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Resignation bei den deutschen Bischöfen

Gründung einer Laienstiftung zur Beratung von Frauen

Die Laienorganisation der deutschen Katholiken hat am Freitag einen Verein mit dem Namen «Donum vitae» vorgestellt, der eine Beratung abtreibungswilliger Frauen durch katholische Einrichtungen auch nach dem päpstlichen Verdikt sicherstellen soll. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Lehmann, sagte unterdessen, es bleibe jedem Bischof überlassen, wann er den von Rom geforderten Ausstieg aus dem staatlichen System vollziehe.

eg. Berlin, 24. September

Das in der Frage der Beratung schwangerer Frauen tief gespaltene deutsche Episkopat hat sich nicht auf eine gemeinsame Stellungnahme zum jüngsten Brief des Vatikans im Abtreibungsstreit einigen können. Am Gehorsam der Bischöfe gegenüber dem Papst besteht aber kein Zweifel. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Lehmann, sagte am Freitag, er sehe nach dem Votum des Vatikans keinen Spielraum für eine von den apostolischen Vorgaben abweichende Haltung. Rom hatte die deutschen Bischöfe aufgefordert, die als Voraussetzung für einen straffreien Abbruch dienenden Bestätigungen über ein Beratungsgespräch künftig nicht mehr auszustellen.

Gewissensnöte der Seelenhirten

In diesem Sinne nahm die Bischofskonferenz ihren im Juni gefassten Würzburger Beschluss zurück, der das Verbleiben der katholischen Kirche im staatlichen System der an ein obligatorisches Gespräch gekoppelten Fristenlösung sichern sollte. Die Amtskirche wird sich daher mit einer Übergangsfrist von einigen Monaten aus der Beratung abtreibungswilliger Frauen zurückziehen müssen, auch wenn einzelne Bischöfe auf Zeit spielen. Lehmann sagte, es liege nun am einzelnen Bischof, ob er ab sofort in seiner Diözese keine Bestätigungen mehr ausstellen lasse. Damit wird das katholische Deutschland in der Abtreibungsfrage für eine Übergangszeit zweigeteilt. Konservative Bischöfe dürften umgehend dem Vorbild des Fuldaer Oberhirten Dyba folgen, in dessen Diözese Frauen bereits seit einiger Zeit das umstrittene Dokument nicht mehr erhalten. Der Kölner Erzbischof Meisner teilte am Freitag mit, in seinem Bistum werde es keine Bescheinigungen mehr geben, die eine Abtreibung ermöglichten.

Einzelne liberale Bischöfe sollen hingegen laut Zeitungsberichten deutlich gemacht haben, dass sie an dem Beratungsschein vorläufig festhalten und hoffen, den Papst in persönlichen Gesprächen doch noch zu einem Sinneswandel bewegen zu können. Im Zwiespalt zwischen der Gehorsamspflicht gegenüber Rom und der Überzeugung, das Modell der obligatorischen Beratung sei die noch am ehesten zu tolerierende Form der Abtreibungspraxis, tun sich nicht wenige Bischöfe schwer mit einer Entscheidung – auch wenn ausser Frage steht, wohin sich die Waagschale letztlich neigen wird. Der Essener Bischof Luthe sagte: «seit ich Bischof bin, bin ich keiner Gewissensentscheidung ausgesetzt gewesen wie dieser.»

Enttäuschter Lehmann

Der Streit hat die deutschen Katholiken aufgewühlt, wie sich auch an den bitteren Worten Lehmanns ablesen liess. In der Abschlusspressekonferenz zur Vollversammlung der Bischöfe in Fulda machte der sonst so konziliante Kirchenpolitiker deutlich, dass er sich von allen Seiten im Stich gelassen fühlt: von den Medien, die kein gutes Haar an den Bemühungen der Bischöfe gelassen hatten, in Würzburg einen Kompromiss zustande zu bringen; von den konservativen Amtsbrüdern, die den Vatikan zum abermaligen Eingreifen gedrängt hatten; und schliesslich vom Papst selbst. Lehmann unterstrich, die Kurie habe durch ihren Nuntius zunächst die Würzburger Lösung gutgeheissen. Die Bischöfe hatten damals entschieden, den Beratungsschein mit dem Zusatz zu versehen, das Papier könne nicht für einen straffreien Abbruch verwendet werden, die Betroffenen aber zugleich aufgefordert, diese Klausel zu ignorieren. Nach dem Beschluss habe der Vatikan, so Lehmann, eine Kehrtwende vollzogen und die Zustimmung wieder zurückgenommen.

Selbstkritik war indes vom Mainzer Bischof, der mit seiner Politik im Abtreibungsstreit kompletten Schiffbruch erlitten hat, nicht zu vernehmen. Den wegen der offenkundigen Widersprüchlichkeit weitherum als «Scheinlösung» apostrophierten Würzburger Versuch, sich mit semantischen Kunstgriffen aus der misslichen Lage zu befreien, stellte Lehmann nicht in Frage.

Die Laien in der Offensive

Während das Episkopat mit dem Verdikt aus Rom noch hadert, schritten die Laien bereits zur Tat. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken will sicherstellen, dass auch künftig der Kirche nahestehende Einrichtungen den inkriminierten Schein ausstellen und so eine Anlaufstelle für zur Abtreibung entschlossene Frauen bleiben. Der Vorsitzende des Zentralkomitees, Meyer, erklärte am Freitag, katholische Laien hätten zu diesem Zweck den Verein «Donum vitae» gegründet. Vorsitzende des Vereins sei die frühere Präsidentin des Zentralkomitees, Waschbüsch. Rechtlich von der Amtskirche unabhängig, betont die neue Organisation zugleich ihre katholische Herkunft. Politiker aller Parteien haben dem Verein, dessen Finanzierung noch ungeklärt ist, ihre Unterstützung zugesagt.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 25.09.1999

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