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Verantwortung für das Individuum

Der Europäische Theologenkongress in Wien

Nach christlichem Verständnis ist der Mensch Gottes Ebenbild. Darin liegt seine Würde, aber ebenso auch eine Bürde. Noch jedes Jahrhundert in den fast 2000 Jahren Christentum und wohl jede Generation von Theologen des 20. Jahrhunderts haben versucht zu definieren, womit und worin sich der Mensch als würdig zu erweisen habe. Problematisch für die christlichen Kirchen und ihre Theologen wird es dann, wenn sie sich mit ihren konkreten Menschenbildern in Konkurrenz zu Wissenschaften befinden, die ihrerseits Anspruch auf den Begriff des Menschen erheben.

So schien es auf der Höhe der Zeit zu sein, dass die Wissenschaftliche Gesellschaft für Theologie und die Evangelische Fakultät der Universität Wien für die vergangene Woche zu einem Europäischen Theologenkongress unter dem Titel «Menschenbild und Menschenwürde» in die österreichische Hauptstadt eingeladen hatten und auch namhafte Vertreter aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie Philosophie, Medizin, Ökonomie, Pädagogik und Rechtswissenschaften referierten. Dabei war freilich zu beobachten, dass sich jede der Disziplinen in der Beschreibung dessen, was sie für den Menschen tun will, und in der Angabe darüber, wer denn nun dieser Mensch sei oder eigentlich sein müsste, in Verlegenheiten befindet: so kann etwa die Medizin, die doch Menschen heilen möchte, nicht einmal mehr sagen, wann menschliches Leben beginnt und wann es endet; und die Ökonomie, die einst dem Optimismus folgen wollte, dass die optimale Eigensorge auch das Gemeinwohl fördert, sieht sich von der wirtschaftlichen Entwicklung bedrängt.

Jede Wissenschaft kann nur begrenzt ihr Ziel, für den Menschen dazusein, verfolgen. Gerade verantwortungsbewusste, selbstkritische Pädagogen möchten deswegen auch den Menschen vor einer Fremdbestimmung durch hehre Bildungsziele, also vor übertriebener Pädagogik, schützen und statt von den Defiziten empirischer Menschen lieber von der Fehlbarkeit theoretischer Annahmen sprechen. &endash; Es zeigte sich, dass jede Wissenschaft bestimmte Vorstellungen vom Menschen immer schon undiskutiert voraussetzt und dass sie die notwendige Diskussion über Menschenbilder sinnvoll immer nur im Dialog mit anderen Disziplinen führen kann. Dabei aber ist die Gefahr für die Wissenschaften nicht von der Hand zu weisen, dass eine unter ihnen aus ihrer Not eine Tugend macht und nunmehr den anderen wieder verbindlich vorschreiben möchte, wie der Mensch auszusehen hat, dem sie dienen sollen.

Auch die Theologie ist vor dieser Gefahr, entweder von anderen bestimmt zu werden oder diese bestimmen zu wollen, nicht gefeit, und sie muss sich fragen lassen, weshalb sie sich von den Menschen so weit entfremdet hat, dass dies möglich ist. &endash; Angesichts dieser Gefahr stellt sich aber folgerichtig die Frage, wer zumindest begrenzt vor solcher Fremdbestimmung schützen kann, und es war nicht ohne Ironie, dass auf dem Kongress ein Jurist, der deutsche Verfassungsrichter Paul Kirchhof, aufzuzeigen wusste, was gegenwärtig auf dem Spiel steht.

Der Schutz des Individuums vor Fremdbestimmung ist eine wichtige Aufgabe des Staates nach der christlichen Grundlage der Verfassung. Indem Kirchhof dieses näher begründete, empfingen die Theologen vom Juristen die Beschreibung dessen zurück, worin sich Menschenwürde unbedingt artikulieren muss, nämlich im Respekt vor einem Individuum, so wie es gerade existiert &endash; und nicht erst so, wie es sein könnte und sollte. Die Verlegenheit des weltanschaulich neutralen Staates liegt aber darin, zwar für die menschliche Selbstbestimmung eintreten zu können, nicht aber religiös für deren christliche Begründung. Der Staat kann sich nicht zu Gott bekennen und keinem Bürger den Glauben vorschreiben, obwohl er auf die innere Zustimmung möglichst vieler zu seinen Grundlagen letztlich angewiesen ist.

Kirchen, andere Institutionen, Organisationen, Vereine und letztlich jeder Bürger müssen also damit leben, dass der Staat einer Zustimmung bedarf, die er zwar befördern, aber nicht herbeizwingen kann. Letztlich werden sich die Bürger mit ihrem Staat und in ihm darauf zu verständigen haben, wie sie sich unter den neu entstandenen Bedingungen kultureller, religiöser und weltanschaulicher Vielfalt über die Begründung einigen können, der jeder zustimmen kann, ohne sich in seiner religiösen Freiheit verletzt fühlen zu müssen. Die Wissenschaften werden mit dem Staat und den relevanten gesellschaftlichen Gruppen die Frage klären müssen, wie der notwendige Dialog möglichst herrschaftsfrei geführt werden kann.

Friedrich Seven

 

© Neue Zürcher Zeitung - 12.10.1999

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