch Peter Sloterdijk, der gewandte deutsche Philosoph, sieht sich inzwischen mit einer Tat – manche Kritiker meinen allerdings: mit einer Untat – konfrontiert. Jedenfalls erregt Sloterdijks Elmauer Referat die Gemüter, und wieder scheint der Stoff für eine lange Kontroverse gegeben.

Die Hermeneutik – eine klassische germanische Disziplin – erblüht. Begriffe und Positionen machen die Medienrunde. Auch Geschäft ist im Spiel, denn Aufmerksamkeit bedeutet heute Gewinn. Die Fragen aber bleiben. Plädierte Peter Sloterdijk tatsächlich für einen «neuen Menschen»? Für eine mit den Mitteln der Gentechnologie optimierte Gattung? Vor allem: empfahl er sich – und seine Zunft – als ideelle Leitstelle im Rahmen «biologischer» Zukunftsplanung? Gewisse Sätze seines Vortrages konnten wohl darauf hindeuten. Jedoch: Philosophie als begleitende Instanz für Selektion und Züchtung? So hatte es unser Zeitgeist-Essayist natürlich niemals gemeint.

Absicht ist das eine, Wirkung ist das andere. Es spricht nicht gegen das bundesrepublikanische Nachkriegsbewusstsein – dessen letzter Übervater bekanntlich Jürgen Habermas ist –, dass es noch immer hellhörig reagiert, wenn Themen einer forcierten Lebensphilosophie anklingen. Im Namen des Lebens hatte Hitlers Deutschland den Tod gesät. Denker von Rang waren verführt worden durch die Phantasien von Macht und Übermacht. Und die – gelegentlich etwas pathetische – Wiederentdeckung des europäischen Humanismus nach 1945 (mit der sich freilich just die Kritische Theorie der Frankfurter Schule sehr zögernd anfreundete) besass eine wichtige Funktion. War sie auch ein Antidot ex post, so ebnete sie doch den Weg – nicht zuletzt: des Gewissens – in die Normalität.

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Nun hat aber Sloterdijk, der nicht nur naive agent provocateur, eine Tabuzone durchbrochen. Denn er sagt, dass dieser Humanismus der Werte von Mass und Bescheidenheit, von Besinnung und Anstand in gewisser Weise passé sei – ein alteuropäisches Regulativ, dem die Realität enteile. Die moderne Wissenschaft vom Leben dringt in ungeheure Bereiche des Könnens vor. Kein Einzelner, der sie zu steuern vermöchte. Damit wird die klassische Vorstellung vom Subjekt zunehmend obsolet – dem (selbst)verantwortlichen Handeln stehen Prozesse und Erkenntnisse gegenüber, die das Gesicht einer anonymen Geschichte annehmen.

Diese Lage ist für die Philosophie nicht ganz neu – schon Helmuth Plessner, ein nüchterner Analytiker der epochalen Befindlichkeit, hat sie beobachtet. Seinesgleichen geschieht. Oder anders, die Welt enträt ihrer transzendenten Bindung. – Indessen zieht Sloterdijk die Schraube noch etwas weiter an. Erstens – und ausdrücklich – gibt er Heideggers Denken des «Seins» den Abschied – jener gleichsam vor-philosophischen «Kehre», die den Menschen als stillen Hüter und als wartenden Poeten des grossen Unverborgenen wieder entdecken wollte. Und zweitens – doch jetzt, raffiniert, im Sinn des Implikats – gerät die Kritische Theorie unter den Vergeblichkeitsverdacht. Auch sie hätte kaum noch die erwiesene Kompetenz, der globalisierten Welt und ihren lautlosen Verfügungen zu sagen, was zu tun und was zu lassen sei.

Die Welt ist alles, was der Fall ist. Nun denn: dann wäre Adornos «negative Dialektik», was sie in der Tendenz sogar sein wollte – ein verschatteter Hain für Kulturpessimisten. Aber mehr: auch die Diskursethik von Habermas, das Instrumentarium politisch herrschaftsfreier Kommunikation, stiesse an ihr Limit – allein schon durch das Faktum, dass der wissenschaftliche Entdeckertrieb die Öffentlichkeit – wenn überhaupt – erst im nachhinein begrüsst. Man könnte es auch so formulieren: was sich heute auf der Basis der Wissenschaften ereignet, vergrössert, vielleicht mit bedrängenden Folgen, den toten Winkel des Selbstbewusstseins.

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Vermutlich hätte schon dies – die kühle, «zynische» Aufnahme des Bestandes, die lakonische Rede vom möglichen Ende des Humanismus in seiner vertrauten Façon – genügt, den Streit der Kritik zu entfachen. Es musste freilich noch etwas anderes hinzukommen, dass sich der Referent von Elmau plötzlich so angegriffen sah, wie dies inzwischen praktiziert wird.

Seit längerem zieht es Peter Sloterdijk zur Anthropologie. Nicht das abstrakt-formale Individuum beschäftigt ihn, sondern der Mensch aus Fleisch und Blut. Nicht nur mit dem aufrechten Gang ist er befasst, sondern auch mit dem psycho-physischen Apparat. «Sphären» des Lebens, Kugeln und Kreise des Bios. Etwas Stammhirn, etwas Plazenta. Da Postmoderne, dort Ur- und Frühgeschichte. Homo sapiens als Produkt und Ausdruck. Der interessante Erzähler bringt dies auf die Reihe, und er hat dabei gelernt: der Mensch verändert sich. Er ändert dies und jenes an seiner Substanz.

Zugleich hat Sloterdijk aus der Geschichte gelernt. Die Geschichte: weniger das Medium des Fortschritts zur Freiheit als ein Lebensspiegel. Ein Auf und Ab vom Erfolg zum Defekt, Höhenflug jetzt, Höllensturz dann. Äonen also überblickt der Universalhistoriker einer dynamischen, im weiteren «gefährlichen» Anthropologie. Der Mensch ist – nach Nietzsche – das «nicht festgestellte Thier». Und auch dies überblickt Sloterdijk: dass Philosophen und Theologen immer wieder versuchten, das Menschenmögliche zu denken – und zu verbessern. Platons Vision von der Herrschaft der Weisen macht nur den Anfang. Wobei nicht so recht deutlich wird, wie Peter Sloterdijk zu diesem Ansinnen steht.

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Eines allerdings wird schon klar: die spätmoderne Menschheit droht unserem Propheten zu verdummen. Sie verliert im Rausch der medialen Verführung ihr intellektuelles Profil, und sie entdeckt mit der Lockerung der Moral – wieder einmal – ihre kriminellen Energien. – Dürften wir uns also dagegen – gegen solche «spätrömische» Perspektiven – abermals einen Neuen Typus wünschen? Ein Wesen, welchem weniger die Zurüstung aufs Metaphysische zur Daseinssteigerung verhälfe als vielmehr die genetische «Verbesserung»?

Die Philosophen hätten den Menschen nur verschieden interpretiert; es käme aber darauf an, ihn zu verändern. Sloterdijk mag diesen Gestus von «Zähmung» und «Züchtung» und «Gattungspolitik» inzwischen als Missverständnis zurückweisen: gleichwohl lief er wie ein Warn- und Tarnmuster durch seine Elmauer Rede. Und überhaupt – allzu bescheiden ist dem Assoziationskünstler die Rolle des reinen Betrachters von Zivilisation. Er sieht sich als Gestalter. Er kennt – dafür – den Effekt von Wort und Bild. Er will eingreifen. Fragt sich bloss: wie?

Wohl kaum ist bisher bedacht worden, dass der Philosoph als Schriftsteller auch ein virtuoser Mimetiker ist. Er liest klassische Texte – bald gehören sie nur ihm. Er studiert Vorlagen von Format – schon sprechen sie: für ihn. Nietzsche ist sein Zeuge, Martin Heidegger sein Vorgänger, Oswald Spengler – ein bisschen – sein Agent. – Und es gibt einen weiteren Gewährsmann, in dessen Prosa fast alles vorgebildet scheint, was Sloterdijk hier und heute zu uns sagt.

Auch Gottfried Benn war des Materialismus seiner Epoche überdrüssig, beklagte den Nihilismus der bürgerlichen Welt und zeigte Verachtung für den «flachschichtigen» Montagetyp. In den zwanziger Jahren pries er den Artisten und die subversive Einsamkeit. In den dreissiger Jahren verstieg er sich in Träume von Züchtung. Später dann, böses Erwachen; vertiefte Resignation. – Aber auch Benn war kein platter Vitalist. Als er ans Züchten dachte, dachte er an Geist. «Gehirne» sollten antreten gegen des Lebens stumpfen Sinn.

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Fremdgehen und Selbstdenken und zurück. Vielleicht ist es – noch mehr als anderes – dies, woraus Peter Sloterdijk mit kräftiger Wirkung schöpft. Er repetiert dem für immer unerlösten Jahrhundert dessen Geschichten, als ob er sie nochmals erfunden hätte: einmal der vergnügte Dämon, einmal der Therapeut. Gewiss; von den belles-lettres zur Belletristik ist oft nur ein kleiner Schritt. Aber Sloterdijk kann es. Er kennt die Gefühlslagen, er nennt die Probleme. – Die reale Herausforderung ist der Strukturwandel der Öffentlichkeit. Die Funktion einer ästhetisch gewordenen Philosophie für diesen Wandel hat Bruder Benn hingegen so umschrieben: «. . . nutzlose Blüten, machtlose Flammen und dahinter das Undurchdringliche mit seinem grenzenlosen Nein.»

Martin Meyer

 

© Neue Zürcher Zeitung - 20.09.1999

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