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Nietzsches «Grosse Politik»

Ein Kolloquium in Sils Maria

Friedrich Nietzsches Philosophie scheint in mancher Hinsicht ein garstig, weil politisch Lied zu sein. Und ganz verklungen ist es, wie die gegenwärtigen Feuilleton-Spukgeschichten um und mit Peter Sloterdijks Züchtungsphantasien beweisen, beileibe nicht. Aber welchen Stellenwert haben die politischen Äusserungen in Nietzsches Werk nun tatsächlich? Was ist von den Invektiven gegen Demokratie, Herdenmoral, Vermassung zu halten, was von den Gegenkonzepten Aristokratie, Herrenmoral, Züchtung? Ist Nietzsches politisches Denken bloss eine finstere Ausgeburt des letzten Jahrhunderts, die am besten im Monstrositätenkabinett der Geistesgeschichte verschwände? Ja, gibt es bei Nietzsche jenseits der zeitkritischen Polemik überhaupt so etwas wie eine kohärente Theorie des Politischen?

Unbehagen

Diesen Fragen widmete sich letztes Wochenende ein Symposium in Sils Maria, das ein verbreitetes Unbehagen über Nietzsches elitistische Entwürfe zur gesellschaftlichen Reorganisation zu artikulieren und zu differenzieren versuchte. Der bewährte Rahmen des alljährlich im dortigen Hotel Waldhaus abgehaltenen Kongresses beugte einem Abgleiten in die Niederungen der Realpolitik ebenso erfolgreich vor wie unzeitgemässen Plädoyers für ein nietzscheanisches Herrenmenschentum in politicis. Jedenfalls mochte sich keiner der Referenten und kaum einer der Diskussionsteilnehmer dazu durchringen, Nietzsches konkreten Rezepten für die Gestaltung einer künftigen Gesellschaft viel Kredit einzuräumen.

Dass die Mehrzahl der Beiträge statt systematischer oder exegetischer Erörterungen verschiedene Rezeptionen beleuchteten, ist deshalb kein Zufall. Sicher trägt die Instrumentalisierungsgeschichte einen Teil der Verantwortung für die dunklen Konnotationen von Nietzsches politischem Denken. So wenig David Marc Hoffmann (Basel) in seinem Eröffnungsvortrag abstritt, dass dieses Denken selbst eine postume Verwertung in reaktionärer Absicht begünstigte, war es doch erst die rastlose editorische und publizistische Aktivität des Weimarer Nietzsche-Archivs unter der Ägide von Elisabeth Förster-Nietzsche, die eine entsprechende Lesart zur kanonischen erhob. Nietzsches Schwester dürfte freilich mehr aus Opportunismus denn aus ideologischem Fanatismus den Repräsentanten des Faschismus und des Nationalsozialismus die Philosophie ihres Bruders in die Hände gespielt haben. Schon im Ersten Weltkrieg trugen die deutschen Landser eine «Kriegsausgabe» des «Zarathustra» mit sich im Tornister herum – während im feindlichen Lager der Krieg gegen das Deutsche Reich nicht zuletzt als ein Krieg gegen einen imperialistischen Nietzscheanismus verstanden wurde. Nietzsche als Herold von deutschnationalem und später nazistischem Gedankengut entpuppt sich so durchaus auch als Feindbildkonstrukt. Die nationalsozialistischen Hauptideologen konnten sich mit Nietzsche nur bedingt anfreunden.

Von freundschaftlichen Interessen konnte auch auf der Gegenseite kaum die Rede sein. Seit Franz Mehrings Verdikt über Nietzsche als Philosophen des Kapitalismus war es, wie Anatol Schneider (Münster/Berlin) ausführte, unter Sozialisten unschicklich geworden, sich positiv auf Nietzsche zu beziehen, wie es etwa noch eine rebellische SPD-Jugend in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts getan hatte. Georg Lukács sollte 1954 den orthodox-sozialistischen Anti-Nietzscheanismus besiegeln. Daran änderte auch die Nietzsche-Lektüre in der Kritischen Theorie, über die sich Iring Fetscher (Frankfurt) ausliess, herzlich wenig. Einen erstaunlich unpolitischen Nietzsche hatten demgegenüber die Wandervögel und andere Jugendbewegte der Jahrhundertwende im Sinn. Nach den Worten von Manfred Schneider (Bochum) fühlten sie sich vom Philosophen des Willens zur Macht eher zu einer elitären «Askese von allem Politischen» und zur Hoffnung auf Weltverbesserung jenseits des Politischen angespornt. Ihre Kenntnis von Nietzsches Werken beschränkte sich ohnehin auf Schlagworte; dem Philosophen kam hier eine «emblematische Funktion» zu. Man evoziert ihn als Autorität, ohne sich mit seiner Auslegung abzugeben.

In Nietzsches Rezeptionspanorama spielen die Schriftsteller seit je eine tonangebende Rolle. Das gilt auch für Nietzsche als politischen Philosophen. So haben, Sandro Barbera (Pisa) gemäss, die nietzscheanischen Topoi in Gabriele D'Annunzios schwülstigen Romanen sehr wohl eine politische Dimension. Jenseits und diesseits des Politischen war die Nietzsche-Faszination bei deutschen Autoren besonders ausgeprägt, obwohl sich bei näherem Hinsehen, wie Martin Meyer (Zürich) deutlich machte, markante Differenzen zeigen. Thomas Manns früher, von Nietzsche inspirierter Antidemokratismus eines Unpolitischen wandelte sich spätestens unter dem Eindruck der deutschen Katastrophe, die im «Doktor Faustus» (1947) mit Nietzsches Biographie enggeführt wird, zu einem demokratischen Humanismus, dem alle politischen Nietzscheanismen verdächtig sind. Gottfried Benns kritischer Geist hatte sich währenddessen mit Nietzsche so gut wie mit dem Nazismus zu arrangieren gewusst. Ernst Jünger schliesslich stand, nicht zuletzt seines Platonismus wegen, Nietzsche recht fern.

Wie nun aber steht es, angesichts dieses wechselvollen Rezeptionsschicksals und der politischen Nietzsche-Traumatisierungen, wirklich um das eigene politische Denken dieses «grausamen Hanswurstes» (Franz Schuh, Wien)? Dass er sich in einer Demokratietheorie, wie sie Otfried Höffe (Tübingen) skizzierte, allenfalls als Buhmann und Pappkamerad verwerten lässt, verwundert nicht weiter. Bei aller systematisch erzeugten Zweideutigkeit, der Gerd Günter Graus (Hannover) Aufmerksamkeit galt, bleibt doch ausser Zweifel, dass Nietzsche die universalistisch-egalitären Prämissen gegenwärtig populärer politischer Theorie nie geteilt hat. Allerdings kann man, wie Werner Stegmaier (Greifswald) bewies, in Nietzsche sehr wohl einen Vorreiter europäischer Einheit erkennen, der mitunter die Juden als deren Katalysator ansah. Derweilen warnte Urs Marti (Zürich), so hoch viele Diskussionsteilnehmer auch Nietzsches zeitdiagnostische Scharfsicht veranschlagten, vor einer simplen Metaphorisierung der drastisch klingenden, auf eine rigorose Kastenordung zielenden Aussagen des späten Nietzsche, die deutlich kontrastieren mit den liberal anmutenden Passagen aus Nietzsches mittlerer Schaffensperiode.

Begünstigung der Angepassten

Wer aus Nietzsche gleichwohl politisches Kapital zu schlagen hoffte, konnte sich endlich von Keith Ansell Pearson (Warwick) anregen lassen, der das Konzept des Willens zur Macht als alternatives Theorieangebot zu Darwins Evolutionslehre fasste. Die Natur scheint, so Nietzsches Interpretation von Darwin, die Angepassten und damit die Mittelmässigen zu begünstigen, wohingegen die von Nietzsche anvisierte und herbeigeredete Kultur die Ausnahmeerscheinungen, den «höheren Typus» Mensch ermöglichen soll. Künftige Evolution wäre somit etwas Künstlich- Technisches. «Grosse Politik», von der Nietzsche 1888 stolz sagte, es gebe sie erst von ihm an, meint etwas durchaus anderes als eine dem schrankenlosen Markt geschuldete «Globalisierung». Schrankenlos ist sie indessen auf ihre Weise auch.

Andreas Urs Sommer

 

© Neue Zürcher Zeitung - 07.10.1999

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