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Assisis Basilika bald wieder im alten Glanz

Restauration nach Erdbebenschäden vor dem Abschluss

sdl. Assisi, im Sept.

Als erstes fallen schon bei der Anfahrt aus der Ebene nach Assisi hinauf die unzähligen Baukräne auf, die in den blauen frühherbstlichen Himmel ragen. In der Stadt sind Dutzende von Gebäuden von massiven Gerüstbauten umgeben, darunter der riesige Komplex der Basilica di San Francesco mit den beiden Kirchen und dem Sacro Convento di Assisi. Bei dieser Anlage stehen die Arbeiten zur Behebung der Schäden, die das schwere Erdbeben vor zwei Jahren angerichtet hat, kurz vor dem Abschluss. Es ist vorgesehen, dass sich der Papst Ende November nach Assisi begeben wird, um mit einer feierlichen Weihe das Ende des gewaltigen Restaurationsprojekts zu begehen.

Die durch das Beben schwer beschädigte Oberkirche des Basilika-Komplexes soll auf diesen Zeitpunkt hin in neuem Glanz erstrahlen und dann auch für Pilger und Besucher wieder zugänglich sein. Im Hinblick auf die näherrückende Wiedereröffnung dieses aus dem 13. Jahrhundert stammenden Prachtbaues haben sich in diesen Tagen im umbrischen Wallfahrtsort Kunsthistoriker, Restauratoren sowie die leitenden Verantwortlichen der Instandstellungsarbeiten zu einem Kolloquium eingefunden, um über Aspekte und Probleme ihrer heiklen Aufgabe zu diskutieren sowie ferner über Einsichten, die sie daraus für die kunstgeschichtliche Forschung gewonnen haben. Giovanna Melandri, die für die Pflege der Kulturgüter des Landes zuständige Ministerin im Kabinett Ministerpräsident D'Alemas, hat bei dieser Gelegenheit Journalisten zu einem Augenschein in der Oberkirche eingeladen.

Entgegen den ersten Befürchtungen, die nach den Erdstössen am 26. September 1997 gehegt wurden, blieben etwa Giottos Fresken, welche die Seitenwände des Kirchenschiffes im oberen Gotteshaus zieren, praktisch unbeschädigt. Durch den Einsturz von zwei Deckengevierten wurde in der Kirche damals eine riesige Menge Staub- und Schuttpartikel aufgewirbelt, die sich wie ein feiner Film auf den Gemälden festsetzten. Diese Schmutzschicht wurde in aufwendiger und delikater Feinarbeit während der letzten zwei Jahre entfernt. Weit fortgeschritten sind auch die Arbeiten zur Rettung beziehungsweise Teilrekonstruktion von Fresken Cimabues sowie unbekannter Meister, die durch den Einsturz von Teilen der Decke in Zehntausende kleinster Stücke auseinanderbrachen. Diese liegen in Plasticbehältern säuberlich nach Farben und anderen Merkmalen geordnet im Atelier, wo versucht wird, sie unter Zuhilfenahme von Computerprogrammen wieder zum Original zusammenzusetzen.

Die Fachleute äussern sich optimistisch, schränken allerdings ein, dass bei der Wiedereröffnung der Kirche in zwei Monaten vorläufig erst zwei Bilder ihren alten Platz einnehmen würden. Dabei handelt es sich um Abbildungen der Heiligen Ruffino und Vittorino über dem Eingangsportal, die unbekannten Künstlern aus der Schule Giottos zugeschrieben werden. Am schwersten in Mitleidenschaft gezogen wurden Fresken auf den beiden eingestürzten Deckengewölben, die von Cimabue sowie eventuell Giotto beziehungsweise dessen Schülern stammen und die den Evangelisten Matthäus sowie den heiligen Hieronymus darstellen. Insgesamt betreffen die Reinigungs- und Restaurationsarbeiten Wandbilder, die einer Fläche von über 5000 Quadratmetern entsprechen.

Eine weitere schwierige Aufgabe, die mittlerweile ebenfalls praktisch abgeschlossen ist, bestand weniger in der Reparatur als vielmehr in der anschliessenden Sicherung des massiven Deckengewölbes, nachdem riesige Mengen an Füll- und Schuttmaterial entfernt worden waren. Zu diesem Zweck wurden auf die Gewölberücken aus synthetischen Fasern hergestellte Streifen geleimt, welche die Struktur zusammenhalten sollen. Daraufhin wurden die Gewölbe selber beziehungsweise deren Rippen mittels Federn mit dem Dach verhängt. Das Vorgehen entspricht einer Technik, wie sie seit längerem etwa beim Bootsbau Anwendung findet; der Unterschied besteht allerdings darin, dass sich die Rippenkonstruktion bei Booten im Innern befindet und darauf dann die Schale befestigt wird, während bei der Sicherung der Kirchengewölbe in Assisi die Kunstfaserrippen den Halt von aussen geben.

Ferner mussten im gesamten Bereich der Anlage die Fundamente des Mauerwerks gefestigt und verstärkt sowie die durch die Erdstösse verursachten Mauerrisse repariert werden. Unversehrt geblieben ist lediglich die Unterkirche, die das Grab des heiligen Franziskus beherbergt. Dasselbe gilt im übrigen für die Farbglasfenster in der Oberkirche, die von italienischen, deutschen und französischen Meistern stammen und die als die älteste und umfassendste Kollektion in Italien gelten. Dies verdanken die Scheiben nach Auskunft der Fachleute dem Umstand, dass die Bleifüllungen zwischen den einzelnen Glasstücken die Erdstösse aufgefangen haben. Die Kosten für die Restauration der Gesamtanlage der Basilica di San Francesco belaufen sich auf über 55 Milliarden Lire, was mehr als 50 Millionen Franken entspricht.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 30.09.1999

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