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«Körperwelten» und Pietät

Der Umgang mit den Toten und die Würde der Lebenden

Von Kurt Seelmann*

Soll man technisch perfekt präparierte tote menschliche Körper und Körperteile für die Öffentlichkeit ausstellen? Oder ist dies pietätlos? Der Streit darüber begleitet die Ausstellung «Körperwelten» ( NZZ vom 15. 9. 99), die derzeit in Basel gezeigt wird und davor in Mannheim, Tokio und Wien zu sehen war. Er rührt an ein grundlegendes Problem in Recht und Ethik.

 

Recht und Ethik tun sich mit menschlichen Leichen ziemlich schwer. Leichen sind nicht mehr Personen, sind also keine Subjekte des Rechts mehr, haben weder einzelne Rechte noch die Rechtsfähigkeit. Aber Sachen, an denen andere Eigentum haben, sollen sie doch auch nicht sein, mindestens nicht bis zum Ende der normalen Verweilzeit auf Friedhöfen. Selbst der Anatomie, falls sie den Leichnam erhalten hat, gesteht man in dieser Zeitspanne kein wirkliches Eigentum zu, sondern nur ein eigentumsähnliches Recht. Sogar das Strafrecht nimmt sich der Toten an: Wegen übler Nachrede und Verleumdung gegenüber Verstorbenen kann man sich gar bis 30 Jahre nach dem Tod strafbar machen (Art. 175 StGB). Und auch die Störung der Totenruhe, etwa durch Verunehrung oder öffentliche Beschimpfung des Leichnams, wird bestraft (Art. 162 StGB).

Eine seltsame Zwischenstellung also zwischen Subjekt und blossem Objekt des Rechts kennzeichnet den verstorbenen Menschen. Man kann sich vorstellen, welch vielfältige juristische Schwierigkeiten daraus resultieren – z. B. wenn sich die Angehörigen nicht an bestimmte Wünsche des Verstorbenen zu Lebzeiten bezüglich der Bestattung halten, wenn eine Obduktion ohne Einwilligung durchgeführt wird, wenn der Verstorbene immer gegen eine Organspende war, die Angehörigen einer solchen aber zustimmen (oder umgekehrt), wenn der Leichnam aus der Anatomie «gestohlen» wird (ist es überhaupt Diebstahl?) oder wenn man Crash-Tests mit Leichen veranstaltet, um Autos sicherer zu machen.

Soll man diesen Knoten durchschlagen, indem man – wie der Deutsche Bundesgerichtshof – einfach von einem «postmortalen Persönlichkeitsrecht» ausgeht, das auch dem Leichnam (oder dem «Persönlichkeitsrest») noch ein ganz fundamentales Recht zugesteht? Auch das Schweizerische Bundesgericht ist im Fall Barschel, beim Eindringen von Journalisten in den Genfer Sterberaum des deutschen Politikers, einen Schritt in diese Richtung gegangen. Indessen wird ein solches Recht, wo man es anerkennt, sehr eng ausgelegt und kann naturgemäss vom «Berechtigten» gar nicht ausgeübt werden. Spricht man von einem solchen Recht, so bedient man sich eher einer «façon de parler», die nur das Problem beschreibt, dessen Lösung zu sein sie vorgibt.

Der Ethik geht es da nicht viel besser. Gegenüber dem Recht ist sie zwar freier in der Debatte über moralische Pflichten auch gegenüber noch gar nicht Lebenden, ja selbst gegenüber der Natur und ihren Erscheinungsformen – so sehr hier vieles ganz grundsätzlich in Streit steht. Sie könnte also auch moralische Pflichten gegenüber Verstorbenen postulieren, wäre um deren Inhalt aber gleichwohl verlegen, erst recht aber um deren Begründung. Unterstellen wir aber einmal als konsensfähigen Minimalinhalt einer solchen moralischen Verpflichtung die genannten Strafrechtsnormen, wonach man Verstorbene – jedenfalls für geraume Zeit – nicht unzulässig in ihrer Ehre erniedrigen darf, so fragt sich doch, im Recht wie in der Ethik, wen man damit wirklich schützen will.

Wer wird geschützt?

Wäre es tatsächlich der Verstorbene selbst, so könnte man nicht ganz verstehen, warum er nur für begrenzte Zeit geschützt sein soll. Noch eine weitere Überlegung weckt Zweifel daran, ob wir wirklich den Verstorbenen schützen wollen: Hätte dieser etwa aus irgendeiner Laune heraus zu Lebzeiten bestimmt, man möge seinen Leichnam nach dem Tod wilden Tieren vorwerfen, so würden unsere moralische Intuition und auch unser Rechtsgefühl sehr deutlich dagegensprechen, es zu tun. Und das, obwohl der Verstorbene doch nur seinen Willen erhielte. Wären es die Angehörigen in ihrem Pietätsempfinden, die man durch solche Vorschriften schützen wollte, so wäre die Pietät von deren Empfindungen abhängig, die in manchen Fällen völlig fehlen können. Der Obdachlose ohne Angehörige wäre schutzlos – ein unerträgliches Ergebnis.

Vielleicht sind es also doch eher Tabuvorstellungen der Allgemeinheit, die wir mit solchen Vorschriften ernst nehmen. Man darf solche Tabuvorstellungen nicht geringschätzen. Selbst das Recht, will es rational sein, muss Arationales beachten und ernst nehmen. Manche Autoren, die sich genauer mit dieser Thematik befassen, sind der Ansicht, dass hier mit rechtlichen und moralischen Pietätsvorstellungen modern gesprochen Interaktionsverhältnisse geschützt werden. Es geht dabei um die Interaktion der Zurückbleibenden untereinander in Beziehung auf den Verstorbenen, um «Trauerarbeit», wie es auch genannt wird, um die Berücksichtigung der Ehre, Selbstachtung, Identität und letztlich Orientierungssicherheit der Zurückbleibenden. Das kann bis zu sehr ferne Stehenden reichen, die durch Erniedrigung des Toten zumindest noch in der Gewissheit erschüttert werden, für die Nachwelt ihrerseits unverletzlich zu sein. Dass Friedhöfe in der christlichen Kultur nach einigen Jahrzehnten eingeebnet werden, lässt sich sogar nur mit einem solchen interaktiven Verständnis von Pietät erklären. Unsere Pietätsgefühle gegenüber konkreten Toten nehmen nun einmal in der Regel mit der Zeit ab, sind z.B. gegenüber ägyptischen Mumien oder «Ötzi» nur noch rudimentär vorhanden.

Von welcher Art muss dann aber die Verunehrung des Leichnams sein, die Recht und Moral zum Einschreiten veranlasst? Konkret: Ist das Zur-Schau-Stellen perfekt präparierter lassowerfender oder schachspielender menschlicher Leichen schon eine Überschreitung der Pietätsgrenze? Jedenfalls im Recht muss man hier äusserst vorsichtig sein. Dass einzelne in ihrer Orientierungssicherheit beeinträchtigt sind, darf noch kein Verbot rechtfertigen: Zu leicht würde sonst der seit der Aufklärung entwickelte Schutz des Einzelnen auch vor den moralischen Zumutungen anderer wieder aufgegeben.

Zu welchem Zweck?

Die traditionelle Anatomie ist heute weitgehend anerkannt, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten eingewilligt hat. Auch da werden Leichen geöffnet, präpariert und nicht selten kunstvoll zur Schau gestellt. Man mag dabei zuerst an die medizinische Ausbildung denken – der gute, sozial anerkannte Zweck besänftigt hier eindeutig unsere Pietätsbedenken. Doch man braucht nur den Artikel «Anatomie» in der französischen Encyclopédie zu lesen, um sich darüber Klarheit zu verschaffen, dass Anatomie als Körperkenntnis für alle schon seit Jahrhunderten propagiert wird. Die anatomischen Museen haben die Umsetzung solcher Überlegungen gefördert. Freilich musste noch die Encyclopédie die entgegenstehenden Pietätsempfindungen damit ruhigstellen, dass sie in der allgemeinen Kenntnis der Anatomie eine Bestärkung im Glauben an ein allmächtiges Wesen sah.

Was unterscheidet «Körperwelten» von anatomischen Museen? Sicherlich die verbesserte Technik der Konservierung, verglichen mit vielen Museen auch die professionellere Art der Präsentation – freilich ist damit auch schon das Problem umschrieben. Wird nicht die feine Linie zur Pietätsverletzung gerade dadurch überschritten, dass es jetzt nicht mehr nur um «Volksbildung», sondern auch um ästhetischen Genuss geht, um die Zur-Schau-Stellung «ohne Not» und mit einem Impetus, der über das rein Pädagogische hinausschiesst: die Leiche als künstlerisches Schaustück? Sicher, auch der lebende Körper wird nicht selten auf die ästhetische Ebene reduziert, man denke an Miss-Wahlen oder die Werbung. Bei der Miss-Wahl ist es freilich nur eine vorübergehende Angelegenheit – wenn es den Beteiligten zu dumm wird, können sie sich daraus zurückziehen. Die plastinierte Leiche kann das noch nach Jahrhunderten nicht. Und die Werbung, die sich auch nur des Bildes vom wenig bekleideten Körper und in der Regel nicht des realen Körpers selbst bedient, ist schon aufs äusserste umstritten.

«Körperwelten» bewegen sich also in einer Konfliktzone unserer Pietätsvorstellungen, rechtlich aus den genannten Gründen zurzeit wohl kaum anfechtbar, moralisch aber nicht ganz unproblematisch. Wir müssen uns freilich eingestehen, dass auch unsere Pietätsvorstellungen historisch bestimmt sind. Solch historisches Relativieren muss kein Freibrief sein, im Gegenteil: Unsere Intuitionen davon, was man mit lebenden und toten Menschen machen darf, raten in den letzten Jahrzehnten zunehmend zur Zurückhaltung. Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts hat man – auch in der Schweiz – Schiessübungen auf die Leichen von Hingerichteten veranstaltet. Und noch danach gab es Zur-Schau-Stellungen von Angehörigen «wilder» Völker im Zoo. Crash- Tests mit Kinderleichen riefen erst vor einigen Jahren Proteste hervor. Könnte es sein, dass sich unsere Pietätsvorstellungen ändern, dass sie strenger werden – in Parallele zur zunehmenden Bedeutung der Würde des lebenden Menschen? Man darf neugierig sein. «Körperwelten» sind ein guter Anlass, darüber nachzudenken.

* Der Autor ist Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Basel.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 04.10.1999

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