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Religiöse Vertiefung der Annäherung in der Ägäis

H. G. Athen, 27. September

Die griechisch-türkische Annäherung der letzten Wochen – ausgelöst durch die geteilte Erfahrung der Erdbeben und bekräftigt durch die gegenseitig spontan gewährte Nothilfe – hat Anfang der Woche auch eine religiöse Vertiefung erfahren. Dies kann angesichts der engen Verflechtung von Griechentum und ostchristlicher Orthodoxie sowie der neuesten Rückbindung einer unter Atatürk äusserlich europäisierten Türkei an ihre islamischen Wurzeln auch politisch nicht hoch genug veranschlagt werden. Am Sonntag hatte die amerikanische Aussenministerin Albright in einem Interview in der führenden griechischen Tageszeitung «Kathimerini» (Tagblatt) erklärt, dass die Wiedereröffnung der 1971 vom türkischen Unterrichtsministerium geschlossenen orthodoxen Theologischen Hochschule von Chalki auf der Insel Heybeli im Marmarameer zu einem der Fundamente der Aussöhnung zwischen Griechenland und der Türkei gehöre.

Grenzüberschreitende Rolle

In der Folge begrüsste der Istanbuler ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., am Montag bei einem Besuch auf der griechischen Insel Leros das neue Zusammenfinden von Griechen und Türken. Er unterstrich die gemeinsamen Bande und Verantwortungen aller Gottgläubigen angesichts der Herausforderung durch das neue Jahrtausend. Bei einer diese Woche stattfindenden Tagung «Die Orthodoxie an der Jahrtausendwende» auf Leros spielen die Beziehungen der Orthodoxie zu Islam und Judentum eine wichtige Rolle. Auf Leros, das – wie die anderen Inseln des Dodekanes – nicht der nationalen Orthodoxie des modernen Griechenland, sondern dem traditionellen orthodoxen Kirchenzentrum im Phanar von Istanbul zugehört, verwahrten sich Bartholomaios ebenso wie sein lokaler Oberhirte Nektarios gegen alle Bestrebungen, dieses und andere Insel-Bistümer im griechisch- türkischen Grenzland Konstantinopel zu entwenden und Athen einzuverleiben. Beide sprachen davon, dass die ökumenische, grenzüberschreitende Rolle des Istanbuler Patriarchen zwischen der Türkei und Griechenland gerade in dieser historischen Stunde gewahrt werden müsse.

Religionsfrieden in der Ägäis

Parallel dazu ist aber erstmals auch ein Oberhirte der orthodoxen Landeskirche von Griechenland der Türkei und ihrer muslimischen Bevölkerung nähergekommen. Diese griechische Orthodoxie umfasst nur einen Teil des heutigen Staatsgebietes, während Kreta, die Inseln des Dodekanes mit Patmos, Rhodos und Leros sowie die meisten nordgriechischen und anderen Insel-Bistümer weiter dem Patriarchen in Istanbul unterstehen. Griechenlands Kirche gilt innerhalb der orthodoxen Glaubensfamilie als besonders konservativ und nationalistisch. Auf diese Linie schien bisher auch ihr 1998 neu bestellter Oberhirte festgelegt zu sein, Erzbischof Christodoulos von Athen und ganz Griechenland. Bei einem Besuch im seit 1920 griechischen West-Thrakien, wo eine starke muslimische Bevölkerung lebt, hat er sich aber nun erstmals für ein brüderliches Verhältnis von orthodoxen Griechen und islamischen Türken ausgesprochen: «Unsere Religionen verehren beide den einen Gott und sind daher zum Frieden untereinander bestimmt.»

 

Christian Henning, Karsten Lehmkühler (Hrsg.): Systematische Theologie der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 1998. 401 S., Fr. 32.50.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 28.09.1999

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