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Pius Segmüller – Chef der Schweizergarde

pi. Der Mensch und die Sicherheit stehen im Mittelpunkt von Pius Segmüllers Leben – aber auch der Glaube, sonst wäre der ehemalige Sekundarlehrer, Instruktionsoffizier, Kongressmanager, Polizeioffizier und Ausbildungsverantwortliche wohl kaum dem Ruf aus Rom gefolgt, das Kommando der päpstlichen Schweizergarde zu übernehmen. Den Katholizismus von Nahem zu erleben und ihn zu vertiefen ist nach wie vor eine der wichtigsten Motivationen für alle Gardisten. Sie ist auch nötig, denn die Aufgaben im Vatikan sind anspruchsvoll, die Arbeitswochen können bis zu 60 Stunden umfassen.

Auf die Nachwuchsförderung legt Segmüller daher grossen Wert. Nachdem er im Juni 1998 von Papst Johannes Paul II. – einen Monat nach dem Mord am damaligen Kommandanten Alois Estermann und dessen Gattin – zum Chef der Schweizergarde ernannt worden war, analysierte er deren Zustand. Eine Folge davon war die Eröffnung einer Informations- und Rekrutierungsstelle Schweiz in Neuhausen, an die sich die jungen Interessierten wenden können. Sie sei mit gutem Erfolg angelaufen, stellt Segmüller befriedigt fest. Viele Jugendliche hätten sich irgendwann einmal mit der Schweizergarde beschäftigt; diese gelte es mit gezielten PR-Aktionen in Rekrutenschulen, an Gymnasien und Seminarien abzuholen. Segmüller will auch ein psychologisches Profil erstellen lassen, um genauer zu wissen, wer sich für die Schweizergarde eignet und wer nicht. Ob dies im Zusammenhang mit der Bluttat im Vatikan steht? Segmüller verneint. Es gehe ihm vielmehr darum, junge Männer zu finden, die länger als zwei Jahre in Rom bleiben möchten; er brauche Kaderleute. Eine klarere, personifizierte Rekrutierung, die nicht mehr nur auf Aktenentscheiden beruhe, bringe beiden Seiten mehr und sei zeitgemäss.

Trotz dem massiv gesteigerten Medieninteresse und der gelegentlich geäusserten Kritik im Mai vergangenen Jahres wurde das Weiterbestehen der Schweizergarde nie ernsthaft in Frage gestellt. Zwar hatten gewisse Länder dem Vatikan ihre Sicherheitsdienste anerboten. Kurz nach der Tat hatte der Papst jedoch sein Vertrauen in die Schweizergarde bekräftigt: Einem einzigen schwarzen Tag stünden 500 Jahre gemeinsam verbrachte Geschichte gegenüber. Diese Worte haben ihre Wirkung auf Segmüller nicht verfehlt, der das immense Vertrauen des Papstes in die helvetische Institution à tout prix nicht enttäuschen möchte. In der päpstlichen Entourage und im Vatikan geniessen die Gardisten wegen ihrer Höflichkeit und ihrer Zuvorkommenheit ein hohes Ansehen. Zwar gebe es gewisse Würdenträger, wie Segmüller mit einem Lächeln festhält, die lieber einen italienischen als einen schweizerischen Sicherheitsdienst hätten. Es wäre wohl so, wie wenn italienische Uniformierte das Bundeshaus schützen und bewachen würden . . .

Für die meisten Rombesucher gehören die bunt bekleideten Gardisten mit ihren museal wirkenden Hellebarden ebenso auf das Erinnerungsphoto wie Michelangelos «Moses» oder die Spanische Treppe. Doch das pittoreske Stück Tradition, das vor allem im Ehrendienst sichtbar wird, ist nur der eine, der kleinere Teil des Aufgabenbereichs. Die Gardisten haben primär für die Sicherheit des Papstes zu sorgen und setzen dafür im Notfall ihr Leben aufs Spiel. Dies erfordert besonders viel Sensibilität, wie Segmüller betont. Man könne während der Messen, bei Audienzen und Empfängen nicht mit einem Maschinengewehr neben dem Papst stehen, das sei nicht schicklich. Die Waffen dürfen nicht sichtbar, müssen aber effizient sein. Dies erfordert nebst dem Know-how des technisch Möglichen viel Fingerspitzengefühl. Die Aus- und Weiterbildung soll durch die geplante engere Zusammenarbeit mit der Schweizer Armee und den Polizeikorps verbessert und verstärkt werden.

Eine grosse Aufgabe kommt im heiligen Jahr 2000, in dem grosse Pilgerströme erwartet werden, auf die Schweizergarde zu. Die Mehrarbeit soll mit Hilfe von ehemaligen Gardisten bewältigt werden. Bereits haben sich deren 50 für einen mehrwöchigen Ordnungs- und für den Innendienst angemeldet; weitere 70 Ex-Gardisten haben ihr Interesse bekundet. Für Segmüller widerspiegelt dies die tiefe Verbundenheit mit der Schweizergarde und die guten Erinnerungen an die im Vatikan verbrachte Zeit. Es sei tatsächlich eine ungewöhnliche Zeit, die er und seine Familie in Rom verbringen. In den ersten Wochen, als Segmüller noch keine feste Wohnung hatte, musste er jeden Tag den Petersdom durchqueren, um zum Arbeitsort zu gelangen. Sowieso – die historischen Kulissen, die Kultur und die vielen grossartigen Menschen, denen man im Vatikan begegne, seien schlicht einzigartig. Das vergesse man nie – vor allem nicht die Zusammentreffen und die Gespräche mit dem Papst, dessen Charisma und natürlichen Umgang mit jedermann Segmüller zutiefst bewundert.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 25.09.1999

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