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Der Islam als Teil europäischer Kultur

Aufruf zu einem Dialog der monotheistischen Religionen

«Es hat im Westen immer eine Tendenz gegeben, den Islam aus der kulturellen Sphäre auszuschliessen, in der die Menschenrechte verfasst und verkündet wurden und ihre Bedeutung bewahren.» Als Mohammed Arkoun, der einst an der Sorbonne islamische Ideen- und Kulturgeschichte lehrende gebürtige Algerier, diesen Satz niederschrieb, verkündete fast gleichzeitig der amerikanische Politologe Samuel Huntington seinen auf landläufigen Feindbildern beruhenden «Zusammenprall der Kulturen» in der Art einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Er prognostizierte einen clash zwischen dem Westen und dem Islam. Ganz im Gegensatz zu Huntington plädiert Arkoun für einen Dialog der Kulturen und zeigt, wie alle drei monotheistischen Religionen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.

Der Autor vertritt in 24 Kapiteln eine These, die ungewöhnliche Antworten auf gewöhnliche Fragen gibt. Sein Vorgehen ist sowohl transhistorisch und transkulturell als auch historisch, soziologisch und anthropologisch. Er behauptet, dass eine Neubewertung des Islams von sozialen und politischen Kräften, welche die Thematik und die ideologischen Orientierungen der gesellschaftlichen Debatte diktierten, verzögert und abgelehnt werde. Somit werde imaginären Konfrontationen mehr Platz eingeräumt als einer Klärung der Streitpunkte. Dieses Imaginäre sei seit den fünfziger Jahren in bezug auf den Islam von den Medien bestimmt worden. Diese Fehleinschätzung betreffe nicht nur die aktuellen Ereignisse. Alle tiefgreifenden politischen, sozialen oder anderen Schwierigkeiten dieser Gesellschaften würden einzig und allein dem Islam zugerechnet. Arkoun stützt diese Aussage mit dem Hinweis auf die Vermittlung des Islams in seiner fundamentalistischen Variante, die das muslimische Imaginäre von heute dominiere. Es stehen sich also zwei Vorstellungswelten unversöhnlich gegenüber.

Für solche falschen Wahrnehmungen macht Arkoun die Human- und Sozialwissenschaften direkt verantwortlich, da sie Streitfragen, welche die Theologie hinterlassen habe, als Probleme der religiösen und anthropologischen Geschichte ignorierten. Der Westen sehe den Islam immer gesondert von der Kultur und dem Denken Europas. Die Auseinandersetzung damit sei zur Orientalistik marginalisiert worden, die der Autor als eine nebulöse Wissenschaft bezeichnet. Die Verwechslung des Islams als Religion mit dem Islam als historischem Rahmen für die Entfaltung einer Kultur und Zivilisation habe sich bis heute erhalten und sei sogar noch komplexer geworden.

Arkoun erstrebt mit seiner Untersuchung die Wiederherstellung einer angemessenen historischen Sicht der politischen, wirtschaftlichen und strategischen Interessen, die im Mittelmeerraum immer wieder zum Krieg geführt haben. Er will die Akkumulation des Ungedachten und des Undenkbaren im islamischen Denken ins Bewusstsein rücken. Dabei müsse die historische Situation der letzten 30 Jahre überdacht werden, da es sich um den Triumph des sozial Imaginären handle, das als Islam bezeichnet werde, aber in Wirklichkeit nur das irreversible Wirken politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Säkularisierung verheilige. Arkoun plädiert für ein Näherkommen der beiden Kulturkreise. Das Nein, das der «politische» Islam den aggressiven Formen des erobernden Westens entgegenhalte, könne nicht das letzte Wort sein.

Der dargebotene Inhalt ist keine leichte Kost. Der Leser wird, abgesehen von den üblichen Informationen zum Islam, in ein komplexes Gefüge von Religions-, Kultur-, Sozial-, Wirtschafts- und Weltgeschichte eingeführt. Der Islam steht hier gleichberechtigt neben Juden- und Christentum. Er steht beiden in nichts nach. Seine Lehre, seine Dogmen, Moral und Ethik, sein Menschenbild sowie sein Beitrag zur Wissenschaft und Philosophie sind unbestritten, fallen aber zu oft unter den Tisch, wenn «der Islam» wieder einmal an den Pranger gestellt wird. Arkoun zeichnet ein differenziertes Weltbild, das nicht von Schwarzweissdarstellungen geprägt ist.

Ludwig Watzal

Mohammed Arkoun: Der Islam. Annäherung an eine Religion. Vorwort von Gernot Rotter. Aus dem Französischen. Palmyra-Verlag, Heidelberg 1999. 294 S., Fr. 33.–.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 04.10.1999

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