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Konfessionen

Systematische Theologie in Selbstdarstellungen

Wer sich vom heutigen Zustand der theologischen Kerndisziplin ein Bild machen will, der greife zum UTB-Bändchen «Systematische Theologie der Gegenwart in Selbstdarstellungen». Neunzehn Professoren der genannten Disziplin, alle vor 1945 geboren und die meisten noch im Amt, haben den Herausgebern nebst einer Photographie eine zirka zwanzigseitige Darstellung ihrer Biographie und ihres Werkes zum Abdruck gegeben. Auch wenn dabei einige Prominente fehlen und Schweizer anscheinend ungefragt blieben, so ergibt diese theologische Versammlung in Buchform doch einen lebendigen, informativen und auch repräsentativen Einblick in die zeitgenössische Systematische Theologie deutscher Zunge.

In autobiographischen Texten gibt man, selbstredend, viel von sich preis. Das Surplus für aufmerksame Leser liegt darin, dass die Autoren mehr von sich offenbaren, als sie steuern können. Das gilt auch für die hier vorliegenden wissenschaftlichen Selbstdarstellungen, obwohl man in dieser Textsorte ja nicht eine «Nacktlegung des Herzens» erwarten darf. Neben dem Geschriebenen ist auch das Beschwiegene beredt, und zwischen den Zeilen findet sich einiges, auch wenn da nichts bewusst hinterlegt wurde: Wie wird der eigene Lebens- und Denkweg beschrieben? In der Form eines biederen Aufsätzchens für das Fakultätsalbum? Sind Spurenelemente der Augustinschen oder Rousseauschen Konfessionen zu finden? Und was wird hinter dem Selbstporträt an soziokulturellem Umfeld und an kulturell-soziologischem Reflexionshorizont sichtbar? Etwa nur das Universitätsmilieu, oder hat die dunkle Geschichte dieses Jahrhunderts ihre Spuren im theologischen Denken hinterlassen?

Breites Band

Der erste Leseeindruck: eine erstaunliche Bandbreite von Charakteren, Positionen und Stillagen. In einer Kategorie für sich steht Eberhard Jüngels Text. Seiner strengen Überzeugung nach kann allein die theologische Existenz interessieren. Fast so rigid wie Heidegger, der eine Aristoteles-Vorlesung mit der Kurzbiographie «Aristoteles wurde geboren, lebte und starb» eröffnet haben soll, komprimiert Jüngel seine autobiographische Skizze auf vier Seiten, auf denen allerdings signifikante Grunderfahrungen festgehalten sind: Die christliche Kirche war für ihn innerhalb der stalinistischen DDR einer der wenigen Orte, wo die Wahrheit gehört und gesagt werden konnte. Das motivierte ihn, gegen den Widerstand des Vaters, zur Theologie. In knappen Worten zeichnet Jüngel seinen Weg zum Studium, zu den Professuren in Ostberlin und schliesslich in Zürich und Tübingen nach, bevor er auf siebzehn Seiten eine (schon anderswo publizierte) Darstellung seiner Theologie gibt – pur, ohne biographisches Bindegewebe sozusagen. Es handelt sich um ein Credo in nuce, eine neunfache Variation des Satzanfangs «Ich glaube, darum . . .» tue ich dies und das – aber eben natürlich nicht einfach dies und das, sondern durchgeführt an den existentialen Leitverben: reden, hören, staunen, denken, unterscheiden, hoffen, handeln, sein und schliesslich leiden.

Alle anderen Texte zeigen eine stärkere Verbindung von Lebensgeschichte und Denkweg. Auf besonders eindrückliche Weise scheint dies bei den sonst so unterschiedlichen Theologen Trutz Rendtorff und Wolf Krötke gelungen. Ein Glanzstück ist Rendtorffs westdeutscher Bericht, fast eine kleine Gesellschafts- und Theologiegeschichte der Bundesrepublik. Anschaulich wird hier beschrieben, wie die Befreiungserfahrung beim Kriegsende zu einer Öffnung gegenüber den Prinzipien liberaler Gesellschaften und angelsächsischer Rechtskultur führte, wodurch Rendtorffs Theologie geprägt wurde: Mit seiner Kritik an den antiliberalen Traditionen in Theologie und Kirche hat er Wesentliches zu deren Zivilisierung und Modernisierung beigetragen und als positives Gegenstück eine ethische Theologie entwickelt. Für Rendtorff ist Ethik anthropologisch in der appellativen Verfasstheit menschlicher Subjektivität begründet; als Theorie verantwortlicher Lebensführung verstanden, wird sie von ihm im Horizont christlicher Deutungen des Lebens ausgelegt und präzisiert.

Enger Horizont

Ganz anders – und doch ebenso anschaulich und eindrücklich theologisches Denken mit einem wahrnehmungsgenauen Blick auf politische wie kirchliche Realitäten verbindend, ist der ostdeutsche Erfahrungsbericht Wolf Krötkes. Sein Theologiestudium wurde abrupt unterbrochen, als er wegen eines im Hörsaal liegengebliebenen «staatsgefährdenden» Spottverses für 21 Monate ins berüchtigte Zuchthaus Waldheim musste. Dass der christliche Glaube ihm hier gegen Entwürdigung und Demütigung half, ja ein «menschlich machender Reichtum» war, während viele seiner Mitinsassen dergleichen nicht hatten und innerlich schutzlos waren – diese Erfahrung bewog ihn, nun doch gerade in dieser DDR Pfarrer werden zu wollen: Christen seien in einer solchen Gesellschaft nötig.

Er studierte an einem kirchlichen Seminar, danach am Ostberliner «Sprachenkonvikt» – beides staatlich nicht anerkannte Institutionen. Er wurde Pfarrer, Studentenpfarrer und schliesslich Dozent am «Sprachenkonvikt». Trotz aller erfahrenen Repression, mit der die Staatsmacht nicht gespart habe, trotz seinem klaren Blick für die innerliche Verödung auch in den Kirchen der DDR atmet sein Bericht eine Art nüchterner Fröhlichkeit. Sie stammt aus der Überzeugung, in schwieriger Umwelt für eine Wahrheit eingestanden zu sein und weiterhin einzustehen, die ins Licht führt und zum Leben verhilft. Unter diesem Stichwort steht der zweite Teil seines Textes, der zu den eindrücklichsten Seiten des ganzen Buches gehört: Gegen einen ideologischen Anspruch auf totalen Wahrheitsbesitz ebenso wie gegen einen wohlfeilen Relativismus, der die wichtigsten Perspektiven unseres Lebens entwerte, sei die Wahrheit, der sich die christliche Verkündigung verdanke, dadurch ausgezeichnet, dass sie «das Wirkliche . . . ins Licht stellt» und Menschen verändere. Diese werden «selber wahr, d. h., sie werden offenbar und verlässlich im Hinblick auf Gott und auf die Welt, dass sie sich nicht mehr in eine lügenhaft zurechtgestellte Wirklichkeit zurückziehen müssen».

Die Verbindung von persönlicher Erfahrung, von theologischer Reflexion und kulturell-politischer Zeitgenossenschaft ist bei den anderen Selbstberichten (die hier unvermeidlicher- und ungerechterweise nicht einmal mehr gestreift werden können) nicht so ausgeprägt: Oftmals ist der Horizont enger gezogen auf die eigene Karriere, es werden unterschiedlich gut verdauliche Kondensate eigener Publikationen geboten; und manchmal geht es nicht ohne Peinlichkeit ab, etwa wenn ein stilistisch nicht gerade brillanter Systematiker kolportiert, ein älterer Musiker habe ihm das Kompliment gemacht, er höre seine Vorlesungen «streckenweise wie Kompositionen von Johann Sebastian Bach» – streckenweise.

Aufs Ganze gesehen macht es jedoch den Reiz dieses Sammelbandes aus, hinter den Büchern Menschen mit individuellen Lebenserfahrungen und Charaktere zu Gesicht zu bekommen. Was über die neunzehn wissenschaftlichen Selbstdarsteller sonst noch alles in und zwischen den Zeilen stecken mag (nämlich erfreulich viel), das werden die geneigten Leserinnen und Leser selber herausfinden.

Niklaus Peter

 

Christian Henning, Karsten Lehmkühler (Hrsg.): Systematische Theologie der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 1998. 401 S., Fr. 32.50.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 28.09.1999

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